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Die Welt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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5eitr 8 „bie & weit" Nr. 49 ist eine Unmenschlichkeit, die Bürgerrechte ejnem solchen eingeborenen Elemente der Bevölkerung zu verwehren, eine Barbarei, die der rumänischen Zivilisation Schande macht und in keinem anderen Lande Europas ihresgleichen imdei. Es ist ein Verbrechen der Res humanitatis, das selbst die Athener vor mehr als 2400 Jahren nicht begehen wollten, als sie das Recht der Matechen schufen, deren rechtliche Stellung eine höhere als die der unglücklichen Juden in Rumänien war. M e i r i. Politische Rundschau. Es wäre eine Ueberraschung gewesen, wenn der 28. November den österreichischen Juden nicht die paar Exzesschen, welche bei uns die unerlässlichen Begleiterscheinungen grosser politischer oder nationaler Ereignisse sind, beschert hätte. Sie stellten sich, wie zu erwarten war pünktlich ein, wurden programmgemäss nach der in Mähren üblichen Schablone abgewickelt und liefern das kurze Vorspiel zu der ernsteren Serie von grösseren Exzessen, die den österreichischen Juden nicht erspart bleiben werden, wenn das allgemeine Wahlrecht vorenthalten oder verfälscht und der angedrohte Massenstreik wirklich organisiert werden wird. Eine Neuauflage der Tage nach Badenis Sturz ist nicht ausgeschlossen. In den Sudetenländern ist nationaler Zündstoff in besorgniserregender Menge angesammelt und wird sich, wenn beim Massenstreik nach monatelanger Aufpeitschung der öffentlichen Meinung, nach langjähriger Boykotthetze und antisemitischer Wühlarbeit die Explosion erfolgt, gegen die Juden entladen. In den grösseren und grossen Städten ist die Gefahr geringer. Aber in den Provinzstädten, wo weder Militär noch eine gutorganisierte Arbeiterschaft Ausplünderungen hintanhält, ist der jüdische Bewohner der aufgehetzten und plünderungswürdigen Menge fast wehr- und hilflos preisgegeben. Die letzten Exzesse in Boskowitz, Austerlitz, Neu - Rausnitz haben es ja bewiesen. Wer büsst in solchen gefährlichen Tagen die schwere Schuld der deutschjüdischen „Führer"? Etwa sie selbst oder ihre Drahtzieher? Sie trifft der Hass und die Rachlust der Masse nicht. Denn vom sicheren Port lässt sich gemächlich deutsche Politik machen! Der ärmere und arme Jude wird das Opfer seiner Reichen. Weil in Austerlitz der getaufte Zuckerfabrikant seine Arbeiter provoziert, stürmt der rauflustige Pöbel die Judengasse und weil bei Boskowitz der jüdische Tuchfabrikant mit seinen Arbeitern Differenzen hat, werden in der Christenstadt Judenläden geplündert. Im politischen Leben wie im nationalen Kampf und wirtschaflichen Wettbewerbe büsst der jüdische Mittelstand, was jüdische Fabrikanten in skrupelloser Streberei jahrzehntelang verbrochen haben. Und doch liegt die folgenschwere Schuld der mittleren und armen jüdischen Bevölkerungsschicht nur darin, dass sie die gefährliche angebliche Führerschaft und selbstische Politik ihrer Reichen nicht energisch genug abgelehnt und abgeschüttelt hat. Die „Arbeiter-Zeitung" macht in der Besprechung der Boskowitzer Krawalle die „armen Juden" mitverantwortlich für die Ausbeutungstaktik jüdischer Fabrikauten und scheut sich nicht, jenen weitere Repressalien anzudrohen. Die Notiz ist ein Meisterstück jornalistischer Gemeinheit und Unehrlichkeit. Die Krawalle haben wohl den Eindruck und die Bedeutung des Tages erhöht und waren Wasser auf die Wahlrechtsmühle. Aber das berechtigt das unehrliche Blatt nicht, die Sympathien mit dem plündernden Boskowitzer Pöbel in einen ungerechtfertigten Angriff gegen „arme Juden" zu kleiden. Auf einmal entdeckt der pfiffige Redakteur, dessen Blatt sonst an allen jüdischen Fragen mit Scheuklappen vorbeigeht oder sie mit souveräner Verachtung abtut, eine Solidarität zwischen dem „ausbeuterischen" Fabrikanten und den geplünderten Juden. Wo bleibt der marxistische Klassenkampfdrill, der jedem sozialistischen Lehrbuben gegen die Zionisten die beliebtesten Argumente leiht? Die „Arbeiter-Zeitung" hat sich da zur Abwechslung ein antisemitisches Husarenstückchen geleistet, wie sie zum Ressort ihres jüdischen Redaktionsstabes gehören. Die Mache dieser antisemitelnden Notizen wird immer plumper und macht ihre Autoren immer widerwärtiger. Es ist Redaktionsprinzip: Wenn man Judenexzesse schon nicht totschweigen kann, muss man aus ihnen parteipolitisches Kapital schlagen können. Skrupel gibt's dabei nicht. * * * Das österreichische Parlament trägt Jahrmarktphysiognomie. Ein~allgemeines Feilschen beginnt. Die Ausrufer der nationalen Parteien und Berufsklassen marschieren auf und stellen ihre Rechnung. Die Wahlreform wird zum Schachergeschäft. Da ist der Polenklub nun in seinem Lebenselement, er und seine Hausjuden, die um ihre politische Existenz kämpfen und den Sieg des nationalen Judentums als das Ende ihrer Faktotumherrlichkeit verfluchen. Die Schlachzizen aller Nationen und Parteien kümmerten sich bisher wenig um die jüdischen Wähler, die bei der nationalen Ordnung nach althergebrachter Manier als B Zu wage", als kleine politische Geschenke, die nach der Ueberlieferung die Freundschaft erhalten, dem einen oder anderen Vertragsteil überwiesen werden sollen. Die diversen Faktoten, die den Polen, Deutschen, Tschechen usw. die Mandatsgeschäfte vermitteln, sind vorderhand einverstanden. Aber es regt sich immer stärker der Widerspruch gegen so entehrende Einstampfung in fremdnationale Lager, gegen das würdelose Parasitendasein, das abermals das politische Los der österreichischen Juden werden muss, wenn sie sich nicht rechtzeitig erheben und sich auf ihre nationalen Rechte besinnen. Im Parlamente selbst sind für die jüdischnationale Bewegung zwei Redner aufgetreten, die ohne Scheu von einer Judenkurie sprachen und für die Juden als nationale Individualität gleiche Rechte forderten. Der Ruthene Romanczuk und der jüdische Abgeordnete von Gzernowitz Dr. Strauch er haben dem Schreckwort, das noch allen Assimilanten auf die Nerven geht und das naive oder i affinierte Leute gegen uns ausnützen werden, weil das Blatt der Wiener Christlichsozialen dafür ist, die parlamentarische Tribüne erobert. Die Rede des Abgeordneten Straucher verdient als die mutige Tat eines stolzen, aufrechten Juden dankbarste Anerkennung. Die Parallele zwischen diesem nationalen Juden und den kriechenden, die Geschäfte Fremder besorgender, jedes offene Eintreten für jüdische Interessen ängstlich vermeidendev Judenabgeordneten drängt sich von selbst auf. Sie fällt zugunsten der knechtseligen Faktoten nicht aus. Wie ein rechter Schlachtasprössling gebärdete sich Herr Daszynski, dessen Toben gegen alles Jüdischnationale den Anschein einer politischen Spekulation zu erwecken beginnt. Als der Ruthene R omanczuk davon sprach, dass den Juden eine nationale Vertretung gebühre, da stellte sich die sozialdemokratische Primadonna aus Galizien dumm und machte nach Analogie der naiven Backfischfrage: „Mama, was ist das, ein Leutnant?" den komödiantenhaften Zwischenruf: „Wie, als Religion?" Und dem Abgeordneten Straucher gegenüber sprach er von „Jargongymnasien" als dem Endzweck jüdischnationalen

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