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Die Welt · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 f,bf* *> W*Jt" Nr. 51 r^^r^^^j Aus Paris kommt die Nachricht vom Tode des Grossrabbiners von Frankreich, Zadoc Kahn, der, 64 Jahre alt, einem typhösen Fieber erlege?* ist. Sein Tod fällt in eine Zeit, da infolge des Separationsgesetzes Staat und Kirchen in Frankreich auseinandergehen und die jüdische Konfession so gut wie die katholische und Protestant:sche zur selbständigen Besorgung und Finanzierung ihres Kultus gezwungen wird. Zadoc Kahn war also der letzte französische Grossrabbiner, der seinen Gehalt vom Staate bezog, der letzte, dessen Stellung vom Staate selbst mit allen Garantien der Autorität umgeben wurde. Unter dem neuen System geht das französische Judentum einer nicht unbedenklichen Prüfung, das Wort in seinem letzten Sinn genommen, entgegen: es wird zu zeigen haben, wie viel ihm an seiner Existenz gelegen und welche Opfer es um dieser willen zu bringen gewillt ist. Der Ausfall dieser Prüfung wird zugleich einen Massstab abgeben für die Wirkung, die Zadoc Kahns Leben und Schaffen auf das französische Judentum geübt hat. Zadoc Kahn war einer der bedeutendsten Kanzeilredner des gegenwärtigen Judentums, ein Mann von sicherem Geschmack und feinstem Stilgefühl.. Ein grosser; Teil seiner Predigten ist auch im Drucke erschienen. Als Gelehrter hat sich Kahn durch die in mehrere Sprachen übersetzte Schrift: „Die Sklaverei in Bibel und Talmud" einen Namen gemacht: er hat darin die Gleichartigkeit der jüdischen und der französischen Gnundanschauungen über Menschheit und Menschlichkeit hervorgehoben. Aehnliche Tendenzen finden wir in seiner Arbeit: „Die französische Revolution und. das Judentum". Ausserordentlich hingebungsvoll war seine Tätigkeit auf philanthropischem Gebiete. Der verstorbene Baron Gustav Rothschild brachte ihm die ehrende Bezeichnung eines ersten Bettlers der Gemeinde auf. In der Alliance Israelite und im Zentralkomitee der Jewish Colonization Association war seine Stimme massgebend; über die Lage der Juden in Russland und Rumänien war er fortlaufend ausgezeichnet informiert und nahm an allen Hilfsaktionen zu ihren Gunsten mit ganzer Seele teil. Das tragische Moment seines Lebens bildete — die Dreyfus-Affäre. Er konnte es gar nicht glauben, dass in seinem Frankreich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Judenhass aufkommen und den grössten Teil der Nation in seinen Bann schlagen könne. Er selbst wurde zur Zeit der „Affäre" in den antisemitischen und nationalistischen Blättern heftig angegriffen. Von da an vollzog sich in Zadoc Kahns Weltanschauung, soweit sie das Judentum betraf, ein deutlicher und natürlicher Wandel. Er begriff ganz gut, dass die Dreyfus-Affäre ein Schulfall war, an dem die Notwendigkeit und die Forderungen des nationalen Judentums zu demonstrieren wären. Und wenn er auch nicht offiziell ins nationale Lager des Judentums überging, so hat er doch mehrfach gezeigt, dass seine Sympathien den Männern gehörten, die der Zukunft des Judentums neue, festere Grundlagen zu schaffen sich bemühen. Brief aus Lemberg. In der letzten Zeit tobte sowohl im hiesigen Landtage wie auch im Gemeinderate eine Schuldebatte, die sich in merkwürdigen Bahnen bewegte. Man merkte es den vielen mehr oder weniger bedeutenden Rednern an, dass sie in der „Schule von heute" ein längst entschwundenes Ideal vermissen und dass sie solches mit aller Gewalt wieder herbeisehnen. Die Gegenwart hat, was auch der minder begabte Beobachter leicht wahrnehmen kann, eine hohe Scheidewand zwischen der arischen und semitischen Schuljugend errichtet. Das Vertrauen und die Anhänglichkeit zwischen Lehrer und Schüler ist geschwundeil! und statt dessen haben sich schroffe Gegensätze herausgebildet. „Einflüsse ,von Aussen" machen sich unter der Schuljugend immer mehr bemenkbar, so dass schnüffelnde Professoren, deren es letzt in Menge gibt, Sozialismus, ja sogar, man höre und staune, — Zionismus, zwischen den Schulbänken zu wittern vermeinten. Wie aber jene goldenen, längst vergangenen) Zeiten für die Schule wieder herbeiführen? Sämtliche Redner suchten nach Mittel und gerieten auf — Abwege. Viele gar, und darunter auch viele — Juden, wollten den heutigen ungemütlichen Zustand in der Schule, den jüdischen Religionslehrern und dem jüdischen Religionsunterrichte in die Schuhe schieben. Zuviel Religion resp. Hebräisch, wird in den Mittelschulen den jüdischen Schülern beigebracht. . . . Aber auch zu wenig polnischnationaler Geist wird der Schuljugend eingeimpft . . . Die jüdischen Religionslehrer sollen sich nur auf den Religionsunterricht beschränken, sie dürfen aber nicht irgendwelche Kenntnisse des Hebräischen, und wenn sie noch so minimal wären wie das blosse Lesen, von den jüdischen Schülern verlangen, hingegen hat die Schulleitung darauf zu achten, dass in der Schule polnischer Patriotismus in ausgiebigem Masse gelehrt werde..... Und als ein alter Schulmann, natürlich ein guter Christ und noch besserer Pole, einzuwenden sich erlaubte: er wisse nicht wie polnischer Patriotismus eigentlich gelehrt werden solle, da wurde ihm seitens der polnischen Presse heimgeleuchtet. Diese Schuldebatte also bot auch unseren massgebenden Polen mosaischer Konfession reichlich Gelegenheit, vor sich und der polnischen Welt ihren Patriotismus kundzutun, Gelegenheit, sich und ihre christlichen Kollegen an die mächtige Existenz eines jüdisch-polnischen Patriotismus wieder glauben zu machen. Kurz unsere Juden, die im Landtage und im Gemeinderate 'reden durften, schwelgten in Wonne. Sie ernteten Augenblickslorbeeren, wie schon lange nicht und konnten stolz sein auf das Lob und die Anerkennung, die ihnen die polnische Presse gespendet. Nicht einmal der Vorwurf, dass es auch jüdische Zionisten gebe, wurde ihnen gemacht, und auch ihr im Brusttone der Ueberzeugung zum Fenster hinausposaunter Patriotismus wurde nicht angezweifelt, wie es in letzter Zeit sehr häufig vorzukommen pflegte .... Gott, wie haben sich die Zeiten wieder gebessert! Nun wollen wir uns auch näher die Früchte ansehen, die diese Dehatte gezeitigt. Vor allem fanden; unsere — Juden Nachbeter in Menge. Die polnische Presse konnte eine Zeit hindurch Zuschriften jüdischer Väter und jüdischer Mütter veröffentlichen, die alle ihre Entrüstung über den strengen Religionsunterricht in den Mittelschulen kundgaben und mutvoll mit geschlossenem Visier und vermummten N a m e n s i n i t i a 1 i e n über die eifrigen ihre Pflicht erfüllenden Religionslehrer herfielen und an ihnen kein gutes Haar Hessen. Ist es denn zu wenig, wenn jüdische Schüler Latein, Griechisch, Polnisch und Deutsch lernen, sollen die auch Hebräisch lern e n? . . . Das Hebräische soll und muss abgeschafft werden, dieses bisschen Hebräisch, das sich kaum aufs mangelhafte Lesen und K en n e n de r Buchstaben beschränkt, soll aus der Schule verschwinden . . . Das verlangten jüdische Väter und jüdische Mütter hoffnungsvoller Knaben... An den griechischen Unterricht wagten sie sich nicht heran, diese mutvollen Briefschreiber, der schien ihnen notwendig, nur das Hebräische war ihnen — überflüssig...... Aber auch die Schulleitung ging daran, die Schule zu nationalisieren, polnischen Patriotismus und polnischen Geist der Schuljugend einzuimpfen. Und bald bot sich auch Gelegenheit, dies öffentlich zu betätigen. Der 29. November ist ein polnischer Gedenktag. Im Jahre 1830 am 29. November gelang es den aufständischen Polen, die

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