Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S2 „bi* # Weit" Seite 5 dringlichen Prahlsucht halten, lehren sie Juden und Christen, ihr lächerliches Treiben zu verachten. „Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind." Was mengt sich denn der Jude in den millionenfachen Chor, in dem die Christenheit von dem grossen Gedanken der reinen Nächstenliebe schwärmt? Gilt ihm die WeihnachtsStimmung, wird er miteinbezogen in das Fest des Friedens und der Liebe? Wenn die Weihnachtskerzen verlöschen und der rauhe Alltag kommt, geht der wilde, rücksichtslose Rummel gegen alles, was jüdisch ist, von neuem los. Wozu die Festtagslüge, ihr jüdischen Kriecher und Schwächlinge, wenn sie nur die Verachtung mehrt, die euch gewiss ist, wozu der unechte Weihnachtsdusel, wenn dröhnendes Gelächter aus den Reihen jener, um deren Gunst ihr buhlt, das wohlverdiente Echo ist? Je geräuschvoller ihr dabei eure verächtliche Rolle spielet, desto auffallender deckt ihr die wahren Motive eurer würdelosen Jagd nach fremder Gunst auf. Weihnachten ist das schöne Fest des christlichen Hauses. Es erhebt die Christen und soll sie läutern. Euch aber, die ihr es nachäfft und kopiert, erhebt und läutert es nicht, sondern ist euer alljährliches Wettkriechen und demoralisiert euch. Der Christbaum im jüdischen Hause ist der Helotenbaum, um den ihr den Sklaventanz auffahrt, das Symbol der Entjudung und Selbstverleugnung, Wir wissen ja, wie die „anderen" von diesen jüdischen Weihnachtsfeiern denken» Die Witzblätter erzählen es uns alljährlich in Wort und Bild. Den realen Hintergrund des Festes liess einmal der „Simplizissimus" einen jüdischen Kommerzienrat unter dem hellerleuchteten Weihnachtsbaum mit den Worten erläutern: „Warum sollen wir seine Geburt nicht feiern? Er hat doch das gute Weihnachtsgeschäft in die Welt gebracht/ Und die „Jugend" machte sich über die jüdische Weihnachtslüge lustig, indem sie Moritzchen die naive Frage in den Mund legte : „Mama, haben die Christen auch Weihnachten?" Deutlicher kommen diese in der Satire versteckten Wahrheiten in der antisemitischen Presse und in der christlichen Gesellschaft zum Ausdrucke. Sie will sich nicht foppen lassen und beantwortet die Anbiederungsversuche mit um so entschiedenerem Widerstand und Hass. Die Weihnachtsjuden haben ihr Assimilationsspiel verloren. Auch unter dem Christbaum blüht ihnen kein Glück. Es wäre verlockend, im Jahre der menschheitschändenden russischen Exzesse und der heuchlerischen Haltung der nichtrussischen Ghristengesellschaft der dreitägigen Weihnachtsstimmung, die zu Nächstenliebe, Friede und Liebe auf ein paar Tage verpflichtet, etliche Kultur- und Gesellschaftslügej, die in Judenfragen auch dem blödesten Auge sichtbar sein müssen, entgegenzuhalten, Es müsste dann ganz klar werden, wie ekelhaft kriecherisch das Treiben jener Juden ist, die in solchen Zeiten sich an Fremdgläubige und Fremdnationale, deren friedliche und liebevolle Weihnachtsstimmung die Juden ausdrücklich ausschliesst, heranschleichen und in erlogene Weihnachtsschwärmerei verfallen. Wie sieht es denn mit der Nackensteife und dem jüdischen Stolze der -udenkinder aus, die solcherart im Elternhause aufgezogen und moralisch verkrüppelt werden? Ein Teil sucht und findet unter der weisen Führung der Eltern den Weg zum Taufkessel und suggeriert sich weiter Weihnachtspoesie. Ein anderer Teil schleppt tatenlos und murrend sein Judentum weiter, sich selbst zum Verdruss, seinem Volke zum Schaden, den Nichtjuden zum Spotte. Was soll der Auchjude in seiner tödlichen Verlegenheit mit sich und denen seines Stammes beginnen? Er hilft sich, wie er kann und wie er ist Der Mauscheltypus entsteht und schafft eine Judenklasse für sich, während das jüdische Haus zwischen Purimkindl und Christkindl hin- und herpendelt. Mauscheis Purim- und Jörn Kipur- Posse bleibt der Aussenwelt unsichtbar, aber seine Weihnachtskomödie geht vor aller Welt vor sich und wird allen Juden aufs Kerbholz geschrieben. Nur eins freut uns: Mauscheis Weihnachtslügen haben gar so kurze Beine. I v r i. Mauschel am Kriegspfade. Wir dachten, die Neuberin hätte ihn auf Verlangen Gottscheds verbrannt; damals hiess er Hanswurst. Wir dachten, Herzl hätte den Mauschel ausgerottet. Weit gefehlt! Da ist er ja und bläht sich in seiner Ehrenstellung als Faktotum und Hausjude des Polenklubs. Hoch Dr. Byk, der Politiker! Bestreitet mir ja nicht, dass er ein Politiker ist — politisch durch und durch, bis auf die Knochen mit Ausnahme des Rückgrates, das ihm fehlt. Allerdings nicht für sein Volk, aber im eigenen, persönlichen Interesse ist er äusserst politisch. Er weiss, wie man Reichsratsabgeordneter ist und bleibt. Man muss einfach nur schweigen, wenns der hohe Herr gebietet, und reden, wenn es an der Zeit ist. Wenn zum Beispiel den Juden etwas passiert ist, etwas Himmelschreiendes, etwas, das so gross ist als Unglück wie die Unverfrorenheit des Dr. B y k, vielleicht die Polnaer Affäre oder die russischen Judenmetzeleien — seht ihr Kinder, dann ist es Zeit zum Schweigen. Denn die Regierung war dem Polenklub immer gefällig und da wird es doch nicht etwa ein frecher Jude wagen, wie ein Mann aufzutreten? Da stülpt man die grosse politische Schlafmütze über den Kopf und überhört das Schreien der Juden über ein Versprechen des Klubführers, nächstens wieder gewählt zu werden. Andere Parlamentarier leben vom Reden. Dr. Byk erhält sich durch Schweigen. Da kommt nun ein geschichtlicher Augenblick für ein Zehntel des jüdischen Volkes herbei. Den österreichischen Juden bietet sich die Gelegenheit, nationale Autonomie zu erlangen. Möglich, dass sie nur ein schöner Traum bleibt, aber niemand darf sich in einem solchen Augenblick des Müssigganges, der Passivität schuldig machen, am allerwenigsten die parlamentarischen Vertreter. Dr. Byk weiss das auch und richtet sich darnach. Nun also, Heil dem Wackeren! Die Völker stehen einander mit dem Messer gegenüber, da hat sich wohl auch Dr. Byk die Waffe geschliffen? Stimmt! Jetzt ist Reden politisch und Dr. Byk redet. Das Interesse des Polenklubs ist gegen die jüdische Autonomie und das löst unserem Politiker die Zunge. Und er zieht denn auch mit dem Messer aus, mit dem von bekannten Praktiken und Mogeleien vergifteten Messer, gegen alle guten Juden und jeden Gedanken an jüdische Ehre und vernünftige Politik. Lesen wir: „Lemberg, 26. Dezember. (Tel. d. Hemden-Blatt4.) Ueber Einladung des Reichsratsabgeprdneten Dr. Byk fand gestern im Saale des hiesigen jüdischen Gemeindehauses' eine vertrauliche Konferenz sämtlicher jüdischer Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Galiziens sowie der Vertreter der grösseren Kultusgemcindeu und anderer jüdischer Vertrauensmänner aus ganz üalizieu statt, in . welcher zur Frage der Wahlreform respektive der Kr.eierung einer speziellen jüdischen Wahlkurie und Schaffung der jüdischen Autonomie Stellung genommen werden sollte. Nach mehrstündiger Beratung gelaugte eine Entschliessuug zur Annahme, in welcher sich die Versammelten gegen die Errichtung einer jiidischuationalen Kurie und Schaffung -der jüdischen Autonomie aussprachen, weil sie