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Die Welt · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 50 f|bie & mutes wäre der vor aller Welt erbrachte Beweiß., wie feig die Meute ist, mit der wir es zu tun haben. Furcht ist noch keine Schande, aber immer ein Unglück. Darum: wir wallen keine Juden an der Spitze, die durch die kammerknechtisehen Töne ihrer Proteste unseren Gegnern glauben machen, dass wir uns fürchten. Es ist von Uehel, wenn man ein herrliches jüdisches Erbstück verkümmern lässt. Wir meinen diesmal nicht die hebräische Sprache, sondern den jüdischen Witz, den jüdischen Humor. Wo ist in der jüngsten Lueger-Affäre der geblieben? Wäre er nicht eher am Platze gewesen, als Wanderers Angstlied im dunklen Wahl? Wahrhaftig, wir wären den Herren Protesträten und den geehrten Interpellanten dankbar gewesen, wenn sie statt ihrer feierlichen Ernsthaftigkeiten Herrn Lueger gefragt hätten, wer und wo seine vaterlandsretterisehen Hooligans sind. Oder: ob seine „Schwarzen Hundert" weisse Velken tragen werden? Oder: ob er die Selbstverleugnung und TJncigeiniützigkeit haben werde, seine Hooligans auch an Wahltagen „arbeiten" zu lassen, und wie er seiner Partei den dann drohenden Stinmienausfall zu ersetzen gedenke? Ferner: ob er sich der k. u. k. Eothschild-Husaren (so hat Lueger vor ein paar Jahren die Männer genannt, die des Kaisers Kock tragen) genugsam versichert halte, damit sie nach russischem Muster der jüdischen Selbstwehr in den Arm falle? Schliesslich: welche Einschüchterungsmittel er für jene zwölf Männer, „die zufällig Geschworene sind", vorbereitet hat, damit sie iseinen braven Hooligans nicht etwa zu längerer Sesshaftigkeit verhelfen, als für die Ausübung des Wahlrechtes notwendig oder wünschenswert ist? Genug der Scherze, für die unsere armen Judenretter ja doch zu ernsthaft sind. Sie halten es mit dem Koheleth: „Es gibt eine Zeit zum Scherzen und eine zum Weinen."' Und meinen, es sei jetzt die Zeit zum Weinen, weil Herr Lueger so schrecklich gedroht hat, dass Juden sich unbedingt fürchten, müssen. Wenn es noch wahr wäre . . . Es ist aber nicht w a h r. W i r f ü r c h ten uns nicht. Öder haben die sehr geehrten Herren vom Weener Kultusvorstande schon vergessen, dass sie einmal den Mut und die Selbstwehrausbildung von ein paar hundert jungen Wiener Juden durch Erteilung einer Subvention ausdrücklich anerkannt haben? Humor und Mut, meine Herren! Herr Lueger hat ums der Lächerlichkeit preisgeben wollen, indem er die Welt glauben machte, seine Drohungen ängstigen uns. Dafür müssen wir ihn und seine Hooligans derLächerlichkeit preisgeben. Mit ungeladenen Waffen wollen wir ihnen am Tage, wenn Luegers „Wenn" sich erfüllt, entgegentreten. Staunend und lachend soll die Welt es sehen, wie Luegers Hooligans auch dann davonlaufen. Dr. B. Es. Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko Uber die Judenmetzeleien in Russland. Der bekannte russische Schriftsteller und berühmte Kriegsberichterstatter Nemirowitsch-Dantschenko lässt sich über die russischen Judenmetzeleien in einem offenen Schreiben wie folgt vernehmen: „Die Greueltaten der Baschi-Bozuks, die ganz Europa erzittern machten, gaben im Jahre 1877/78 den Anlass zum türkischen Kriege. Aber was für! Stümper waren schliesslich die muselmanischen Fanatiker gegen unsere „Schwarze Bande'! Diese hat sich sogar den Ruhm erobert, kleinen Kindern den Kopf abzuschlagen, Frauen den Leib aufzuschlitzen und ihn mit Federn vollzupacken! Und wir erkühnten uns noch vor kurzem, einen Vergleich zu ziehen zwischen der russischen und der japanischen Ethik und — die christliche Toleranz hervorzu- W$lt" Seite 3 heben! Unerrnesslich weit sind wir in den letzten 25 Jahren zurückgegangen und jetzt schwingt allein die niedrigste Gemeinheit das Zepter in Russland, und — gegen wen richtet sich die Blutwelle? Gegen die Armen, die Handwerker und Tagelöhner, die sich Juden nennjfri. Die schwarze Masse der Raubmorde r wird von reichen, hochgestellten Kreisen bezahlt, die nach einem fest umrissenen Plan die „Pogromy" vorbereitet haben. Sic entbrannten daher wie auf ein Signal gleichzeitig an verschiedenen Orten. Wäre der Generalstreik nicht ausgebrochen, der den Verkehr der „Schwarzen'' gehemmt hat, so hätten sich die Greueltaten, gegen die die Fackeln des Nero verblassen, noch verzehnfacht. Die Geschichte wird bald die schmachbedeckten Namen enthüllen, die Russland in den Kot geworfen und über ■derb anbrechenden Festtag der Freiheit einen Trauerflor gebreitet haben. Es kann heute kein Zweifel mehr walten, wer die Missetäter waren, nachdem unter den Mänteln der Mörder die Polizeiuniform entdeckt wurde. Der Gradonatschalnik von Odessa glaubte in seiner Einfalt die vertierte Masse zu beruhigen, wenn er die Soldaten zwang, auf ihre jüdischen Leidensbrüder zu schiessen. In dieser Walpurgisnacht, wo alle Schrecken Orgien feierten, richtete sich wie ein Fels im Meere die russische Arbeiterschaft auf. Sie befleckte sich weder durch Raub, noch durch Mord, in majestätischer Ruhe und Ordnung leitete sie ihre Bewegung ein und griff zielbewusst den brudermörderischen Kosaken und Gendarmen in den Arm, wo sie es vermochte. Die schnell organisierte Arbeitermiliz trat wie eine Macht in die historische Arena mit dem Bewusstsein ihres Rechtes, für die Ideale der Freiheit kämpfen zu dürfen. „Fürchtet uns nicht", sagte sie zu der Gesellschaft, „vergleicht uns mit den Hütern des Gesetzes, die das Leben eurer Familien schützen sollen!" Ich war Zeuge der Volksbewegung in Italien und in Spanien. In Barcelona spielten sich Szenen ab, die als wild bezeichnet wurden. Aber was war denn das, was waren selbst die Torturen der Inquisition gegen die kannibalischen Ungeheuerlichkeiten der „Schwarzen"! In der Mandschurei sprach man von den Grausamkeiten des chinesischen Aufstandes, aber — keinem Boxer ist es je eingefallen, sich mit solch teuflischen Schändlichkeiten zu besudeln, die in Odessa an der Tagesordnung waren. Das Tier zerreisst sein Opfer, ohne es zu martern und zu höhnen. In dem ganzen höllischen Drama war kein Aufschwung edler Hilfsbereitschaft, kehii Wagemut der empörten Menschenwürde zutage getreten. Die feigen Wölfe verkrochen sich in ihre Höhlen aus Furcht vor dem Vernichturigswerk der Kosaken und unserer hochlöblichen Polizei. Wenige Monde sind es, seit ich von dem mandschurischen Kriegsschauplatze zurückgekehrt bin. Ich muss an die jüdischen Soldaten denken, die neben ihren russischen Brüdern auf dem Felde der Ehre hingestreckt wurden und über die in offiziellen und nichtoffiziellen Berichten viel Heldenmütiges gesagt wurde. Diese selben Juden, die jetzt geschlagen werden müssen nach dem Losungswort der „Huligany lagen in den Lazaretten mit tödlichen Wunden neben den russischen Kampfgenossen. Ich entsinne mich, wie nach einer verzweifelten Schlacht eine Rotte in Nacht und Nebel auszog, um .einen jüdischen Helden zu suchen, der im schwersten Artilleriefeuer die russische Fahne verteidigt hatte. Unvergesslich wird mir auch ein anderer Jude bleiben, der unter dem feindlichen Geschoss den Schaho durchschwamm, um verwundete Soldaten zu retten, die im Gefecht vergessen wurden. Auf keinem Gebiete stand das jüdische Militär hinter dem 'russischen zurück, aber unter den bettelnden und besoffenen Soldaten in Charbin sind mir keine Juden begegnet. Sie haben hingegen alle Unbill: des Krieges, wie tropische Hitze, die -sündflutlicheni Regengüsse, Hunger, Kälte und Anstrengung mit der grössten Selbstbeherrschung tapfer ertragen, ebenso wie die Polen, Russen und Tartaren. Nach einer Nacht der schrecklichsten Qualen sagte mir ein jüdischer Jäger lächelnd: „Jetzt wiid man uns daheim nicht mehr „Jid' schimpfen/4

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