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Die Welt · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 „bi** w*ittt in deren man erschöpfte, schutzilehende Flüchtlinge sich bloss ausschnaufen lässt, um sie dann später, wenn auch ihre Verfolger sich wieder erholt und neue Kräfte des Hasses angesammelt halen, der Verfolgung und dem frischkräftige/i Hasse neuerdings auszuliefern. Und die Insassen der schmählichen Baracken, diese Elenden, denen die Gunst des primitivsten Gesetzes der Humanität versagt bleibt, sind nicht etwa Verbrecher, sondern selbst Opfer unsäglicher Verbrechen; und sie stehen zu den Leuten, in deren Schutz sie sich geflüchtet haben, nicht etwa in dem Verhältnisse von Fremden, sondern in dem Verhältnisse von Volksgenossen; und ihre Auslieferung an den* Staat, über dessen Grenze die Angst des Sterbenden vor dem Sterben sie trieb, ist nicht etwa ein von diesem Staate geforderter oder gewünschter, vielmehr ein ihm höchst unerwünschter Akt; und es ist im Grunde auch gär keine Auslieferung sondern ein preisgebender Verrat, der einem die Tränen der Beschämung in die Augen treibt. Wer ist es nun, der als Erbauer dieser Baracken an der gaiizischen Grenze die Schmach eines selbstverräterischen Volkes über uns gebracht hat? Wer hat es gewagt, das Geld, das \on jüdischem und christlichem Mitleid zur Linderung der russischen Judennot gesammelt wurde, auf so unerbauliche Weise zu missbrauchen? Und woher schöpften diejenigen, die es gewagt haben, die Anregung und den Mut zu ihrer Politik von Notbaracken für Auszuliefernde? Möge Lord Rothschild die Antwort zur Kenntnis nehmen; es sind dieselben I eute, die sich die. Argumente sei res zu einem gewissen Ruhme gelangten „Appells" angeeignet, die, seit jeher zerfahren, plan- und richtungslos sich unter seiner Fahne gesammelt und den Londoner Rothschild sich zum Führer erwählt haben. Es sind dieselben Leute, denen wir Zionisten seit einem Jahrzehnt die Wahrheit predigen, die Wahrheit über ihre schlechte, nutzlose, aussichtslose Judenpolitik, die Leute, denen wir klarzumachen versucht haben, welch'ungeheure Verantwortung sie als Verwalter toter Kapitalien für ein lebendes Volk auf sich laden. Wir durften hoffen, sie endlich zu überzeug n, sie unserem grossen Werk als Mitarbeiter zu gewinnen, ihrem toten Gelde die Seele einzuhauchen. Sie hatten bis auf den heutigen Tag unseren Argumenten kein Argument, unserer Politik nichts, was diesen Namen verdiente, entgegenzusetzen. Heute ist's anders. Heute setzen sie unseren Argumenten, unserer Politik einen Namen entgegen, einen grossen Namen: Lord Rothschild. In seinem Namen erbauen sie ihrer notleidenden Politik Notbaracken an.der gaiizischen Grenze. Es ist kein Namensmissbrauch. Offen und feierlich hat Lord Rothschild jede jüdischnationale Politik für unmöglich, unausführbar und unschädlich erklärt; hat die Parole ausgegeben, dass die russische Judenfrage nur in Russland selbst zu lösen ist auf die Weise, dass man den russischen Juden bürgerliche Rechte verschafft. Er darf sich nun über die Gefolgschaft der Barackenerbauer nicht wundern, die lauge vor Rothschild Rothschilds Politik getrieben haben und heute eigentlich mit Recht behaupten dürften, dass nicht sie ihm, sondern er ihnen folge. Will er ihnen bis zu den gaiizischen Baracken folgen? Bis an die Schwelle des Verrates, der das letzte Ergebnis einer schier strafwürdigen Einsichtslosigkeit ist? Hat er, der mit den russischen Juden so viel Mitleid bekundet, kein Mitleid mit seinem sehr edlen Namen, der, welches immer sein Klaiu in der jüdischen Geschichte dereinst sein mag, solche Befleckung wahrhaftig nicht verdient hat? Die Brüsseler Konferenz, die in einigen Wochen stattfinden wird, muss unter anderem auch diesen Fragen die Antwort suchen. Sie wird dokumentarisch feststellen müssen, auf welche Autorität sich diejenigen stützen, die den flüchtenden russischen Juden an der gaiizischen Grenze zurückhalten, um ihn zu gelegener Zeit dem Mütterchen Russland wieder in die Arme zu führen. Und wenn die Beschwichtigungshofräte des Judentums mit dem Ammenmärchen von dier alleinseligmachenden Kraft der bürgerlichen Rechte die gaiizischen Schandbaracken sollten rechtfertigen wollen, wird man ihnen die Aussage eines gewiss sachverständigen und unvoreingenommenen Zeugen, des als Vertrauensmannes russischer Hofkreise bekannten englischen Journalisten Stead entgegenhalten müssen, der sich nach den jüngsten Judenmassakers folgendermassen geäussert hat: „Diese Massakers sind bloss ein Anfang, ein ganz geringer Anfang. Wenn eine Militärdiktatur aufgerichtet wird, und das geschieht unweigerlich in dem Momente, wo Witte Schiffbruch leidet, so werden die Juden ganz einfach „zum Teufel" gehen. leb glaube, die russischen Juden haben eine sehr schlimme Zukunft zu gewärtigen. Die Reaktionären sagen alle, dass die Revolution einen jüdischen Triumph darstelle . . . Die Juden, als die unterdrückteste und zugleich begabteste Rasse in Russland, haben sich in den Kampf um die Emanzipation gestürzt und sind siegreich geblieben . . . Daher die Judenmassakers, die aber blosse Präludien zu Schreckensszenen sind, neben welchen die Bartholomäusnacht und die Sizilianische Vesper als verhältnismässig menschliche Episoden in der Geschichte der Menschheit erscheinen werden.'4 Das ist doch deutlich? Die russischen Juden sind erschlagen worden, weil sie, entsprechend dem Rothschildschen Rezepte, ihre Leiden durch eine Dosis bürgerlicher Rechte heilen wollten. Sollen s>e sich weiter um diese Arznei bemühen, die sich ihnen als tödliches Gift erwiesen hat, oder sollen sie flüchten, um in gaiizischen Baracken ihr Leben aufzusparen für die weiteren Fortschritte der Lösung der russischen Judenfrage auf russischem Boden? Dürfen sie wirklich nicht aus dem Zirkel heraus, in welchem es für sie sterben heisst, wenn sie unterliegen, und erst recht sterben, wenn sie siegen — und soll die Autorität Lord Rothschilds diesen Zirkel ausweglos für sie schliessen? Wir wissen nicht, ob Lord Rothschild einen Vertreter nach Brüssel schicken wird. Er sollte es tun; und wäre es auch nur, um die entehrende Meinung niederzuschlagen, als ob es zwischen dein Londoner Rothschild und der russischen Regierung einen ungeschriebenen Auslieferungsvertrag gäbe * . * Weihnachten der Jörn Kipur-Juden, Christkindl und Weihnachtsbaum sind im jüdischen Hause recht heimisch geworden* Eine kostspielige Modetorheit, hinter der uns albernste Assimilationswut entgegengrinst, haben sie sich in jüdischen Gesellschaftskreisen, die sich mit Vorliebe und allen Ernstes das schmückende Beiwort „fein" beilegen, zu unerlässlichen gesellschaftlichen Requisiten entwickelt Und können hie und da ein Gradmesser für die Entjudung, wollen Vorstufen zur Taufe sein. So ein „goldener Sonntag" an dem die Wiener jüdischen Damen hochelegant gekleidet und mit Paketen reich beladen die noblen Läden füllen und das eigenartige Gepräge des Strassenbildes verwischen, ist ihnen doch ein unbezahlbares Vergnügen. Man schreit es auf offener Gasse förmlich in alle Welt hinaus, wie emanzipiert, wie freidenkend man ist, wie verständnisvoll man Weihnachten mitfeiert! Es sind dieselben Leutchen, die am Jom Kipur die Synagoge zur Toiletteausstellung degradieren und dort eine Protzparade aller Modedamen veranstalten. Um Weihnachten herum lügen sie poesievolle Weihnachtsstimmung vor und führen sie spazieren. Die plumpe Posse von der Strasse wird dann im Hause von den christlichen Dienstboten und Hausfreunden bis zum Ekel weitergespielt. Die lachen sich ins Fäustchen, wenn die Bescherung vorüber und die Weihnachtsstimmung verflogen ist. Schlusseffekt: Die Anbiederung ist misslungen, ein grosser Aufwand unnütz ward vertan. An den zwei Feiertagen im Jahre, die unsere Assimilanten nach ihrer ureigenen Art, in ihrer unverfälscht auf*

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