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Die Welt · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 „bi* & weit" Seite 1 halb sind die sonst so überoptimistischen Herren so pessimistisch? Wer spricht denn von einer Auswanderung aller fünf bis sechs Millionen russischer Juden? Etwa wir Zionisten? Muss man sich wirklich im zehnten Jahre des Zionismus mit diesem Scheinargument herumschlagen, das den Gipfelpunkt der Torheit erreicht in der Frage, die uns tausendmal von Neunmalweisen entgegengerufen worden ist: ob wir glauben, dass ein Rothschild nach Palästina gehen werde? Nein, wir glauben es nicht. Wir glauben, Rothschild wird in London bleiben, wo er als wahrhaft vornehmer Jude seinen Stammesbrüdern zur Ehre gereicht. Wir glauben, er wird in London, aber nicht bei seiner bisherigen Judenpolitik bleiben, sondern sich früher oder später von uns, von den Tatsachen und von Herrn Ghamberlain bekehren lassen, der von Kolonialsachen auch was versteht und Herzls Pläne für durchführbar gefunden hat, Rothschild und Genossen meinen aber, das sei erst in ferner Zukunft zu erreichen, während jetzt schnell und ohne Verzögerung geholfen werden müsse. Einverstanden! Wir wollen den Herren einen Vermitilungsvorschlag machen. Wir helfen Rothschild bei seiner philanthropischen Gegenwartsarbeit. Möge dafür Rothschild uns bei unserer politischen Zukunftsarbeit helfen. Jedua. * Iii einem Schreiben au die „Times** kritisiert Dr. Xordau den von Lord Rothschild und Genossen unterschriebenen „Appell4*, den wir in obigem Artikel zum Gegenstand unserer Erwägung gemacht, und sagt u. a.: „Die Zionisten haben niemals daran vergessen, dass Palästina, d. h. das Land westlich vom Jordan, nicht gross genug ist, um alle Juden aufzunehmen, die in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren wünschen. Wir haben immer die Sinaihalbinseh die E'bene von Pelusien, das Jlaurangebiet und das Euphrattal, lauter jetzt unbesetzte Gebiete, in unseren Ivolonisationsphui einbezogen. Diese Gebiete, genügend bewässert und mit Verkehrs mitte In ausgestattet, können aber etwa 200 Millionen Menschen Arbeits- und Lebensgelegenheit bieten . . . Wir protestieren energisch gegen die Insinuation, dass wir die offene oder versteckte Absicht haben, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen. Wir sind dem Sultan immer freimütig begegnet, und er weiss, dass wir niemals an eine Einschränkung" seiner souveränen Hechte gedacht haben. Wir brauchen nichts weiter, als lokale Autonomie, die eine ungestörte EntfaP tung all unserer wirtschaftlichen und moralischen Kräfte gestattet. . . . Die Unterzeichner des „Appells'* setzen ihre einzige Hoffnung auf Wohltätigkeit. Diese ist aber den Forderungen der Situation gegenüber absolut unzureichend. . . Die Lage in Russland. Die charakteristischen Züge der gegenwärtig in Russiand sich vollziehenden Revolution s-ind — ihre elementare Kraft und ihr Maugel an Organisation. Die zur Entfaltung gelangten gesellschaftlichen Faktoren, welche sich an die alte gesellschaftliche Ordnung nicht mehr anpassen konnten, erklärten der letzteren -den Krieg und streben nun danach, neue, ihren Interessen und ihrer neaien Lebensanschauung passendere Formen zu schaffen. Die streitenden Kräfte sind jedoch sehr ungleich. Auf einer Seite stehen die Repräsentanten des alten Regimes mit seiner althergebrachten Organisation, mit seiner ■drohenden bewaffneten Macht, auf der anderen Seite — die unbewaffnete, riichtorgainsierte Masse, die dazu noch in Kategorien und Parteien zersplittert ist, von denen jede für sich ihre eigenen, öfters einander widersprechenden Interessen verfolgt. Deshalb eben ist die Gesellschaft nicht imstande, geradeaus zum Ziele, das sie sich gesetzt hat, zu schreiten, sie ist nicht imstande, entscheidende Schlachten zu liefern, um mit Gewalt die Macht aus den Händen jener, bei denen sie sich befindet, zu entreissen, ja sie ist nicht einmal imstande, einen Parteikrieg zu führen, und gibt bloss ihrer Unzufriedenheit in verschiedener Weise Ausdruck. Einzelne durch die vorhergehenden Regierungen zum Bettelstabe gebrachte gesell- schaftliche Gruppen gehen mit einer elementaren Gewalt nicht gegen die Repräsentanten der Macht, sondern gegen die benachbarten Gruppen vor, die in den meisten Fällen ebensolche Gegner der alten Ordnung sind wie sie. Dasselbe, was von einzelnen Parteien mit einer elementaren Gewalt und unbewusst vollbracht wird, wird von anderen Parteien nach einem längst ausgearbeiteten Plane ins Werk gesetzt. Alle Schritte der Revolutionäre sind nicht unmittelbar gegen die Regierung, sondern gegen die Gesellschaft und dann erst durch diese gegen die Regierung gerichtet. Der Kampf wird nicht gegen eine bestimmte Regierung, sondern gegen die Regierung im allgemeinen, das heisst gegen das Prinpiz der Ordnung und der Macht geführt, welches gegenwärtig von der reaktionären Regierung durch veraltete und untaugliche Mittel unterstützt wird. Da die revolutionären und oppositionellen Elemente nicht imstande sind, der reaktionären Regierung die Macht zu entreissen, von der sie freiwillig sich zu trennen nicht geneigt ist, so bleibt den unzufriedenen Parteien nichts anderes übrig, als die Regierung zu schwächen, sie zum vollständigen Verfalle zu bringen; da aber die Regierung als eine Gruppe einzelner Menschen ausserhalb der Gegenwehr der revolutionären Elemente steht, bleibt nichts anderes übrig, als die Regierungsmaschlne zu verderben, die an und für sich in jeder Gesellschaftsform unentbehrlich ist, die aber im gegebenen Falle sich in ungeschickten Händen befindet, die sie gegen die Gesellschaft selbst richten. Die Zerstörung der Güter und das Wegführen des Getreides, das Fällen von Staatswäldern, die Zerrüttung der Finanzen und dergl. mehr schädigen nicht unmittelbar die Regierung, sondern zerstören vor allem die ganze gesellschaftliche Ordnung und schwächen die Autorität des Gesetzes und der 'Macht im allgemeinen. Ein aus seiner Ordnung herausgerissenes Heer bildet eine Gefahr für jede Gesellschaft, sogar für die demokratischeste, da wir aber das Heer aus den Händen der gegenwärtigen Regierung nicht herausreissen könneu, so zerstören wir es und sympathisieren mit solchen Vorfällen wie jenen von Kronstadt, Wladiwostok und vom Schwarzen Meere. Der politische Streik zerstört vor allem die wirtschaftliche Lage des Landes und macht der Staatskasse einen ungeheuren Schaden. Doch die russische Revolution hat keinen anderen Ausweg. Wir .luden können bloss von der Revolution grosse Reformen unseres Lebens und eine vollständige Befreiung von den uns tief beschämenden und uns vernichtenden Ausnahmsgesetzen erwarten. Einzig und allein die Revolution ist imstande, mit der alten Ordnung zu brechen, und die Gesellschaftsordnung nach ganz neuen Grundsätzen festzusetzen. Au dem Prozesse des Verfalles und der Wiedergeburt der Gesellschaft nehmen verschiedene ökonomische und nationale Parteien Anteil und eine jede von ihnen ist bestrebt, in der Gesellschaft der Zukunft jene Stellung einzunehmen, welche ihren Interessen am besten entspricht. Bei der grossen Zahl und der Verschiedenartigkeit dieser Parteien mit ihren sich kreuzenden und einander widersprechenden Interessen gewinnen selbst solche kleine Einheiten wie das jüdische Volk Bedeutung und wenn wir es verstehen werden, rechtzeitig hervorzutreten, rechtzeitig uns zu vereinigen und rechtzeitig zu handeln, werden wir ein Maximum der Befriedigung unserer Wünsche erhoffen können. Je grösser die Anstrengung, je stärker die revolutionäre Energie, desto mehr Chancen für die unter-

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