Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bie * weit Nr. 51 drückten Elemente, die Freiheit zu erlangen. Die Revolution ist sehr grausam, doch bei einem Sieg auch sehir grossmüüg. Und wir Juden haben uns der Revolution angeschlossen. Doch der Weg, den sie unvermeidlich geht, der Weg der Anarchie und der Zerstörung, ist für uns sehr gefährlich. Die bei dem eigentümlichen Verlaufe der russischen revolutionären Bewegung unausbleiblichen „Unruhe!;" werden dank der durch das frühere Regime ausgebildeten antijüdischen Tendenz vorerst auf unserem Rücken sich fühlen lassen. Wenn die Polizei während der Oktobertage aus böser Absicht untätig war, so wird sie in Zukunft durch ihre. Schwäche zur Untätigkeit verurteilt sein. Für uns sind nicht nur die Schwarzen Hundert'' gefährlich, sondern auch die meuternden Matrosen, die revolutionierenden Soldaten, die einen jeden beraubenden Bauern, die ruinierten ldeinen Gutsbesitzer, die beschäftigungslosen Polizeimänner und alle übrigen Kiemente der dunklen Vergangenheit. Und unwillkürlich müssen wir uns die Frage stellen, ob wir denn nicht zu viel für die erlaugte Freiheit bezahlt haben werden. Wird nicht bloss ein Teil unseres Volkes die Früchte unseres Erfolges gemessen können, während alle übrigen nicht im mutigen Kampf um die Freiheit einen ruhmvollen Tod finden, sondern während der Verfolgung und auf der panischen Flucht in Scheunen und auf Dachböden ein schmachvolles Ende finden werden? Auch die liberalen Repräsentanten der wohlhabenden Klassen, d. h. jene Elemente, welchen in dem reformierten Russland die grüsste Rolle zufallen wird, sind durch dem unaufhaltsamen Lauf der Revolution erschreckt worden. Und so wurde der Moskauer Kongress zusammenberufen und auf demselben beschlossen, die revolutionäre Bewegung aufzuhalten und ,,das Land zu beruhigen"! ,,Die Ordnung wieder herstellen, die Unruhen verschwinden machen" beisst soviel wie den Strom der Revolution aufhalten, deren hauptsächlichster Lebensnerv in der gegebenen Phasen der Entwicklung eben der Aufruhr und die Unruhen sind. Und in diesem Sinn erscheint uns der Beschluss des Moskauer Kongresses als ein Akt der Gegenrevolution, und wenn dieser Akt zur Ausführung gelangen sollte, dann wird die russische Freiheitsbewegung mit einem gemässigten liberalen Flicken der alten Maschine endigen. Bei diesem Kompromiss des Moskauer Kongresses mit der Regierung werden vor allem die Interessen der kleinen Parteien leiden, darunter auch der jüdischen. Das Benehmen der ..oberen" Behörde den Juden gegenüber ist jedem bekannt, und der Akt des 17. Oktober, der bestimmt war. die unbeugsamen Elemente durch Konzessionen zu beruhigen, und die darauffolgenden Ereignisse zeigen zurGeniige, dass die obere Behörde mit unserer Unbeugsamkeit durch andere Mittel und ohne uns grosse Konzessionen zu machen fertig zu werden gedenkt. Die Vertreter der Semstwos und der Städte sind uns gewogen, wie die Resolution in der jüdischen Frage beweist, die zwar nicht ohne Protektion und ohne Hintertreppenmanöver angenommen worden ist. Dass aber die jüdische Frage in keiner Weise ein Hindernis zum Abschluss des Vertrages sein wird, ist kaum zu bezweifeln. Wenn die Regierung des Grafen Witte in den hauptsächlichsten Punkten ..ausser den Juden" nachgeben sollte, dann werden die Liberalen des Zentrums und der Städte die Fortsetzung des ,,Aufiirhrs und der Unruhen" sogar um den Preis grosser Konzessionen in bezug auf unsere Rechte nicht vorziehen wollen. Und dann werden wir Gefahr laufen, wie es schon früher öfter geschehen, auf dem Wege der Befreiung beiseite geschoben zu werden. Ich halte den Beschluss des Moskauer Kongresses für einen Akt von der grössten Wichtigkeit, wiewohl er nicht ganz unerwartet gekommen ist. Fr ist imstande, die gegenwärtige Bewegung in eine andere Bahn zu lenken und hat bei der jetzigen Stimmung viel Chancen auf Erfolg. Jetzt ist der russischen Freiheitsbewegung ein neuer Horizont eröffnet worden und für urs Juden bieten sich jetzt zwei Wege, oder besser gesagt, zwei Perspektiven zur Erlangung der Gleichberechtigung; der eine Weg ist gefährlich, jedoch sicher, der andere — weniger sicher und auch weniger gefährlich. Es ist schwer ,die Frage zu lösen, die Verantwortung vor dem jüdischen Volke zu übernehmen und ihm deutlich und klar zu zeigen, wohin es sich zu wenden habe. Wir stehen noch ganz unter dem Einflüsse der letzten Ereignisse und können uns vorläufig die Frage: „Wo liegt der Ausweg?" nicht bestimmt beantworten. A. D a w i d s o n. Aus Russland. Endlich versammelten -sich die Vertreter der russischen Judenschaft in Petersburg und die auffallende Schweigsamkeit über die traurigen blutigen Ereignisse wurde gebrochen. Aber nicht alle hatten die Absicht, sich endlich einmal über das vor mehr als einem Monat begonnene Blutbad, das nicht enden zu wollen scheint und das im der ganzen Welt die tiefste Entrüstung hervorgerufen hat, zu äussern. Wenigstens lag dies nicht in der Absicht der Vertreter des „geistigen Judentums'4 von Petersburg. Das zeigte namentlich die ganz harmlose Tagesordnung der Generalversammlung der Petersburger „Jüdischen Bildungsgesellschaft" am Montag den 21. November (4. Dezember), die sich, wie alljährlich in den ruhigsten Zeiten, auf Rechenschaftsbericht, laufende G es chatte und 'Neuwahlen beschränkte. Es ist jedoch anders gekommen. Der Gesellschaft gehören auch solche Mitglieder an, die ihre harmlose Ruhe in den letzten Wochen nicht bewahren konnten, und zwar um so weniger an einem Tage, an dem in sämtlichen Gotteshäusern Petersburgs Trauerandachten stattfanden mit vorgefasstem Beschlüsse, den Tag als Fasttag zu begehen. Und diese Mitglieder der Gesellschaft drängte es, die Gründe zu erwägen, die zu diesem Fasttag Anlass gaben und sie setzten es durch, dass die harmlose Tagesordnung in eine Protestversammlung verwandelt wurde. Es wurde protestiert, sowohl gegen die Regierung, welche die Pogrome nicht allein geduldet, sondern an vielen Zentralpunkteu durch ihre Organe geleitet hat. Es wurde auch gegen jene Teile der jüdischen Bevölkerung protestiert, die es bisher hartnäckig leugneten, dass eine besondere jüdische Frage existiere. Ein jüdischer Schriftsteller gab unumwunden zu, er selbst habe diese Ansicht lange in der Presse vertreten, nun sei er zur Ueberzeugung gekommen, dass nicht das Mass der Leiden allein massgebend sei, sondern die Art und die Formen ihres Auftretens, dass also die Juden, die am allgemeinen Kampfe für Recht und Freiheit teilnehmen, darauf bedacht sein müssen, ihre eigenen besonderen Interessen zu wahren, da für diese von keiner Seite gesorgt würde. Herr B. Goldberg (Wilna) verwies darauf, dass das Verhalten der russischen Gesellschaft von dem der Juden selbst abhänge, und wenn ide Semstwos keinen jüdischen Delegierten aus Wilna zulassen mochten, so sei die Schuld der Juden selbst' viel grösser, indem der „Jüdische Verein44 telegraphisch gegen die Entsendung dieses Delegierten protestiert habe. Die Versammlung schloss mit der Annahme folgender Resolution: „Tief erregt über das Unglück der Oktober tage, sieht sich die Generalversammlung der .,Jüdischen Bildungsgesellschaft'4 veranlasst, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen. Auf Grund des vorhandenen Materiales erkennt die Versammlung, dass die Hauptschuld an den Bluttaten: der Regierung trifft, deren Organe die Pogrome nicht bloss geduldet, sondern an vielen Orten geleitet haben. Die meisten Schuldigen sind in hohen Stellungen verblieben, die Entlassenen nicht zur gerichtlichen Verantwortung gezogen worden. Die Versammlung drückt auch aus, dass die russische Gesellschaft an den Oktober-