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Die Welt · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 „bie j> weit11 Nr, 50 Auch unter den Schwestern, die heilige Samariterdienste leisteten, befanden sich Jüdinnen, Deutsche, Polinnen, ebenso wie Russinen. Mit gleicher Selbstvergessenheit und Energie erfüllten alle ihre Pflicht. Eine jüdische Schwester, Studentin und Tochter wohlhabender Eltern, wurdet von den Verwundeten die „Liebe" genannt, weil sie mit besonderer Hingebung und Herzlichkeit die Kranken pflegte und zu beruhigen suchte. Sind in Odessa nicht etwa auch solche Schwestern der blutrünstigen Bande zum Opfer gefallen? Es ist bekannt, dass im Kriege 60 Prozent aller Aerzte Juden waren. Wie sie arbeiteten und keine Gefahren scheuten, wie sie die Verwundeten unter dem Kugelregen: und in der heftigsten Attacke des Feindes aufnahmen und verbanden, das wxiss alle Welt. Sie haben sich als die treuesten und opferfreudigsten Söhne des Vaterlandes erwiesen. Dabei drängte sich keiner von ihnen beim Kommandierenden vor, und keiner war bemüht, seinen Namen in die offiziellen Berichte zu bringen. In einer Nacht nach einem lieisscn, unendlich schweren Kampftag, trat ich mit einem jüdischen Arzt aus dem Zelte hinaus, um Luft zu schöpfen. Wir setzten uns auf einen Baumstumpf, und ermattet von des Tages Arbeit schloss mein (ieiührie die Augen. Plötzlich fasste er sich mit beiden Händen an den Kopf, sprang auf und sagte: „Ich muss, ich muss noch zu einem Patienten, der schlecht versorgt wird!44 „Aber Sie sind ja selbst schon fast krank und müssen sich schonen, lassen Sie doch auch andere arbeiten!'4 bemerkte ich. „Ja. in den Schläfen hämmert es tödlich, aber — ich muss, ich — bin ein Jude und das ist meine Rache für Kischejiew. Wir4', fuhr er mit heiterer Stimme fort, „Rümpfen hier nicht nur für die Ehre des Vaterlandes, sondern auch für die unseres Stammes. Der „Jude4', der verfolgt und geschmäht wird, soll in die Nacht der Vergangenheit gelangen. Wie Brüder bluten und kämpfen wir hier Schulter an Schulter, und so wollen wir gemeinsam heimkehren, um Glück und Freiheit zu teilen!" Aber die „Huligany' , die Geheimpolizisten, die besoldeten Bluthunde sind unbesiegbar! Sie kennen keine Dankbarkeit, keine Menschenwürde, sie begreifen weder die Regungen der menschlichen Seele, noch den erhabenen Gedanken der Vergebung. Darin liegt die Tragik der russischen Schande, die ein Meer von Tränen heraufbeschworen, und den Fluch der gebildeten Menschheit auf sich geladen hat. Karl Kautsky über Judentum und jüdisches Proletariat, In der ersten Nummer der in London erscheinenden jiidischsozialistischen Wochenschrift „Neue Zeit44 äusserte sich Karl Kautsky, bekanntlich einer der hervorragendsten Theoretiker der Sozialdemokratie, in bezeichnender Weise über den jüdischen Nationalismus und die Rolle des jüdischen Proletariats. Diese Aeusserungen verdienen gerade jetzt, wo die jüdischen Sozialisten Gaiiziens auf Grund ihrer besonderen Interessen' und ihrer nationalen Sonderart einen Kampf um eine nationale Organisation führen, eine erhöhte Bedeutung. Es ist aber auch interessant, zu beobachten, wie Kautsky, der in früheren Jahren keineswegs diesen Standpunkt eingenommen hat, zur Anerkennung einer jüdischen Nationalität gelangt, Kautsky schreibt: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Judentum, dank sowohl seiner spezifisch psychischen Eigenart, wie auch seiner spezifisch sozialen Lage eine hervorragende Rolle in der sozialistischen Bewegung spielt. Ohne mich den Rassentheoretikern zuzuzählen, welche alle historischen Prozesse auf Grund nationaler Rasseneigentümiichkeit erklären, oder mit anderen Worten die ganze soziale Entwickln:;/ auf die physische Beschaffenheit der einzelnen Individuen zm;;ckführen, kann trotzdem zugegeben werden, dass eine jede Nationalität eine spezifische psychische und physische Eigenart aufweist; notabene kann bei der Mehrzahl der Fälle schwerlich angegeben werden, welche von diesen Eigentümlichkeiten auf das Konto der physischen Beschaffenheit zu setzen sind und welche den Jahrhunderte währenden Wirkungen des Sozialisierungsiprozesses zuzuzählen sind. Auch das Judentum hat seine nur ihm eigentümliche psychische Physiognomie, wenn auch die Möglichkeit zur Konstatierung nicht vorhanden ist, in welchem Grade diese von den fernen Ahnen, die wiederum das Produkt einer Kreuzung verschiedener Rassen sind, geerbt ist und in welchem Grade diese Physiognomie ein Resultat jener sozialen Einflüsse vorstellt, denen das Judentum im Verlaufe seiner Geschichte unterworfen war. Doch ist es feststehend: die psychische Physiognomie des Judentums besteht und sie äussert sich in einer hervorragenden Begabung für das Abstrakte und in einer stark ausgeprägten Gabe für kritische Gedankenbetätigung. Dank diesem Umstände hat das Judentum seit seinem Anschluss an die europäische Zivilisation ihr vielleicht mehr hervorragende Denker geschenkt als irgend ein anderes Volk. Solche Namen aber, wie Spinoza, Ricardo, Marx bedeuten Epochen in der Geschichte menschlichen Denkens.? Da die Juden seit der Einbusse ihrer Selbständigkeit in ihrer Gänze den unterdrückten Klassen angehören, so stellten sie ihre Fähigkeit des abstrakten Denkens und die Gabe der Kritik in den Dienst des revolutionären Gedankens. Für die proletarische Bewegung haben sie deswegen überall grosse Bedeutung erlangt, aber für keine Bewegung sind sie möglicherweise notwendiger als für die englische. Dem englischen Proletariat fehlen gerade diese Eigentümlichkeiten, die aus einem instinktiv den Klassenkampf mitmachenden Menschen erst einen bewussten Sozialisten machen und die ihm erst dadurch die Möglichkeit bieten, sich vom bourgeoisen Denken zu emanzipieren, sich politisch und sozial zu betätigen und dadurch seinen sozialen Emanzipationskampf zu vereinheitlichen. Diese psychischen Eigenschaften fehlen dem angelsächsischen Proletariat, das. unter dem Mangelf abstrakten Denkens und einer tiefen, gesunden Kritik besonders leidet, mehr als jedem anderen. Es geht vollständig in seiner sogenannten Realpolitik auf, die gleichbedeutend ist mit der Unfähigkeit, über seine Nase hinweg die Dinge zu schauen. Das jüdische Proletariat besitzt diese Fähigkeit, die dem englischen mangelt. Nichts könnte herrlichere Resultate zeitigen, als eine Kreuzung dieser beiden Züge: der angelsächsischen Kraft und Liebe zur Freiheit mit der Gedankentätigkeit und Fähigkeit zur Kritik der Juden. Wenn es dem jüdischen Proletariat gelingen sollte, eine starke sozialistische Bewegung hervorzurufen, dann werden sie nicht nur für sich, sondern für die ganze proletarische Bewegung Englands wirken, indem sie ein Ferment von besonderer Art bilden werden. Verelendet, unwissend, ohne Kenntnis der Landessprache kommen sie aus Russland nach England und werden leicht zu Opfern der drückendsten Ausbeutung. Aber schon nach einiger Zeit organisiert sich der jüdische Arbeiter und tritt in den Kampf mit seinen Ausbeutern, er erhebt sich zu einer höheren Klassenform, zum proletarischen! Kampfe — zum Sozialismus. Der anfangs als Lohndrücker auftretende jüdische Proletarier wird zum hervorragenden Kämpfer, der durch sein Beispiel den angelsächsischen Arbeitern zeigt, dass die Theorie des Sozialismus den Kampf um tägliche Bedürfnisse, um Erhöhung des Arbeitslohnes, um Verkürzung der Arbeitszeit nicht ausschliesst, dass die sozialistische Weltbetrachtung nicht nur eine wirklich praktische Klassenpolitik nicht verhindert, sondern im Gegenteile, dass erst diese die Möglichkeit zu einer solchen bietet. Indem sie den angelsächsischen Arbeitern eine solche praktische Lektion des Sozialismus — als; Genossen, nicht etwa als Hofmeister — erteilen, betreiben die jüdischen Arbeiter produk-

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