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Die Welt · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 „bie $ weit Seite ä schon jüdische. Politiker jüdische Politik für immer in Europabetreiben wollen, so sollen sie wenigstens die materiellen Folgen ihrer Verbohrtheit tragen. Und sie wissen nun durch eigene Erfahrung, dass die teuere Vorsorge das Einigere ist. Zwölfeinhalb Millionen sind bis jetzt an Hilfsgeldern aufgetrieben worden. Zwölfeinhalb Millionen Mark! Wer weiss, ob es überhaupt Pogrome und Verfolgungen und 'die ganze Last unseres Elends mehr gäbe, wenn die Juden die zwölfeinhalb Millionen einige Jahre früher aufgebracht hätten. Aber Herzl konnte auf seine Pahrten nur sein goldenes Herz und die Kraft seiner Kede mitnehmen! Und diese zwölfeinhalb Millionen bedeuten nichts als Wasserdampf über einem heissen Steine; die paar Pesttage der Hooligans haben ja weit mehr gekostet. Vielleicht ändern sich die Zeiten, vielleicht findet der Aufschrei in Kussland nun sein Echo — die Konferenz in Brüssel kann ein Markstein werden, dort ist es Zeit für ein neues „Confiteof". Nun ist ja das letzte Argument politischer Naivetät gefallen. Viele machten ja viele Bemerkungen darüber, wie komisch und unerhört es sei, ein Land, ein Heimatland wie ein Makler zu kaufen. Nun sind ja die Kämpfe dafür ge- .schLagen worden, blutige, wilde Kämpfe, und die Leichen liegen reihenweise. Nicht in Palästina, aber um Palästina. Wie oft wird man nun noch die Kosten für eine Staatsgrün- •ctung den Küssen geben^ statt den Juden; wie oft wird nun noch ein jüdisches Heldenregiment verbluten, weil jüdischer Sklavensinn es so will? In Brüssel wird man auf Basel antworten müssen. J. U p f i m n y. Wehmütige Gedanken zum Makkabäerfeste. Kein Volk d'er Erde feiert Feste, die so weit in das graue Altertum zurückreichen,- wie die unseres Volkes. Unser jüngstes Fest, dais der Makkabäer, das wir eben jetzt feiern, hat ein Alter von weit über zweitausend Jahren. Unsere Feste sind unsere Urkunden, die zeugen, dass wir zu den ältesten Völkern der Erde gehören. Sie sind Denkmäler einer bessern alten Zeit, die die Wut des Feindes, der unsere Denkmäler aus Erz und Stein zerstört hat, nicht hat vernichten können. Das Makkabäerfest weckt in uns das erhebende Bewusstsein, dass wir die Söhne unserer Väter sind; die es verstanden haben^ ihre heiligsten Güter gegen einen ihnen vielfach überlegenen Feind mit Todesverachtung zu verteidigen. Aber trotz dieses freudigen Gefühls: beschleicht mich beim Anblick der Festlichter ein . weh-, mutiger Gedanke. Gerade das, was uns stolz macht, das. hohe Alter unserer Feiertage, ist zugleich auch ein betrübendes Zeugnis für unser Volk. Es zeigt, dass wir unsere Blicke gerne von unserer Gegenwart abwenden und in der weit zurückliegenden Vergangenheit Trost suchen. Glückliche Völker leben glücklich in der Gegenwart und sehnen, sich nicht nach der Vergangenheit zurück. Nur unterdrückte Völker klammern sich krampfhaft an die Herrlichkeit verschwundener Tage, weil die Gegenwart für sie trostlos ist. Wer möchte den Deutschen zumuten, dass sie den vor neunzehnhundert Jahren von ihren Vorfahren über die Römer im Teutoburger Wald erfochtenen Sieg oder die Besiegung der Ungarn auf dem Lechfelde vor beinahe tausend Jahren feierlich begingen? Nicht einmal die Völkerschlacht bei Leipzig, durch die sich Deutschland vom Joche Napoleons befreit hat, findet jetzt genügende Beachtung. Selbst die Sedanf eier, durch die man das bedeutendste Ereignis aus der jüngsten deutschen Geschichte im Gedächtnisse des deutschen Volkes zu erhalten sucht, verblaust von Jahr zu Jahr immer mehr. Die Deutsehen sind eben ein glückliches Volk; sie schreiten in der Gegenwart von Sieg zu Sieg und schöpfen, ihr stolzes Bewusstsein aus dem frisch fTiessenden Leben und nicht aus Erinnerungen an. alte glückliche Tage. Für uns Juden aber ist die Gegenwart so demütigend und de« Erhebenden leer, dass wir uns nur an der Vergangenheit stärken können. Dass unser jüngstes Fest das Makkabäerfest ist, zeigt, dass wir zweitausendundsiebzig Jahre in unserer Geschichte zurückwandern müssen, bis wir einen Tag finden, der noch jetzt des Feierns würdig ist. Dieser Gedanke ist schmerzlieh. Ich kaum daher in dere Chanukahwocbe unserem Volke nichts Besseres wünschen, als dass unser schönes Makkabäerfest bald verblasst vor dem Glamze des Festes, das den Tag verewigen soll, an dem die Wjiederaufrichtung des jüdischen Gemeinwesens auf dem Boden unserer Väter erfolgt, Dr. Tykocinski. Judenkurie und Judenwürde. Die Diskussion über die Judenkurie hat begonnen. Als wir vor zwei Wochen, in diesen Blättern das Thema anschnitten, sprachen wir ausschliesslich von den voraussichtlichen Wirkungen der österreichischen Judenkurie. Das war freilich etwas voreilig. Denn vorläufig steht noch nicht die Frage ihrer Wirksamkeit, sondern erst die ihrer Existenz auf der Tagesordnung. Merkwürdigerweise sind aber diese beiden Fragen voneinander nicht zu trennen: dieselbe Voraussetzung, die erst erfüllt sein muss, wenn es zur Judenkurie überhaupt kommen soll, spielt ebenso die Hauptrolle bei der Entscheidung der Frage, ob die Judenkurie für die österreichischen Juden einen Nutzen oder einen Schaden bedeutet. Und diese Voraussetzung heisst kurz und bündig: Judenwürde. Ohne Judenwürde, Herr Dr. Byk, bekommen wir keine Judenkurie. Also? Herr Dr. Byk, Eeichsratsabgeordneter, Mitglied des Polenklubs, wird selbst erstaunt sein, dass wir ihn im Zusammenhang mit dem Begpriffe „Judenjwürde^ apostrophiert haben. In der Tat, was hat er mit dem Begriff und mit der Sache, die hinter diesem Begriffe steht, in seinem Leben zu tun gehabt? In seinem öffentlichen, politischen Leben natürlich! Als Privatmann ist Herr Dr. Byk hochanständig und durchwegs achtbar, daran ist nicht zu rühren. Als Politiker aber ist er ein Gegner der Judenkurie: 'derselben, die ohne Jndenwürde undenkbar und unerreichbar ist. Und weil Herr Dr. Byk der erste „offizielle" Jude ist, der in dieser Diskussion der Judenkurie opponiert und weil seine Opposition mit all den alten., faulen, unaufrichtigen und unergründlich un gründlichen Argumenten gepflastert ist, die wir im Verlauf der nächsten Wochen öfters auf unserem Wege finden werden, wollen wir uns mit seiner Haltung in dieser Frage etwas näher beschäftigen. Herr Dr. Byk bestreitet seine Zugehörigkeit zu einer jüdischen Nation, die nach seiner Meinung überhaupt nicht existiert; er ist bloss jüdischer „Glaubensgenosse", will nichts anderes sein. Seine Argumente: es fehle den Juden eine eigene »Sprache und ein eigenes Land. Und weil dem so ist — schwärmt Herr Dr. Byk für ein „Polen vom Meere bis zum Meere'c. Offenbar ist dieses Ideal der Inhalt der Lieder gewesen, die Hierrn Dr. Byk an der Wiege gesungen wurden. Herr Dr. Byk ist nicht in der Lage und nicht gewillt, einer Kation anzugehören, die ihr Land, verloren und noch nicht wiedergewonnen hat; die die Umgangssprachen ihrer Wirtsvölker angenommen und ihre eigene, klassische darüber vernachlässigt hat. Deshalb ist Herr Dr. Byk in eine andere Nation eingetreten. Unvorsichtigerweise in die polnische. Wenn man die Wrahl hat, soll mau das Beste wählen. Soll ich die tiefe Wunde in Herrn Dr. Byks Herzen mit meiner Feder berühren und ihn daran erinnern, dass die Polen, zwar nicht ihr Land, aber ihren Staat verloren haben? Oder hat ihn das bei seinem Eintritt in. die polnische .Nation nicht geniert? Hat er sich über diesen „Fehler" der Polen mit der Tatsachegetröstet, dass die Polen

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