Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316184--47611-3342491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „bit $ Weit'1 Nr 51 sie richtet, können wir uns unmöglich einverstanden erklären. Ihn an uns zu richten, war überflüssig: man braucht uns nicht erst zur Hilfe zu rufen, denn wir sind schon am Platze, Ihn aber gegen uns zu richten, das war, wählen wir einen sehr milden Ausdruck, ungeschickt. Ein Werk der Wohlthätigkeit hätte nicht der Anlass sein dürfen, uns zur Disputation aufzufordern. Wir weisen die Aufforderung zurück. Möge Herr Rothschild sie in ruhigeren Zeitläuften wiederholen : er wird uns bereit finden. Nur können wir ihm keine guten Chancen prophezeien. Im Geld ist er stärker. In jüdischer Volkspolitik sind wird es. Man könnte, vielmehr die Unverständigen könnten uns da freilich entgegenhalten, dass mit dem Kampfe w i r begonnen haben. In diesen Blättern ward vor einiger Zeit ein Appell an die Herren Rothschild, S e 1 i g m a n n und Konsorten gerichtet, worin den Herren die Unnützlichkeit nicht der gegenwärtigen, sondern der von ihnen seit Jahrzehnten systematisch und als einziger Judenpolitik betriebenen Hilfsaktion nachgewiesen und der Gedanke einer jüdischen Anleihe entwickelt wurde. Wir haben also die Herren, die uns jetzt bloss höflich antworten, zuerst angegriffen. Wer aber darf den gewaltigen Unterschied verkennen? Wir sind Politiker und wollten die Philanthropen zur Politik bekehren. Die Herren sind Philanthropen und wollen uns — wozu bekehren? Zur Philanthropie? Ueberflüssig! Unsere Scherflein laufen auch ohne Appell in den Hafen der Wohlthätigkeit. Oder zu ihrer Politik? Aber das ist ja gar keine Politik! Das ist —-- Das ist sehr komisch, meine Herren! Ihr habt, wie aller Welt genugsam bekannt ist, niemals ein jüdisches politisches Programm gehabt. Gerade dieser Mangel hat es uns Zionisten stets so schwer gemacht, mit euch zu disputieren. Einen Vollbewaffneten geniert es, mit waffenlosen Leuten zn kämpfen, und den Logiker verdriesst es, seine Gedanken gegen die Gedankenlosigkeit anrennen zu lassen. Aul einmal — mit der Schnelligkeit einer russischen Katastrophe — habt ihr Gedanken, habt ihr ein Programm. Euer Programm ist die Opposition gegen das unsere. Eure Argumente: Die runde Negierung der unseren. Eure jüdische „Politik" gehört demnach in die Kategorie des arbeitslosen Einkommens.' Und dazu wollt ihr uns bekehren? Komisch! Weil aber die Herren mit gar so naiver Freude und Selbstgefälligkeit ihre Argumente gegen alle jüdischnationate Weltpolitik aufprotzen; weil sie das just in einer Zeit tun, wo ihnen, nur ihnen und gerade ihnen, der einfachste Takt verbieten müsste, gegen uns aufzutreten; in einer Zeit, wo die Früchte ihrer jahrzehntelangen kurzsichtigen, philanthropischen, unpolitischen Politik auf russisch-jüdischen Schiachtfeldern blutig reifen — wollen wir ein paar ihrer naivsten Argumente schon heute ein wenig beleuchten. Die Herren rechnen in ihrem Appell aus, dass des Kolonisieren eines Juden fünfzig Pfund, d. i. 600 Gulden kostet. Das Emigrieren, das blosse Auswandern, kostet weniger. Mit 600 Gulden kann man nämlich die Ueberfahrtspesen für sechs Juden bestreiten. Sollte man es für möglich halten, dass man im zehnten Jahre zionistischer Aufklärungsarbeit diesem Argument, nein, diesem Gespenst eines Arguments im hellen Tageslicht begegnen werde? Als ob die Judennot, wie irgend eine leichte Lungenaffektion, durch die blosse Ueberfahrt, durch den blossen mehrtägigen Aufenthalt an Bord eines Ozeandampfers zu kurieren wäre! Genügt es denn, den emanzipierten Juden in Kanada, in Argentinien, in Australien einfach an Land zu setzen? Muss der Emigrierte nicht auch noch kolonisiert werden? Ist es denn wahr, was die Herren behaupten, dass eine Emigration nach Argentinien „nicht bloss erfolgreiche, sondern auch unmittelbare" Resultate liefern würde? Ein Jude kostet 600 Gulden Kolonisationsspesen. Zwei Juden — 1200 Gulden. Eine Million Juden — sechshundert Millionen Gulden. So rechnen die Herren. Grosskaufleuten und Grossbankiers ist auch die Judenfrage eine Rechenaufgabe, jüdische Politik eine Multiplikation von Juden mit Spesen. Sie wissen nichts von den Gesetzen der lebendig wirkenden Volkskraft, von diesen Gesetzen, die in keinem Rechenbuch zu finden, aus keiner Vergleichung mit arithmetischen Reihen z u erkennen sind. Sie begreifen nicht, dass die sechsfache Ergiebigkeit ihrer Emigrationsidee nur eine scheinbare ist, nur im Anfange sich bewähren würde; während in der Fortführung ihrer arithmetisch-mechanischen Emigrationspolitik, deren absolute Unausführbarkeit und Unerschwinglichkeit sich mit Gewissheit herausstellen würde. Denn was ist in Wirklichkeit, was sie Emigration nennen? Die Ueberfahrtkosten für jeden einzelnen, vom ersten bis zum millionsten Emigranten (an eine Million Auswanderer scheinen nämlich die Herren zu denken); die Unterstützung eines jeden Ausgewanderten vom ersten Tage an; Gnadenübnng und Almosenwirtschaft im ersten und dann vielleicht zweiten und etwa noch dritten Geschlecht Was heisst dagegen Kolonosieren? Ein Anfang, den man machen muss, und eine Fortsetzung, die sich selbst macht. Und das muss man Engländern, die als Schulkinder die Geschichte von der Entstehung der neuenglischen Staaten gelernt haben, erst ausdrücklich erklären? Statt in der Geschichte nachzulesen, begingen die Herren den Fehler, zu rechnen. Ihrem Rechenfehler entsprang diese ominöse Zahl, diese sechshundert Millionen Gulden, die ungefähren Kosten ihrer, nicht unserer Politik. Und bei dieser Summe angelangt, bleiben sie lächelnd stehen, wie Leute, die ihren Beweis nicht zu Ende zu führen brauchen. Sechshundert Millionen Gulden: eine solche Summe für das jüdische Volk aufzutreiben, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Basta* Sprechen wir nicht mehr davon. Ist's wirklich unmöglich? Aber eine Russenanleihe von sechshundert Millionen .... ja, Bauer, das ist etwas anderes! Das ist eine Sache der Möglichkeit! Da brauchte ein russischer Finanzminister nur gewisse Garantien der Sicherheit, der prompten Zinsenzahlung zu geben — und ein Appell, sagen wir: des Herrn Rothschild, an befreundete Banken und Bankiers, sagen wir: Herr Seligmann bringt in vierzehn Tagen den ganzen lumpigen Krempel auf. Und wenn der Russe nun noch erklärt, zum Danke seine Juden daheim etwas menschlicher zu behandeln, ihnen ein paar Prozente Bürgerrechte zu verschaffen, so hat man nicht nur ein gutes Geschäft, sondern nebenbei noch jüdische Politik gemacht, philanthropischen Agiogewinn eingeheimst. Sechshundert Millionen Gulden sind erschwinglich —- für die Russen. Sie sind unerschwinglich — für die Juden. Mit dem jüdischen Volke macht man keine Anleihegeschäfte. Man macht ihm lieber so viel zum Geschenke, als es eben noth aus eigener Kraft aufbringen könnte, um die Zinsen einer Judenanleihe zu decken. Die Unterzeichner des Appells erklären, dass die eigentliche Judenfrage nur in Russland selbst zu lösen sei, weil man unmöglich fünf bis sechs Millionen Menschen von ihrer Heimat verpflanzen könne. Wes-