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Die Welt · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 51 „Dl* * Wtlt Seite U Russen aus Warschau zu vertreiben und für kurze Zeit der Wiedergeburt Polens sich zu treuen. Nie haben die Schulen hier diesen Gedenktag mitgefeiert. Nun wurde diese Gelegenheit schnell ausgenützt und in den Kirchen sowohl wie im Tempel zu diesem Behüte ein Gottesdienst für die in diesem Aufstande gefallenen Polen bestellt, damit die Schuljugend beider Konfessionen daran teilnehmen solle. Die Initiativ« zur Begehung dieser polnischen Nationalfeier soll zwar, wie es allgemein heisst, von der Mittelschuljugend ausgegangen sein, wie aber so etwas in Szene gesetzt wird, weiss man schon. Der hiesige Kultusvorstand, dienstfertig wie immer, sobald es sich um die Betätigung des polnischen Patriotismus handelt, öffnete bereitwillig die Tore des Tempels und beauftragte mit der Abhaltung des Gottesdienstes Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Gutmann. Man denke sich nun die langen Gesichter der Arrangeure, als zu dieser Feier, nur e i n kleiner Bruchteil der jüdischen M i 11 e 1 s c h u 1jugend erschien und die jüdischen Schüler einiger Gymnasien mitsamt ihren Religionslehrern gänzlich fehlten. — Einige junge Gymnasialsupplenten arischer Abkunft gingen statt im die Kirche in den Tempel, um sich an den merkwürdigen Ausbrüchen jüdischpolnischen Patriotismus zu ergötzen. Und da kamen sie um dieses Vergnügen, denn was sie hier sahen, war nur eine kleine Schar j ü di sehe r Schüler. Sie wurden darüber direkt wütend und betrugen sich gerade nicht, wie Bildner der Jugend sich betragen sollten, noch dazu an geheiligter Stätte. Besonders bemerkbar durch sein provozierendes Betragen machte sich Gil-Blas — ein arischer Supplent von antisemitischen Allüren, der in der kurzen Zeit seines Lehrertums besonderes Talent für das — Schnüffle rtum bekundete. Während er mit dein löblichen Vorsatz hinkam, jene Schüler, die wegblieben, zu vernadern, machte er nun die Entdeckung, dass gerade aus jenem Gymnasium, dessen Lehrkörper er angehört, kein einziger jüdischer Schüler anwesend war. Nach längerem. Warten betrat endlich der Rabbiner die Kanzel und wollte mit dem Vortrage des Gebetes beginnen, da wurde plötzlich, ohne dass es vorher im Programm bestimmt war, von jüdischen Schülern mit entblösstem Haupte „Boze cos polske" intoniert. Dort anwesende Zionisten, angeekelt durch solche Entweihung des -Gotteshauses, erhoben laute Protestrufe und als der polnische Gesang trotz alledem nicht verstummen wollte, sangen sie ihrerseits „Od le Owdo". Da raste Gil-Blas in wilden Schritten durch die Bankreihen hin, jeden Schüler grob anfahrend, der nicht laut und vernehmlich „Boze cos polske" mitsang. Darüber entstand ein Tumult, der überallhin eher als im eine Synagoge passte, und der Rabbiner verliess die Kanzel. So endete die j ü d i s c h - p o 1 n i s c h e Nationalfeier im Tempel. Einige lügnerische Anwürfe in der polnischen rietzpresse und einige Disziplinaruntersuchungen gegen die jüdischen Religionslehrer leisteten sich manche als „Extra- Vergnügen". Während sich nun diese Vorgänge im Tempel abspielten, ereignete sich vor der Kirche ein nicht . minder beachtenswerter Vorfall. Als dort der Gottesdienst zu Ende und die Schüler in Begleitung ihrer Lehrer wieder in die Schule gehen sollten., verweigerten die Realschüler den Gehorsam. Ohne auf ihre Professoren zu achten, durchzogen sie mit einer rotweissen Standarte die Strassen der Stadt, patriotische Lieder singend. Sie zogen vor sämtliche Gymnasien, schreiend und singend und die Schüler auffordernd, sich ihnen anzuschliessen. In einem Gymnasium schlugen sie sogar sämtliche Fensterscheiben ein. Erst der Intervention der Polizei gelang es, sie zu zerstreuen. Einen solchen Erfolg hatte der erste Versuch, die Schule zu nationalisieren. Während man von der Bestrafung der streikenden Schüler absah und sich auf einen gelinden Verweis und dem Ausschliefen einiger Rädelsführer beschränkte, Hess man die jüdischen Schüler und die jüdischen Religionslehrer die ganze Macht fühlen. D i c S c h u 1 bc - h ö r d e verbot den hebräisch e n Unterricht in den Mittelschulen und befahl den Religionslehrern, sich u u r auf den jüdischen Religionsunterricht im engst e n Sin nedes Wortes zu beschränken. Wie sich unsere Kultusvorstände zu diesem Verbote stellen werden, bleibt noch abzuwarten:. Werden die männlich genug sein, d a s z u f o rd e r n, was ihnen, was den Juden rechtlich g eb ü h r t? .... Wer weiss ... j. s. p. Politische Rundschau. Die A'ktion für die nationale Autonomie ist kaum eingeleitet und schon schreien die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Assimilanten aller Zungen nnd Parteischattierungen ihren Protest in die Welt. Wie die Protestrabbiner seligen Andenkens, die dem Zionismus seinerzeit ihren Bannfluch entgegen schlenderten. Am possierlichsten gebärden sich die polnischnationaloii Juden, die im ,,Slowo Polskie" ein geharnischtes Manifest gegen die Zionisten vom Stapel gelassen nnd den Polen unwandelbare Treue gelobt haben. Der letzte Kaftanjude wird nicht so würdelos nnd unterwürfig Gunst und Duldung erschmeicheln, wie es im Manifest seitens moderner, freiheitlicher Polenschwänner geschieht. Der pro domo erlassene Protest des Abgeordneten Dr. Byk. dieses typischen und unsympathischesten Repräsentanten des politischen Hansjndentnms in Galizien. kommt nicht überraschend. Dem ehrenwerten Manne geht's an den Kragen, wenn die nationalen Juden Erfolg haben.*) Die ,.(rlanhensgenossenschaft", als die er die jüdische Nation allein gelten lassen will, kann er im Dienste des Polenklnbs für sich nnd diesen exploitieren. ihre nationale Anerkennung wäre für ihn nnd seine polnisch-jüdischen Kompagnons das Ende politischer Herrlichkeit. Die Bekämpfnngsnnd Protestmotive solcher Ben tema eher und Profitpolitiker sind so rlnrchsichtig, dass sie ernstlich nicht widerlegt werden müssen, zn niedrig, um anf die Daner die natürliche politische Entwicklung der österreichischen Juden hintertreiben zn können. TTand in Pfand mit den Kreaturen des Polenklnhs gehen im Wesien die getauften nnd nmretanften Yerlegenheitsjuden, die durch die aufgeworfene Frage nach, der nationalen Einreibung arg irritiert sind und nationale Earhe hekennen zn müssen iiher alles fürchten. Der Schreck ist ihnen in die Glieder gefahren nnd sie werden, je weiter die Bewegung vorwärtsschreitet, ans ihren politischen SWilnpfwinlHn hervorkriechen. Es wird ihnen nichts übrig Weihen, als sich zur Wehre zn setzen oder mitznmarscTvieren. Tmd sie werden protestieren, hinter den Kulissen intrigieren, den Jüdischnationalen in den Rücken fallen. Wir sind darauf gefasst. Reinliche Scheidung tut gnt und erhöht unsere Arbeitskraft, die nur gelähmt wird durch Komproinisse und hinterhältige Bundesgenossen. Eine einheitliche, bewnsst jiidischnationale Masse bin lichten wir nnd nicht hindernde Anhängsel, die mir halb bei der Sache sind nnd hei halber Arbeit sich mit halbem Erfolge begnügen. Der Stein ist im Rollen, das Ziel abgesteckt, ein Zurück nicht mehr möglich. Die Zionisten in Oesterreich stehen vor einerernsten, entscheidenden Kraftprobe. "Mögen sie ihr gewachsen sein! * * * Die jüdischen Blätter im Deutschen Reiche beschäftigen sich sehr eingehend mit dem Entwurf eines Gesetzes *) Es ist die Angst, pure Angst, die aus allen diesen Kundgebungen spricht. Jene Angst, die der Dichter mit den Worten bespöttelt; „Wenn die Kinder sind im dunklen, Wird beklommen ihr Gemüt, Und um ihre Angst zu bannen. Singen sie ein lautes Lied!"

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