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Die Welt · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 52 flbic Vwtit* Seite 3 Höhe seine Öpferfähigkeit gelangt, wenn es erst gelernt hat, sein Geben und sein Erwerben in ein 'regelrechtes Verhältnis zu setzen, wenn es, einer uralten Vätersitte folgend, nach dem Vorschlag eines unserer verdienstvollsten Gesinnungsgenossen zu dem Mittel der Selbstbesteuerung greift. Ehe dies nicht geschehen ist, rede keiner von dem armen Judenvolke. Es war reich genug, in wenigen Wochen Millionen aufzubringen; es, wird gewiss nicht ärmer, wenn es systematisch daran arbeitet, die' Anlässe zu solchen Sammlungen wie den gegenwärtigen'aus'der Welt zu räumen; ja, die Gefahr des Aermerwerdens ist unserem Volke viel näher, wenn man ihm zumutet, sich jeden Moment unvorbereitet zu finanziellen Aderlässen zu entschliessen. Zu viele Kraftproben sind die Erschöpfung der Kraft. Und besser als Kraftproben ist Kraftentwicklung und> Kräfteansammlung. Furchtbär hat der Pogrom gepredigt: die Wirkung seiner Predigt wird sich am Nationalfonds zeigen. Wenn die gegenwärtigen Sammlungen abgeschlossen und der elementare Taumel des aufs äusserste erregten Mitleids vorüber sein wird, werden die Juden erst das. Beschämende solcher Sammlungen einsehen, in denen die Bussegelder reuevoller Saumseligkeit und Gedankenlosigkeit vereinigt werden. Und mit dieser Einsicht beginnt die eigentliche Aera unseres Nationalfonds, dessen Zukunft die Zukunft unseres Volkes ist . . . Jubiläum des Hauses Lissa & Kann. Ein seltenes Jubiläum feiert das verehrte Mitglied des A.-C. Jacobus.' Kann. Das Bankhaus Lissa & Kann im Haag, das von ihm und Herrn S. J. Hogerzeil geleitet wird, begeht im den nächsten Tagen den Gedenktag der vor 100 Jahren erfolgten Gründung. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass das Bankhaus Lissa & Kann in pietätvoller Erinnerung, dem Beispiele seines Gründers folgend — wie sonst wohl nur wenige jüdische Häuser solchen Umfanges in Westeuropa — an Samstagen und jüdischen Feiertagen die Bureaus geschlossen hält. Sicherlich begleiten alle, die Herrn Jacobus Kann kennen lernen konnten, sein Jubiläum mit ihrenbesten Wünschen!. Allgemein bekannt ist ja, welch hervorragenden Anteil er an der Gründungsarbeit und seither an dem weiteren Ausbaue de1;' Jüdischen Kofonialbank genommen hat. Weniger bekannt dürfte es sein, dass der jetzige Mitinhaber der Firma Herr S. J. Hogerzeil, der nicht unser Volksgenosse ist, zu den fleissigsten Mitarbeitern und Förderern unserer Jüdischen Kolonialbank gehörte und noeh immer gehört. Er hat bei der Einrichtung der Bank wochen- und monatelang seine ausserordentliche Fachkenntnis und hingebende Tätigkeit zur Verfügung gestellt — und das in; einer selten selbstlosen Weise. Es ist für uns ein Herzensbedürfnis, diesem Sohn eines Pastors, der einer der begeistertsten Philozionisten ist, mit unseren innigen Glückwünschen bei dieser Gelegenheit auch unseren herzlichsten Dank zum Ausdrucke zu bringen. Zur Wahlrechtsfrage. Wie bereits gemeldet wurde, hat am 3t Dezember eine, aus allen Provinzen Oesterreichs beschickte Vertrauensmännerversammlung stattgefunden, welche über die Stellungnahme der Jaden zur Wahlrechtsfrage verhandelte. Die Versammlung stellte als unabweisbare Forderung die Erreichung einer jüdischen Minoritätsvertretung auf. "Iii diesem Sinne wurde von taktischen Beschlüssen gefässt, zu deren Durchführung ein Komitee eingesetzt wurde. Diesem Komitee gehören Vertrauensmänner in allen Distrikten an. Ausserdem hat sich das Komitee vergrössert, indem es Vertreter after jud^ und Organisationen iii kooptieren bestrebt ist. Diese Bemühungen sind noch nicht zu Ende. Derzeit sind aber im Komitee fast alle in Betracht kommenden Faktoren vertreten. Ebenso kann die Frage bezüglich der Agitation als bereits gelöst betrachtet werden. Die Vorarbeiten sind schon getroffen und die Aktion bereits im Gange, Arn 17. Dezember fand in Krakau eine Konferenz aller galizischen Distrikte statt. An derselben nahm der Obmann des Landeskomitees Dr. S c h a 1 i t teil. Es wurde eine vollkommene Einigung erzielt und alle Massnahmen getröffen, um die Forderung' nach einer jüdischnationalen Autonomie mit allem Nachdruck zu erheben und die Agitation mit allen Mitteln zu betreiben. Die Herren Adolf S t a n d, Dr. Goldwasser, Dr. W äs c h i t z, Dr. Brau.de. und Dr. S c hu r sind z*ur Durchführung der Aktion mit allen notwendigen Vollmachten versehen worden. In Mähren hat der Obmann des Landeskomitees Dr. Schallt mit Hilfe des. Prossnitzer Komitees, der Brünner Organisation, der Wiener Studentenvereine und der zionistischen Ferialverbindungen die Agitation eingeleitet. Herr Dr. Kadisch hat sich bereits am 20. Dezember nach Mähren begeben, um eine Reihe von Wandervorträgen zu absolvieren. Ebenso sind in Böhmen die Vorarbeiten im besten Gange und die Agitation hat begonnen. Dr. S chalit sprach bei der Prager Makkabäerfeier am 25, Dezember bereits über die Frage der jüdischen Autonomie. In der ersten Jännerwoche finden in Prag zwei grosse Volksversammlungen statt. Die Organisation der Provinz trifft das böhmische Durchführungskomitee, dass schon eine Reihe von Versammlungen ausgeschrieben hat. Die tschechischen Abgeordneten beginnen der Frage der jüdischen Autonomie ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie nehmen eine wohlwollende Haltung ein. Die Wiener Agitation wird in der ersten Jännerwoche einsetzen. Es werden an einem Tage in allen zur Verfügung stehenden grossen Sälen Wiens Massenversammlungen abgehalten werden. Mit dieser Aktion sind die Herren Dr. Margulies und Dr. Weisengrün betraut. Ein ungeschriebener Auslieferungsvertrag. Bei den alten Völkern galt der Hilfesuchende, der vor drängender Not ans der Heimat geflüchtet kam, als heilig und unverletzlich. Was immer auch sein Verbrechen sein mochte, wodurch er sich Iiass und Verfolgung seiner Volksgenossen zugezogen — das fremde Volk, alter Göttersatzung getreu{ nahm ihn in hebenden Bann, Der Araber von heute,- ritterlich, selbst wo er den Raub als edlen Erwerb schätzt, übt denselben uralt hochherzigen Brauch: wer seine Schwelle als Schutzflehender überschritten, darf ruhig, und wäre er ehedem seines Wirtes erbittertster Todfeind gewesen, sein Haupt zum Schlafe niederlegen. Ja. selbst die modernen Staaten, deren öffentliche Hurnanitätsübung krumm und verwickelt ist wie das Zeichen des Paragraphen", Haben einen Nachklang des edlen Gedankens in ihr Recht aufgenommen und liefern den Flüchtling nur aus, wenn seine Heimat "ein schweres und gemeines Verbrechen, z. B. Mord aus Gewinnsucht; an . ihm sühnen will. In allen anderen fällen ist über-die Landesgrenze zugleich die Grenze . zwischen Verfolgung und Schutz — zwischen der Verfolgung, der die Volks- oder Heimatsgenosseii des Flüchtenden ihn aussetzen und dem Schütze, den die. Fremde ihm gewährt. m : Nicht jede Lanxjesgren<ze erfreut sich aber so* ehrender'-' Bqd eutung.. Pie, galizische Landesgrenze . z.: B. ist in unseren ■ Tagen ,zur -,äussersten :Grenze, unimenscbilicher;Schande ige-, macht, ist durch eine Reihe von Baracken verunehrt worden,

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