Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bie * weit Nr. 50 werden müssen, um unseren unglücklichen Brüdern eine dauernde Hilfe zu bringen. Ein Teil des Judentums, eine Partei allein kann das nicht, das ist eine Angelegenheit, die über allen Parteien steht, über alle Programme und Meinungen erhaben ist« Darum muss eine allgemeine Konferenz allen Körperschaften, Organisationen und Vertretungen des jüdischen Volkes zusammentreten, die die gesamte Judenheit repräsentiert. Die zionistische Bewegung erstreckt sich über den ganzen Erdball und hat insbesondere auch in Russland eine weitverzweigte und festgefugte Organisation geschaffen. Sie darf sich daher von vornherein wohl als befähigt betrachten, die Initative in dieser Angelegenheit zu ergreifen. Das Aktionskomitee der zionistischen Organisation hat daher beschlossen, eine Konferenz von Repräsentanten jüdischer Organisationen aus der ganzen Welt anzuregen und sie für den 29. Ja n ner 1906 nach Brüssel einzuberufen. Der einzige Punkt, der in dieser Konferenz zur Diskussion gestellt wird, ist; „Die Lage der Jude i in Russland". Im Namen des Aktionskomitees bringe ich Ihnen, sehr geehrter Herr, diesen Beschluss zur Kenntnis und bitte Sie höflichst, mich gütigst sobald als möglich zu benachrichtigen, ob wir die Ehre haben werden, Vertreter Ihrer Vereinigung auf dieser Konferenz zu begrüssen. Ich werde Ihnen dann alle weiteren Einzelheiten über die Vorbereitungen rechtzeitig zustellen lassen. In der aufrichtigen Zuversicht, dass Sie, sehr geehrter Herr, diesem Werke zum Wohle des jüdischen Volkes Ihre geschätzte Mitwirkung nicht versagen werden, verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung Für das Aktionskomitee der zionistischen Organisation: David Wolffsohn Präsident. Die Hooligans des Herrn Lueger. Herr Lueger, der österreichischen Haupt- und Besidcnzfdadt gewählter und bestätigter Bürgermeister, ausgezeichneter Agitator, ziemlich tüchtiger Verwältungsbeamter, im ganzen ein heller Kopf, hat in einer antisemitischen Versammlung in Dnnaufeld eine dumme Kode gehalten, was ihm öfter passiert, wenn er sieh, vom Aerger oder von verletzter Eitelkeit hinreissen lässt. Diesmal ärgerte er sieh darüber, dass der imposante sozialdemokratische Massenaufzug am 28. Xovembor von der ltegierung nicht hintertrieben wurde, ärgerte sieh über die siegreiche Regiekunst seiner geliasstesten Feinde, und er sprach noch dümmer, vorsichtsloser und gottverlassener als sonst. Herr Lueger erinnerte an die russischen Judenmassakers, warnte die Wiener Juden vor Aveilerem Zusammengehen mit der Sozialdemokratie und drohte schliesslich, auch die Wiener Antisemiten würden keine Schonung kennen, wenn durch die Schuld der Juden das Vaterland' in Gefahr käme. Wie gesagt, eine dumme, dumme Rede. Leider ist keine Dummheit zu du nun — sie findet noch immer Leute, die sie ernst nehm n. (iegen die jüngste Dummheit Luegers machte gleich eine ganze Armee ernster Leute mobil. Eine Deputation ging zum Ministerpräsidenten, die liberalen Zeitungen entrüstete]] sich, ein paar Abgeordnete interpellierten, die israelitische Kultusgemeindc protestierte. Sogar von Kntsendnng einer Abordnung an die Stufen des Thrones war die Rede. Von allen offiziellen Wiener Juden hat sich bisher nur ein einziger in der dummen Äffäre klug und würdig benommen. Das war der Wiener Oberrabbmer Dr. Güdemann, der in einer Zuschrift an die „Neue Freie Presse" die Warnung des Herrn Lueger dem Herrn Lueger „vor die Füsse" warf. Wir Zionisten haben geringen Anlass, Herrn Dr. Güdenrann zu loben. Diesmal verdient er Anerkennung: er hat die anderen winseln lassen und selbst wie ein ganzer Mann gesprochen. Zum erstenmal seit Jahren durften ihn selbstbewusste Juden als "ihren Wortführer gelten lassen. Sodann zeigten die Redner in der schönen Versammlung am letzten Sonntag denselben männlichen Geist. Und wenn wir jetzt trotzdem in der gleichen Angelegenheit das Wort verlangen-, so geschieht es nicht, um diesem Herrn Lueger so grob, wie er's verdiente, die Wahrheit zu sagen, sondern, um uns mit den ungeschickten Judenrettern auseinanderzusetzen, die Luegers Rede zum Anlass nahmen, „in Aktion zu treten". Also: Diese Sorte J udenretterei missbehagt uns, beleidigt und empört uns. Was ist denn geschehen? Ein Mensch namens Karl Lueger, seines Zeichens Wiener Burgermeister, wagt es, uns zu drohen. Ich bin kein Jurist, aber ich glaube, das Strafgesetz verfolgt nur jene Drohunlg, die mit zweckmässigen Mitteln unternommen wird und deshalb geeignet ist, den Bedrohten wirklich zu ängstigen. Da gibt es nun zwei Möglichkeiten: entweder fürchten sieh die Wiener Juden vor Luegers Wortattacken oder sie fürchten sich nicht. Ist das letztere der Fall — wozu der ganze Entrüstungs- und Protestrummel? Dann hat ja Herr Lueger uns in Wirklichkeit gar nicht bedroht, sondern uns bloss beleidigt", indem er annahm und seine Annahme durch Druckschriften verbreiten liess: es genüge, dass ein Lueger uns drohe, um uns in Angst zu setzen. Was man aber einem Beleidiger gegenüber zu tun hat, darüber kann euch der erstbeste jüdischnationale Couleurstudent belehren. Man sieht sich den Beleidiger näher an, man erkundigt sich über ihn. Ist er satisfaktionsfällig, dann tut man etwas, was — der Staatsanwalt nicht sutbeisst. Lesrt er aber zwischen ö ~ sich und die Verantwortung eine dreifache Schutzwehr, nämlich die Immunität,* die oft bewiesene grenzenlose Vorsicht und die Fäuste des Herrn Pummerer, dann lässt man ihn nach öffentlicher Konstatierung des Sachverhaltes einfach laufen. Und hindert ihn im Laufen nicht, es wäre denn dadurch, dass man ihm seine Warmingen und Drohungen vor die Füsse wirft. Denn, das Dritte, das in solchem Falle manchmal zu gesell eben, pflegt, verbietet sich einem Manne gegenüber, der in jenem Alter steht, das vor Torheit nicht schützt . . . Dies im Nlamen jener Juden, die sich nicht fürchten. Es gibt aber Welche, die sich fürchten? 0, das tut uns leid! Das kränkt uns, uns andere, die wir uns nicht fürchten! Und das sollte nicht sein! Und das müsste nicht sein, wenn die unterschiedlichen Judenretter ihre Juden rechtzeitig zum Mut erzogen hätten, zu dem ganz geringen Quantum Mut, das notwendig ist, um sich vor Hferrn Lueger nicht zu fürchten. Erziehung zum Milte, mehr ist nicht nötig; Organisation, Organisation, und noch einmal Organisation ist dieser Erziehung einziges Lehrmittel. .Alles andere ist von Uebel. Von Uebel ist's, zur Regierung und zum Kaiser zu rennen. Wirkliche Staatsbürger tun so etwas nicht. ".Nur K a m m erknecht e tun das. D i e Zeit ist aber vorüber. Kammerknechtische Politik —• die gibt's nicht mehr, darf's nicht mehr geben. Sie hat die Juden zu schreckhaften Leuten gemacht, zu Leuten, die das Faustballen verlernt haben. Der Furchtsame macht "seinen Gegner mutig: das ist die ärgste Wirkung der Furcht. Der Mutige aber entlarvt durch die blosse Tatsache seines Mutes die Furchtsamen und Feiglinge: und die erste Wirkung Wüener Juden-