Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316185--47628-3342509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 „Di* # weit" Nr. 52 Vorzugspreise von zwei Mark jährlich zu liefern. Indem wir so den Abonnenten der „Welt* die ausgezeichnete Zeitschrift zu hervorragend massigem Preise zugänglich machen können, freuen wir uns, dass wir dadurch Gelegenheit haben, allen unseren Lesern die spezielle Kenntnis der Verhältnisse Palästinas in einen! ausgedehnteren Masse zu vermitteln, als es im Rahmen unseres Blattes möglich wäre. Die Administration. Silberne Hochzeit des Präsidenten des Aktionskomitees. Am 21. Dezember 1905 feierten Herr und Frau Wolffsohn ihre silberne Hochzeit. Es entsprang dem besonderen Wunsche des Präsidenten unseres Aktionskomitees, angesichts des schweren Unglücks, das unsere Brüder in Russland heimgesucht hat, den Festtag in aller Stille und in Zurückgezogenheit zu begehen. Die engeren Freunde des Festpaares haben sich naturlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Herrn und Frau Wolffsohn ihre innigsten Glückwünsche zu übermitteln. Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, dass alle Zionisten auch bei diesem Anlasse sich vereinigen werden in dem Gefühle der Freude, dass es ihrem Präsidenten vergönnt ist, in völler Kraft, getragen von den Sympathien der zionistischen Organisation, die fünfundzwanzigste Wiederkehr seines Hochzeitstages zu feiern. Mögen sich ihm an der Seite seiner Gattin und treuen Mitarbeiterin auch die zukünftigen ,,Tage schön und glücklich gestalten! Aus Anlass dieses Festtages hat die „Zionistische Verei iigung für Deutschland4* eine „Sonderstiftung des N a t io n alf o n d s" ins Leben gerufen und ihr als Grundlage 3000 Mark überwiesen. Aus dieser Stiftung soll in Palästina Land angekauft werden, das den Namen „David Wolffsohn* tragen soll. Voa den nächsten Freunden des Festpaares wurde ihm ein prachtvoller Teppich gewidmet, dessen Zeichnung E. M. Lilien entworfen hat. Die Sammlungen für das Nationalgeschenk für die Kinder Theodor Herzls haben bis zum heutigen Tage die Summe von über 9000 Pfd. Sterl. ergeben. Indem das Komitee hiermit die Sammlung schHesst, will es nicht unterlassen, allen, die zu dem Nationalgeschenke beigetragen haben, auf diesem Wege seinen Dank zum Ausdrucke zu bringen. Das Komitee für das Nationalgeschenk für die Kinder Theodor Herzls, Für das Komitee: David Wolffsohn. Der Nationalfonds. Das Verwaltungszentrum des Zionismus rückt von Wien fort nach dem grossen, heiligen Kölm — von jetzt ab auch für uns heilig als der neue Erregungsmittelpunkt unserer Hoffnungen. In Wien, das als erster Vorort unserer Bewegung und als Herzls Wohnort in der Geschichte des Judentums seinen unverlierbaren Platz behält, bleibt nichts zurück alsi die Natioiialfondskommission. Sie bleibt zurück als ein stolzes Recht der österreichischen Juden, auf einem wichtigsten Teile des Kampffeldes neujudischer Politik die führende Parole auszugeben; aber auch als sinnenfällige Mmnerüy in der Erfüllung unserer vornehmsten Pflicht nicht mi de und nicht lässig zu werden. Es ist in der letzten Zeit weniger}als sonst vom Nationalfonds die Rede gewesen. In den j betäubend1 lärmvollen Stürmen der russischen Judennot schwieg die Stimme ( des Agitators. Die Dinge selber redeten für ihn, in ihrer überlauten, eindringlichen und; unwiderleglichen Sprache. Wen diese nicht überzeugt, den überredet kein Agitator^ Und wer sich deshalb in diesen Tagen in Sachen des Nationalfonds1 an Juden wendet, wendet sich von vornherein an die schon Ueberzeugten: nicht um Spenden braucht er zu bitten, sondern zur richtigen Art des Gebens aufzufordern. Gebelustig sind die Juden: das haben sie in dien letzten Wochen in lobenswerter, bewunderungswürdiger Art bewiesen. Fast ohne Organisation, auf blosse Aufrufe in den Zeitungen, sind aus allen Teilen der Welt Millionen zusammengekommen. Die Armen und die Reichen haben beigesteuert und das Resultat wäre eine Ehre für das* jüdische Volk, wenn die Sammlungen vor den Massakers begonnen hätten, nicht aber erst unter) deren wuchtigem Eindruck zustande gekommen wären; wenn diesem Oelde nicht der Fluch anhaftete, zu spät gekommen zu seio. Bei jüdischen Leichenbegängnissen' ist es Sitte, dass-ein von der Gemeinde befugter Sammler die Trauergäste zu Spenden auffordert mit dem Rufe: „Wohltätigkeit rettet vor diem Tode!" Auchjetzt haben die Juden angesichts eines grossen Friedhofes gesammelt. Aber diese Wohltätigkeit rettet keinen mehr vor dem Tode. Sie unterstützt >u<m der Toten willen diejenigen, die des nächsten Pogroms Opfer sein können.' Sie sammelt an Särgen. Gebelustig sind die Juden, und auch überzeugt sind sie — endlich! — dass für die unglücklichen russischen Brüder etwas geschehen müsse. Nur1 was zu tun und wie zu geben ist, darin sind sie noch immer nicht e i n e r Meinung. Nun fallen aber diese beiden Fragen in eine zusammen. Man muss wissen, was veraüoftgemäss für die russischen Juden getan werden kann und muss* um die richtige Art des Gebens zu erkennen. Denn dass das blo&se Spenden noch keine zweckmässige Handlung, dass das blosse Geld noch keine Politik ist, das sieht nachgerade auch der kurzsichtigste, auch de<r oberflächlichste Kannegiesser ein. Was also jetzt nottut, ist, deni Juden die eigentliche Lehre des Pogroms klarzumachen, ihnen zu zeigen, dass die einzig wahre Lösung der russischen Judenfrage in der Erlösung aus Russland, in der geregelten Auswanderung, in der Schaffung einer sicheren Zufluchtsstätte besteht. Ist das einmal begriffen^ danin ist uns um die Zukunft des Nationalfonds nicht bange. Denn dann ist es sicher und gewiss, dass er so gross sein wird, wie man ihn braucht, in dem Momente, wo man ihn braucht. Diese Sicherheit, diese Gewissheit schöpfen wir gerade aus dem Schicksal der gegenwärtigen Sammlungen. Eines der beliebtesten Argumente unserer Gegner ist es ja, unser Volk als arm hinzustellen, als so arm, dass es sich nicht aus eigenen Mitteln helfen könne. Wie ist das nun? Reich ist unser Volk nicht; gerade dass die Namen unserer wenigen Reichen fortwährend auf aller Lippen sind, beweist unsere durchschnittliche Armut. Aber opferwillig ist unser Volk wie kein zweites auf Erden; und was es jetzt für die russischen Juden zusammengebracht hat, ist keineswegs die letzte und äusserste, selbsterpresste Steuer, sondern nur ein Anfang, ein Beweis dessen, wozu es fähigist, wenn man an sein Herz appelliert. Das Zwanzigfache kann und wird das jüdische Volk hergeben, wenn man sich nicht nur an sein Herz und an seine Nerven, sondern auch an seine Logik und seinen Verstand wendet. Das Zwanzigfache: denn diesmal hat unser Volk erst gegeben, wie man. einem Bettler gbit, in dessen Hand man, vom Augenblick erschüttert, ausstreut, was man gerade im Sack© vorfindet Oar nicht zu berechnen aber ist, auf welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.