Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bi* & weit" Nr. .51 ihre eigene Spräche haben? Nun denn, gerade dieser Trost hätte gerade Herrn Dr. Byk gerade in der Frage der Judenkurie am wenigsten beeinflussen dürfen. Mit wie vielen seiner Wähler kann denn Herr Dr. Byk in der tröstliehen polnischen Sprache verkehren? Und wie könnte Herr Dr. Byk die Wünsche seiner Wähler entgegennehmen, wenn diese Wähler, obwohl Juden, nicht ihre eigene Sprache hätten? Oder hat Herr Dr. Byk so selten im Kreise seiner Wähler verkehrt, dass ihm der Jargon-noch nicht zu Ohren gekommen ist? Dann hat er wohl die Plakate, durch die seine glaubensgenössischen Wähler für ihn begeistert wurden, für urhebräisehe Dokumente gehalten? Ein weiteres Argument: die Juden würden sich dagegen wehren, anlässlich der Wahlreform „als Ausnahmen'* behandelt zu werden. Das ist wohl der allerbitterste Witz, den Juden jemals über sich selbst in Umlauf gesetzt haben. Wenn man also den Juden erlaubt, sich ihre eigenen Abgeordneten zu wählen, so heisst das Ausnahmebehandhmg. Wenn man sie aber zwingt, sich von Polen, Tschechen oder Deutschen vertreten zu lassen, so heisst das für Herrn Dr. Byk offenbar: Gerechtigkeit. Unter den Glaubensgenossen des Herrn Dr. Byk werden sieh, nur wenig Dummköpfe finden, die diese haarsträubende Logik akzeptieren: dazu müssten sie nebst Land und Sprache auch den gesunden Menschen verstand verloren haben. Und wenn sie sich wirklieh, wie Herr Dr. Byk prophezeit, gegen die Judenkurie erklären sollten, so würden sie das nicht aus dem Grunde Inn, weil sie nicht als Ausnahme behandelt werden wollen, sondern gerade deshalb, weil sie in der Tat eine Ausnahme wären: als die einzige von allen in Oesterreich lebenden Nationen, die sich vor aller Welt schamlos selbst verleugnet und dazu noch kategorisch fordert, diesem traurigen Ausn a hui sei in raktor gemäss behandelt zu werden! . . . Wir wollen übrigens abwarten, ob Herr Dr. Byk mit seiner Prophezeiung recht behält. Der Prophet gilt ja bekanntlich nicht im eigenen Lande — der Polen, und so dürfen wir bis zum Beweis des Gegenteils immerhin hoffen, dass die Glaubensgenossen des Herrn Dr. Byk sich nicht wie er damit brüsten werden, eine Ausnahme zu bilden. Jedenfalls, freuen wir uns schon heute auf die Debatte, die sich entspinnen wird, wenn in unserem Abgeordnetenhause die Judenkurie zur Sprache kommt. Dass den Abgeordneten jüdische Massenpetitionen im Sinne der Judenkurie vorliegen werden, daran ist nicht zu zweifeln. Und wir werfen das Schauspiel gemessen, Herrn Dr. Byk gegen seine Walion reden zu hören, gegen seine jüdische, die er mit derselben Würde wegargumentieren wird, mit der er sich in die polnische hineinarg'umentiert hat. Er wird das Hohelied der Glaubensgenossenschaft anstimmen und die sehlaehzizisehe Klubgenossenschaft wird Beifall klatschen. Dann aber werden die Judenfeinde im Hause — und vielleicht nicht nur diese — den Herrn Dr. Byk Judenwürde .'lehren: das hohe Haus wird Herrn Dr. Byks Verzicht auf die jüdische Nation nicht zur Kenntnis nehmen. Freilich, Herr Dr. Byk wird Leiden sgenossen finden, die noch übler dran sind als er. Zu welcher Nation soll sich z. B. Herr Dr. Viktor Adler bekennen, ohne einen stürmischen Heiteriveitsausbruch des Hauses zu provozieren? Und dieses Bekenntnis muss er ablegen, denn, das wird er wohl ^begreifen, für oder gegen die Judenkurie lässt sich nur aus nationalen Gründen stimmen — dafür, wenn man die jüdische Nation als solche anerkennt, dagegen, wenn man ihr die Anerkennung weigert. Diese Verweigerung kann sich Herr Dr. Adler nur leisten, wenn er sich ausdrücklieh als Deutschen bekennt. In diesem ^Momente aber wird Herr Dr. Adler als ein Mann da stehen, dessen engste Gesinnungsgenossen im Hause — die Herren Doktoren Byk und Stransky sind. Mit diesen beiden kann er dann einen Klub gründen: das wäre der einzige wahrhaft internationale im Österreichisehen Abgeordnetenhause. Ach ja, wenn man die Nation als „Privatsache" ..erklären könnte! .... Es wird eine interessante Debatte sein. Und wie auch ihr Ende sein mag, Judenkurie oder nicht: mit der versteckten Judenschande wirds auf jeden Fall zu Ende sein. Ihr wird das österreichische Abgeordnetenhaus den letzten Schleier vom Gesichte reissen. Jedua. Wirtschaftlicher Pogrom. Landflucht in Mähren! Es wird hier das Ende der deutschjüdischen Komödie sein. Ein Ende, das vorauszusehen war und vorausgesehen wurde, das begreif lieh und beklagenswert ist. Die Landflucht der jüdischen Provinzkaufleute und Dorfkrämer, ihr Zug in die grösseren und Groissstädte dauert seit Jahren, wenn auch nicht sehr beachtet, und wird immer grössere Dimensionen annehmen, sobald der organisierte Nationalitätenkamipf in Mähren das antijüdische Boykottsystem gemäss dem Tempo und Grade der letzten Monate ausgebildet haben und dem jüdischen Mittelstand einen Teil der wirtschaftliehen Existenzbedingungen entzogen haben wird. Die dümmsten Spatzen pfeifen dieses Fazit deutschjüdischer Politik von den Dächern. Prüfen wir einmal, wer die intellektuellen Urheber und eigentlichen Schuldtragenden dieser Politik sind. Wer macht in Mähren die deutsche Politik der Juden? Wer treibt sie zu den Wahlen? Wer reizt die tschechische Majorität so masslos zum Hass gegen die Juden und züchtet in dieser Majorität künstlich nationalen Antisemitismus? Wer gibt den jüdischen Mittelstand dem Boykott preis, wer diktiert ihm eine selbstmörderische Politik, die ihn dem Buin immer näherbringt? AVer erhält tschechische Gemeinden deutsch? Ist all dies das Streben und die politische Arbeit der jüdischen Masse? ]STein und hundertmal nein! Der jüdische Kaufmann und Krämer ist wohl noch befangen in althergebrachten „liberalen" Anschauungen, aus denen, heraus er die deutschliberale Partei als den festen Hort des Liberalismus und Judenschutzes ansieht, aber dieser zweifellos nachwirkende Defekt des politischen Intellektes macht ihn zu einer oft komischen, immer rückständigen politischen Figur, durchaus nicht zu einem bewusst Deutschen. Er kennt wohl 'seine schwierige wirtschaftliche Position und möchte gerne los von aller deutschfreundlichen Wählerei und Vereinsmeierei, aber im entscheidenden Momente steht hinter ihm irgend ein einflussreicher politischer Streber, der, weil er Fabrikant, Advokat oder wohlbestallter Beamter ist, nichts zu fürchten und nur Ehren zu gewinnen hat, und hetzt ihn für die Deutschen ins Feuer. Man kennt in Mähren diese Sorte von Wahlzutreibern und Politikern. In Göding z. B. ist's ein Zucker-, fabrikant, in Leipnik ein Reajlschulprofessor, in Mähr.-. Ostrau ein Beutepolitiker der korruptesten Art mit einer ganzen Kohorte skrupelloser Aemterhascher, in Olmütz ein berüchtigter Advokat und so fort bis zum letzten Dorf, wo Juden in gewissenlosester Weise einigen Ehrgeizlingen und Beutemaebern als willkommene Staffage dienen. Die anmassenden Herren treiben ihr politisches Handwerk recht frech und eigennützig. „Es kann mir nix geschehn." Wir wüssten eine Abwehr: Statt des Boykotts, der nur Halbschuldige, leicht Erreichbare, wirtschaftlich Schwächere trifft, statt der Exzesse, die Unschuldige an Hab und Gut gefährden, sollte etwa eine Tracht Prügel den übermütigen Fabrikanten, den streberischen Professor und profit seichenden Advokaten eines Besseren belehren. Warum soll sich die schliesslich nicht überraschende Wut einer in ihrer nationalen Empfindlichkeit konsequent aufgestachelten, von ein paar unverantwortlichen jüdischen Politikastern jahrelang gereizten Menge immer nur gegen jene kehren, die in ihrem Unverstand den Leithammeln folgen, 6hm die Pol-