Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 „bi* * weit11 Seite 9 schrecken nicht schuldlos ist, da sie 25 Jahre ruhig zugesehen hat, wie die Regierung und die reaktionäre Presse die Juden durch beschränken de Gesetze und Hetzereien der niedrigsten Art verfolgen, und auch jetzt noch verhält sich diese Gesellschaft fast gleichgültig gegenüber der Rechtlosigkeit der Juden. Die Versammlung versichert zugleich, durch die organisierten verbrecherischen Massakers sich nicht im Kampfe für das jüdische Volk, dessen Rechte, Freiheit und Gleichheit abschrecken zu lassen." Zum Zeichen der Ehrung der hingeschlachteten Opfer und der Trauer über die heldenmütig gefallenen Kämpfer für Freiheit wurde die Versammlung unter Verzichtleistung auf die angesetzte Tagesordnung geschlossen. Dienstag den 22. ds. fand, eine grosse Versammlung des „Jüdischen Vereines zur Erlangung der Gleichberechtigung" statt, die bis Donnerstag dauerte und sich eingehend nicht allein mit den Ursachen und der Geschichte der Pogrome, sondern auch mit den Mass>regeln befasste, die zur Verhütung und Verhinderung solcher Ereignisse ergriffen werden..müssten. Leider waren auf dieser Versammlung nur wenige Delegierte aus den Provinzstädten anwesend, so dass gleich nach der Eröffnung ,ein Redner seine Zweifel darüber geltend inachen konnte, ob den Beschlüssen der Versammlung die volle Bedeutung einer wirklichen Volksvertretung beigemessen werden könne, lieber den Verlauf dieser Verhandlungen werden wir noch Näheres bringen. Vorläufig wollen wir hier eine andere wichtige Versammlung erwähnen, die anlässlich dieser Tagung ebenfalls am 22. d. M. in Petersburg stattgefunden, hat. Das war ein zionistisches Meeting, mit mehr als 2000 Besuchern, hauptsächlich aus der Jugend, das sich zu einem imposanten einhelligen Protest gegen die schrecklichen Oktoberereignisse gestaltete. Die Redner sprachen ausserordentlich feurig und wurden mit Begeisterung .angehört. Die Herren P o 1 j a k o f f und B e 1 k o w s k y sprachen zunächst über die Pogrome, über das Verhalten der russischen Gesellschaft zu denselben und verwiesen auf die Zwecklosigkeit, wenn die Juden irgend welche Hilfe von anderer Seite als von sich selbst erwarten. Die einzige endgültige Selbsthilfe sei der Zionismus. Herr Ussischkin schilderte die optimistische Stimmung, mit der man die „Freiheit" erwartete, „sie" sei nun da und brachte den Juden nichts als Schrecken und Mordbrenner.. Die Zionisten waren«, die einzigen, die niemals vorher im Irrtum lebten, die es wohl wussten, dass mit der Freiheit ihnen noch viel fehle. Sie kannten die grösste Gefahr, die für das jüdischeVolk bestehe, die darin besteht dass •es schwach ist; und es ist deshalb so schwach und machtlos, weil es kein normales Leben führt, weil es für Fremde arbeitet. Unsere einzige Aufgabe ist, dieser Schwäche, die im Gorsleben besteht, ein Ende zu machen. An den befreienden „Gott" der Sozialdemokratie glaube er nicht . . . (Heftiger Widerspruch seitens der Sozialisten.) „Wenn die Sozialdemokraten einst zur Herrschaft gelangen, werden sie ebenso daran vergessen, dass Marx und Lassalle Juden waren, wie die Christen im Laufe der Jahrhunderte vergessen haben, dass Christus ■ein Jude war!" Im Namen der „Poale Zion" erklärte Herr Nowakowsky, dass der Kampf für die Freiheit notwendig esi, denn durch diesen allein können die Juden Selbständigkeit erlangen, um so leichter zum Endziele, dem Zionismus, zu gelangen. Herr Dr. S. Lew in verwies in ergreifenden Worten auf die traurige Erscheinung, dass in unserer Leidensgeschichte die tausende von Gefallenen mehr als Märtyrer" denn als ,.Helden" gefallen sind. Durch positive Arbeit können wir es dazu bringen, dass unsere Märtyrer Helden werden. Herr Sokolow trat energisch der viel verbreiteten selbsttäuschenden Anschauung entgegen, dass die Pogrome ein Werk der Konterrevolution u. dgl. wären. Herr Schab otinsky bezeichnet es als einen Irrtum, wenn man glaubt, die Juden hätten sich nicht an dem allgemeinen Kampfe zu beteiligen. Es sei aber ein ebenso grosser Irrtum, zu glauben, dass mit dem Eintreten der Freiheit unsere Leiden ein Ende nehmen würden. Wir müssen mit egienen Kräften für unsere Zukunft vorso-r&en. Die Tatsache, dass Fremde den Judenschmerz nicht verstehen, nicht lindern können, sei auch dem „Bund" bekannt; wir aber sind daher noch konsequenter und meinen, dass hierorts keine Besserung jemals zu erwarten sei, da wir immer die „Fremden" bleiben werden, deren Schicksal den anderen gleichgültig sein wird. Die Bundisten sollten uns weniger anfeinden und verdächtigen. Sie begehen denselben Fehler, den unsere Bourgeoisie beging, die sich den Liberalen verschrieb und auf deren Hilfe vertraute. „Die jüdischen Arbeiter, die so ganz auf das russiche Proletariat vertrauen, mögen sich die Frage vorlegen, was denn die russischen Arbeiter zur Verhinderung der Pogrome getan haben? Das Proletariat hat zwar nicht geraubt, nicht gemordet, aber es hat uns auch nicht geschützt und die Pogrome nicht verhindert. Das Proletariat, das jetzt eigentlich Russland, beherrscht, vergass an uns . . . D«is ist, wenn ihr wollt,-ebenfalls ein Pogrom. Noch ist das Feuer der Pogrome nicht erloschen. Wenn sich erst die Bauern erheben und in die Städte ziehen, dann wird jüdisches Blut in Strömen fliessen. Nur ein eigenes Land kann uns vor solchen Leiden b e w a h r e n." Die Versammlung fasste folgende Resolution: „Die Pogrome, die sich im Oktober l. J. ereigneten, zur Zeit, da die russische Befreiung erschien, haben ihre hauptsächliche Ursache jn der nicht normalen Lage des jüdischen Volkes. Rechtlos, zerstreut und verdrängt aus allen Formen des wirtschaftlichen Lebens, ist das jüdische Volk jederzeit das erste Opfer aller religiösen, politischen und sozialen Bewegungen. Der abnormalen Lage des jüdischen Volkes, die den Mass der Völker gegen dasselbe geschaffen hat, bedienten sich die Machthaber der mit dem Untergange ringenden Autokratie und diese organisierte mit Hilfe der Polizei und des Militärs die Oktober-Massakers. Die Versammlung findet nicht genug Workzum Ausdrucke der Schmach für die Schuldtragenuen und fordert die unverzügliche Bestrafung aller Schuldigen. Die Versammlung findet, dass das Manifest vom 17. Oktober für die jüdische Bevölkerung in Russland keinen Wert hat, solange das jüdische Volk rechtlos ist, und sie fordert die sofortige Gleichstellung der Juden in allen Rechten. Die Versammlung konstatiert mit grosser Trauer, dass die Mehrheit der russischen Oesellschaft den Pogromen ganz gleichgiltig gegenüberstand, wie aus der Presse zu entnehmen ist. Verschiedene Organisationen und Gruppen taten nichts zur Verhinderung der Pogrome. Wehmütig konstatiert auch die Versammlung die Tatsache, dass der Petersburger Arbeiterkongress während des Oktoberstreiks die Judenpogrome mit Stillschweigen übergangen. Die Versammlung begrüsst mit Begeisterung die Heldentaten der Selbsts.chutzwehr und nimmt befriedigt zur Kenntnis die Sympathien der ganzen Judenschaft in allen Ländern mit ihren leidenden russischen Brüdern und sieht in diesem Mitgefühl1 den Beweis unserer nationalen Einheit. Die Versammlung appelliert an die ganze russische Judenschaft, sich zu vereinigen zum Kampfe für unsere Rechte und nationalen Interessen. Die Versammelten sind fest überzeugt, dass das vereinigte jüdische Volk zur Einsicht gelangen wird, dass der einzige Weg zur Lösung der Judenfrage ist und bleibt: d i e W i c d e r g e b u r t des j ü. d i s c h c u V o 1 k e s in seiner historischen Hei in a t, d i e d e r Z i o n j sm u s auf seine Fahne g e schrie b e n h a t." Mo -Bendow.