Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 50 „fci* & Weit" Seite 5 tivere Propaganda, als theoretische Reden und Schritten sie zu leisten imstande ist. Zu dieser wichtigen und schwierigen Aufgabe gesellt sich noch eine zweite. Sind sie auch ein Teil des englischen Proletariats, so bleiben sie trotzdem in innigster Fühlung mit dem Proletariat Russlands. Russlarad, das ist der russische Zarismus, ist der grösste Feind jeder Emanzipationsbewegung, und jede proletarische oder sozialistische Bewegimg, die nicht als Feind Russlands auftritt, verrät die Interessen des Proletariats, der Freiheit, der vorwärtsschreitenden Menschheit.*) Man möge sich nicht durch Phrasen vom internationalen Frieden beiirren lassen, wie es manche französische und englische Ideologen zu tun belieben. Niemand erstrebt sehnlicher den Frieden als die Sozialdemokratie, aber der Weg zum Frieden unter den Völkern Europas führt über die Leiche des russischen Absolutismus. Um einen langandauernden Frieden zu ermöglichen, muss der russische Absolutismus niedergestreckt werden und deswegen rufen wir im Namen des Friedens zum Kampfe gegen den Zarismus. Jede Schwächung des Zarismus bedeutet eine Kräftecrhöhung des internationalen Proletariats. Bezieht sich auch Obbesagtes auf jegliche proletarische Bewegung ausserhalb Russlands, so hat es um so grössere Berechtigung dem jüdischen Proletariat ausserhalb Russlands gegenüber, das, weil es jüdisch ist und in engster Verbindung mit der Bewegung in Russland verbleibt, in einem schärferen Antagonismus zum Absolutismus Russlands sich befindet als jede andere von ihm unmittelbar nicht abhängige Schichte des Proletariats. Das jüdische Proletariat Russlands und das Proletariat Russlands im allgemeinen kann siegreich werden und an Kraft gewinnen dank eben der Ausbreitung der sozialistischen Idee unter dem jüdischen Proletariat Englands, das seinen Brüdern in Russland die Hilfe nicht versagen wird. Auf diese Weise besitzt die sozialistische Bewegung unter dem jtidischen Proletariat Englands eine zweifache Bedeutung, die weit aus den Grenzen ihrer eigenen Wirkungssphäre heraustritt: einerseits im Kampfe mit dem Zarismus, andrerseits für die sozialistische Propaganda innerhalb des angelsächsischen Proletariats. Sie hat ihre Bedeutung nicht nur als ausschliesslich jüdische Bewegung, sondern als ein Teil des Klassenkampfes der Proletarier aller Länder und Rassen. Karl K a u t s k y." (Uebersetzt von 0. K.) Scholem-Aleichem — ein Opfer des Pogroms* Seit fast zwei Wochen langen die jüdischen Zeitungen a..s Russland nicht ein und wir entbehren die wahren ausführlichen Schilderungen der lenzten Ereignisse und deren Rückwirkung auf das Schicksal und die'Stimmung unserer unglücklichen Brüder im Lande der Pogrome. Wohl ist uns der grosse Schmerz nicht erspart: Fast täglich mit geringen Unterbrechungen bringen uns die europäischen Tageszeitungen neben den allgemeinen Unruhen nebenhergehende Mitteilungen über neue Pogrome, neue Raub- und Mordtaten, die ausschliesslich an Juden, an ganzen .1 u d e n g e m e l n ö e n verübt werden. Aber wir sind an die Leiden schon so sehr gewöhnt, dass solche Mitteilungen, wie etwa, dass „in einer Ortschaft alle Judenhäuser ausgeplündert und vernichtet, 25 Juden getötet und fast dreimal so viel verwundet wurden", uns nicht mehr in dem Masse wie einst überraschen und wir in fast stumpfem Schmerzgefühl das grosse unsägliche nationale Unglück ertragen. Ergreifend und unser Innerstes tief erschütternd sind einige Berichte, die der bekannte Humorist S c h o 1 e ni *) Dieser Artikel wurde vor dem November 1905 geschrieben, Aleichem als Augenzeuge des Massakers in K i e \v und von demselben schwer Getroffener an eine New Yorker jüdische Tageszeitung schrieb und die durch die ganze jüdische Presse des Westens die Runde machten. Er, dessen Satirc uns nicht allein unterhält, sondern noch häufiger in uns die tragischesten Empfindungen über unser Golusleben, dessen Bitterkeit und. Verkehrtheit auslöst, der hervorragendste und genialste Humorist des Ghettolebens, dessen Feuilletons uns beim Lesen zum hellen Lachen bringen, nach dem Lesen aber in uns den tiefsten Eindruck von Wehmut hinterlassen — schreibt jet/.; Briefe, über die man nicht lachen muss, nicht lachen dun. Seine Verzweiflung ist grenzenlos. Seine Hauet zittert, du Feder sträubt sich, auch nur den geringsten Teil von den: Gesehenen und Erlebten mitzuteilen. „Rettet, Brüder!" so fleht er die Herausgeber au, „reue! den jüdischen Volksdichter, damit er mit dem nackten Leben der Gefahr entrinne, wenigstens auf ein halbes Jaiir, Iiis d:ss Sturmwetter vorüber und die Sonne der Freiheit erschienen ist. Selbsthilfe, Selbstschutz und Abwehr sind verholen. D.^ Leben eines einzigen Trunkenboldes, das wir In der Abwehr für unsere Frauen und Kinder angreifen, bezahlen wir mn huuderten unschuldigen Menschenleben. Wenn ich jetzt Mittel hätte, würde ich mit meiner Familie nach Amerika übersiedeln, um dort die gefahrvolle Zeit zu verbringen. Ruiniert bin ich, wie mein ganzes Volk, auf d-:>^ Strassenpflaster hinausgeworfen. Rettet! schreit! schlagt Lärm! Holt mich aus dem Feuer! Wohl bin- Ich nickt der einzige. Es ist eine schreckliche Feuersbrunst, eine Pest, die uns alle heimgesucht; aber ich vermag nicht als einziger einen einzigen um Hilfe für alle zu bitten. Mir blutet gewiss das Herz für mein armes Volk, aber bei einem Brande sucht jeder einzelne in Sicherheit zu gelangen. Was bleibt denn übrig? Nirgends ist Schutz und Aufnahme gewährt. Der Jude muh.! nirgends Einlass; auch die reichen Brodskys und Saitzews pochten vergebens au die Türen alter guter Freunde . . . - Brüder, helfet! Veröffentlicht einen Aufruf in englischen und jüdischen Blättern; vielleicht finden sich Menschen, die den armen Dichter des armen Volkes retten möchten. Oder s::ü ich gleich allen ein Opfer sein? Ich bin auch dazu bereit! le'i bin ganz verzweifelt. Mein Volk brennt! Das ganze russische Judentum ist in Gefahr .... 0 Jammer, was ist zu tun? Wir liegen alle mit klemcj Kindern auf der blossen Erde, leben von einem Glase Tee und besitzen nichts als das eine Flenid am Leibe. Aber ich. bin nicht der einzige. Viele wohlhabende, reiche Leine sind nni Almosen angewiesen. Unglückliches Volk!" So weit sein Brief mit dem Appell um die Linden!!:;.: dereigenen Not, des eigenen Leides. Was er in den weitere Briefen schildert, ist ergreifend, bringt iimniiinderiedren Schmerz und Jammer zum Ausdrucke, wie es nur eine gk'iu/.'judc Feder wie die seinige zu tun vermag. Zunächst ist es die Schilderung des K i e w c r I';)e,i-.»ms. dessen Opfer er selbst war und dessen Verlaut er von einem Versteck aus verfolgt hat. ..Brüder! Ihr seid glücklich, dass ihr mit eigenen Augen ]licht sehet, was wir gesehen und noch innnc* selten müssen jeden lag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekuivdo! (ichL Brüder, ins Gotteshaus, betet, danket dem Flimmel, dass ihr dort seid in dem freien Lande, uuü denket auch unser zum Guten! 4 Fr erzählt, wie unsere Millionäre, die Brodskys, Saitzews, Sachs, lieilperins, über Mauerwände krochen, mu bei den befreundeten Herrschaften, dem l:\gouverneur. dem B.mkdirekmiete, bei all denjenigen Schutz zu finden, die unseren Millionären einst die hohe Ehre erwiesen, auf deren Bällen zu tanzen und aus ihren Händen flotte Darlehen und allerband Gefälligkeiten zu empfangen — aber alles vergebens. Brodskys Tochter, die Frau des Moskauer Poliakow, lief mit zwei kleinen Kim