Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bi* <r W*lt" Nr. 50 denn in den Armen zum Exgouverneur und wurde nicht eingelassen. Baronin Qünzburg übernachtete auf dem Dachboden, die alte Frau Saitzew im Pferdestalle, die Familie Brodsky, die sich zur Wehre setzte, wurde geschlagen und arretiert. So erging es den Angesehenen, Grossen. Und die mittleren Bürger, das Proletariat? Sie wurden hingeschlachtet wie die Schafe, ausgeplündert und beraubt unter dem wütenden Rufe: „Gebt das Geld her, Juden! Wo ist euer Geld?44, den die halbbesoffenen Hooligans und die ganz nüchterne Polizei einstimmig ausstiessen. Nach Kiew schildert er die Vorgänge in anderen Städten mit der ihm eigenen Lebendigkeit. Aus Akerman erzählt er eine rührende Episode: Ein Kapitän erzählte, er habe 150 jüdische Flüchtlinge auf seinem Schiffe geführt. Auf der Fahrt stiess er auf schwimmende Juden, die sich an sein - Schiff klammerten und um Rettung flehten, die er aber aufzunehmen fürchtete und ihrem Schicksal in den Fluten überliess . . . Als er hörte, dass Audriopol in Flammen stehe, ankerte er vor de_m Städtchen Bugas; allein die christlichen Einwohner drohten ihm mit dem Anzünden seines Schiffes, falls er die Juden ans Land setze, und so Hess er die 150 Juden unterwegs im freien Felde aussteigen . . . Gerettete Schwimmer erzählen, dass ein Kaufmann aus Audriopol sich ein Boot um 100 Rubel bestellte, mit dem er acht Personen über den Liman rührte und sie ins Feld setzte. Der Besitzer des Bootes zeigte dann selbst den Einwohnern an dass Juden im Felde seien. Man überfiel diese, forderte von ihnen Geld und da sie keines hatten, wurden sie mit den Kindern in den Liman geworfen . . . Dann folgen die Zwillingsstädte Holte und B o h o p o I, die einst der grosse Humorist zum Gegenstände seines Witzes gemacht hat, in denen die russische Bureaukratie die jüdischen Üäuser vorher ausplündern und dann anzünden Hess. An den Bohopoler Juden sollte die Konstitution^ Verleihung gerächt werden. Ebenso erging es in S a r a t o w, Wladimir, R o m n i, Surascii und vielen anderen Städten, wo grosse und kleinere Pogrome, je nach ihrer Grosse, „veranstaltet * wurden. Ja, Herr Trepow hätte, wie versichert wird, nicht geringe Lust, in Petersburg selbst einen jüdischen Pogrom zu inszenieren. „Als ob dort wenig Blut an jedem läge und zu jeder Stunde vergossen wurde. Und wieviel jüdisches Blut ist diesem beigemengt! Denn wer ist der Student, der zuerst auf irgend einen Mast klettert, um die Faune der r reihen zu hissen — und, von einem Schuss getroffen, Herabfällt? Selbstverständlich ein JucieI Russland! wirst du wenigstens in der Zukunft nicht vergessen, wie viele jüdische Opfer für deine Befreiung gefallen sind? Merk' dir's, dass du es ja nicht vergisst!" S c h o 1 e m A 1 e i c h em schreibt unter anderem: „Unser Blut wird noch reichlich iiiessen, unser hissciien Habe wird noch geplündert, gerauht werden, es werden, noch zehntausenüe unschuldige Opfer fallen, es wird noch eine halbe Milliarde jüdischen Vermögens zugrunde gehen — die Freiheit werden wir doch dem russischen Volke gebracht haben! Es wird eine Zeit kommen, da die Russen die Geschichte ihrer Befreiung lesen werden und ihre Herzen werden weich werden, ihre Augen von Tränen überströmen und sie werden vor unseren Nachkommen niederknien und sie um Vergebung bitten für die Sünden ihrer barbarischen Vorfahren . . . Aber derweilen? Derweilen liegt der jüdiscne Volksschriftsteller mit dem ganzen jüdischen Volk obdachlos mit Weib und Kindern, unsicher des morgigen Tages, denn gross ist die Macht der „Tschornaja sotnia"! Ich scheue mich, das Wort auszusprechen: Wer weiss, ob sie nicht einige Millionen Juden ungestört wie die Gänse abschlachten werden, ohne dass jemand dagegen Einspruch erhebe. Es wäre ja gegen das 'Prinzip. Euer guter Präsident (Roosevelt), der durch ein einziges Telegramm an Witte 6 Millionen kultivierte Menschen vom Verderben retten könnte, wird sagen: Amerika kann nicht; es wäre gegen das Prinzip!" So haben wir es erlebt, bei der Lektüre Scholem Aleichems nicht mehr zu lachen, sondern schon während des Lesens mit dem schwergeprüften „armen Dichter des armen Volkes" Tränen zu vergiessen. Seine übermütig lustige, schalkhaft spottende Feder schreibt nur mehr Elegien ähnlich jenen, die in unseren Kinoth-Sammlungen aus dem Mittelalter von barbarischen grausamen Verfolgungen vergangener Zeiten erzählen. Er klagt bitter und ergreifend über seines Volkes Leid, wie über das eigene. Hoffentlich werden die Verehrer des Dichters, die nach Hunderttausenden, vielleicht nach Millionen zählen, seiner in den Tagen der grössten Not gedenken und freudig dazu beitragen, dass seine Not gelindert werde. Scholem -Alei che m, der beliebteste und gelesenste Schriftsteller des jüdischen Volkes, ist ein Opfer der Pogrome, er darf getrost auf die rasche hülfe seines wenn auch armen Volkes rechnen — als Lohn für die unzähligen Stunden höchsten geistigen Genusses, die er den Aermsten des „armen Volkes' gewährte! M. Ben d o w. Lemberger Brief. Die Frage der j ü d i s c h n a t i o n a 1 e n Autonomie, die vom ruthenischen Abgeordneten Romanczuk im österreichischen Reichsrat angeregt und vom jüdischen Abgeordneten Dr. Straucher weiter begründet wurde, hat hier lebhaften Anklang gefunden und jene Kreise der jüdischen Bevölkerung, die ihr Judentum nicht verleugnen, sondern offen vertreten wissen wollen, begrüssen diese Anregung mit der grössten Sympathie. Die hiesigen zionistischen Vereine sendeten an den Abgeordneten Romanczuk telegraphische Kundgebungen ab und gaben der Hoffnung Ausdruck, dass er diese seine Anregung auch fernerhin tatkräftig unterstützen werde. Das hiesige „Jüdische Tagblatt'' wendete sich ebenfalls an den Abg. Romanczuk mit einem Telegramme des Dankes und der Sympathie, in welchem die Redaktion hervorhob, dass die erzwungene Zugehörigkeit zu fremden Nationalitäten nicht allein die jüdische Individualität schädige, sondern viel mehr die anderen Nationalitäten, zu deren Major isierung die Juden ungünstig beitragen. Abgeordneter Romanczuk antwortete hierauf dein „Tagblatt'* wie folgt: „Es freut mich sehr, dass mein Eintreten für die politischen Rechte der Juden als einer selbständigen Nation Ihre Zustimmung gefunden hat. E in Erfolg w äre a b e r n u r dann zu e r w a r t en , wenn die Juden selbst energisch für ihre Rechte eintreten w erde n. Es ist notwendig: 1. dass die Juden ihre Forderungen unmittelbar an die Zentralregierung, zu Händen des Ministerpräsidenten, in Form von Denkschriften, Petitionen, Telegrammen u. dgl. richten, 2. Petitionen an das Parlament, die durch einen Abgeordneten überreicht werden sollen. Ich wäre dazu bereit und würde auch fordern, dass eine wohlmotivierte Petition ins stenographische Protokoll aufgenommen werde. 3. Grosse Volksversammlungen mit diesbezüglichen Resolutionen u. dgl. Solche Kundgebungen sollten ehe möglichst aus dem ganzen Lande eintreffen. Achtungsvoll Ihr wohlgeneigter Julius Romanczuk.'* An diese Antwort knüpft das "„Tagblatt" einen sehr warmen Appell an alle Juden, die noch einen Funken jüdischen Bewusstseins und Selbstachtung besitzen, zu engem Zusammenschluss und zu raschem, unverzüglichem Handeln. Es verweist auf die grosse Wichtigkeit dieses historischen Momentes, der zum Wendepunkt in der Geschichte der Juden Galizieiu*