Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „bis # W^lt" Nr. 49 sich darum gehandelt hätte, die öffentliche Meinung darauf geiasst zu machen. Iis ist längst konstatiert worden, dass der russische Antisemitismus mit dem französischen in enger Fühlung steht, wie überhaupt der Antisemitismus in Frankreich mit dem Abschlüsse der Allianz seinen feierlichen Einzug hielt. Interessant ist auch die Haltung der französischen Presse diesen Massakers gegenüber, worauf ich im nächsten Briefe zurückkommen werde. J. Carny. Protestkundgebungen der Krakauer Judenschaft gegen die russischen Judenmetzeleien. Schon auf die erste Nachricht über Judenmassakers in Russland hin bemächtigte sich der hiesigen zionistischen Kreise eine grosse Aufregung:. Sie entlud sich zum erstenmal bei einer von der .Krakauer „unabhängigen Judenpartei" einberufenen Volksversammlung, eingangs deren die Zionisten durch ihren Sprecher Herrn Dr. Syro p die sofortige Vertagung der Versammlung zum Zeichen der Trauer verlangten. Die Ablehnung dieses Verlangens brachte eine derartige Unruhe in die Versammlung, dass dieselbe nach kurzem, stürmischem Verlauf lauge vor Erschöpfung der Tagesordnung ein frühzeitiges Ende fand. In dem Masse, wie häufigere und bestimmtere Nachrichten aus dem Pogroingebiete einliefern und Entsetzen und Bestürzung hervorriefen, steigerte sich die Erregung der jüdischen Bevölkerung und machte sich in vielen Kundgebungen Luft. Zunächst berief der zionistische Studentenverein „Hascliachar" einen jüdischen Studententag ein, mit der Tagesordnung: „Die Judenpogrome in RusslaixT. Unter Vorsitz des (Jg. cand. jur. Hirsch Herstein wurde nach einem .ausführlichen Referate des stud. jur. S. P i i z e r eine sehr scharfe Protest- und Lntrüstungskundgebung einstimmig beschlossen und ein Dreierkomitee gewählt, das sich dem bürgerlichen Hilfskomitee zur Veriiigimg stellte. Tags darauf, am Montag den 13. November, fand im Sitzungssaal der Kultusgemeiude eine feierliche Trauersitzimg des Vorstandes statt, der auch die Repräsentanten alier Krakauer jüdischen Organisationen beiwohnten. Die Zionisten waren durch, die Herren Dr. L. üold-w asser und Julius Sc ii ö ii w e 11 e r repräsentiert. Nachdem die Versammlung durch eine feierliche und überaus würdige Ansprache des Präsidenten der Gemeinde Dr. Samuel Till e s eröffnet worden und eine Protestresolution angenommen worden war, entspann sich eine längere Diskussion, an der die meisten Anwesenden sich beteiligten. Hervorzuheben wäre die vom üeiste echter jüdischer Gerneinbürgschait getragene Ansprache des rühmlichst bekannten Straf rechtsieh rers an -der Universität Krakau, Prof. Dr. Josef Rosenblatt, der an der Versammlung als Vertreter der „Aliiance israelite'' teilnahm. Zum Schlüsse wurde auf Antrag des Herrn Schönwetter ein 2Ügiiedriges Hilfskomitee eingesetzt, das persönlich Spenden für die Opfer der Pogrome zu sammeln hat. Die erste Spende war die der Komiteemitglieder und betrug 1ÜÜ0 Kronen. Die grossartigste Kundgebung fand am folgenden Samstag statt, bür 3 Uhr nachmittags hatten die Krakauer vereinigten Zionisten eine jüdische Volksversammlung einberufen. Der Saal des gewerbetechnischen Museums war schon lange vor der anberaumten Stunde derart vollgepfropft, dass hunderte von Personen keinen Einlass finden konnten und sich im geräumigen Hofe ansammelten. Man bemerkte darunter den Kultusvorstand, mit dem Präsidenten Dr. T i 11 c s au der Spitze, Prof. Dr. R o s e n b 1 a 11, Rabbiner Dr. Thon u. a. Die Versammlungwurde von Dr. Gold w a s s e r eröffnet, der auch zum Vorsitzenden gewählt wurde. Das Referat erstattete L. F. W a s c Ii i t z. Nachdem er auf das territoriale Zusammentreffen der Pogrome mit den Chmiewickischen Judenmetzeleien, deren 250jähriges „Jubiläum44 vor einigen Tagen gefeiert wurde, hinwies und 'in beredten Worten die Greueltaten der letzten Wochen schilderte, kam er aui die „öffentliche Meinung" Europas zu sprechen, die ganz versage, wo es sich um Juden handle. Das „Konzert" der Mächte, das am ,.Goldenen Horn" so gut aufzuspießen weiss, wo es sich um finanzielle Dinge handelt, bleibe stumm, wenn jüdisches Blut in Strömen iiiesst. Redner tadelt das Verhalten der galizischen Landtagsabgeordneten, die sich an Dr. S t r a ac h e r ein Beispiel nehmen könnten und schliesst mit der Aufforderung, im Kampfe unentwegt auszuharren und zur Selbsthilfe zu greifen. „Was einem Nero und Hadrian nicht gelungen ist, das wird ihren heutigen Epigonen misslingen!" Stürmischer Beifall begleitete die Verlesung der Resolution, die gegen die Greuel protestiert, den jüdischen Landtagsabgeordneten das Misstrauen votiert, die jüdische Hochfinanz zum Boykott Russlands auffordert, eine Intervention der österreichischen Regierung verlangt und die tatkräftigste Unterstützung der jüdischen Selbstwehr in Russlaud gelobt. Nach der Versammlung fand ein grosser Manifestationsumzug mit Trauer- und nationalen Fahnen statt, der Aufsehen erregte. Während der Versammlung und des Umzuges versuchten einige halbwüchsige Bursche von der jüdischen Separatistenpartei einen Tumult zu provozieren. Die Versuche wurden energisch zurückgewiesen. —c.— Die Einigung. Von Seiten führender Persönlichkeiten des bisherigen „Verbandes politischer Zionisten" geht uns folgendes Zirkular zur Veröffentlichung zu: Werte Gesinnungsgenossen! Wir setzen voraus, dass Sie durch die „Jüdische Rundschau" bezwr. die „Welt" über die Beschlüsse des deutschen Zentralkomitees unterrichtet sind. Indem wir Ihnen die auf den „Veiband politischer Zionisten" bezüglichen Erklärungen zur Zustimmung unterbreiten, verbinden wir damit einen Bericht ii b c r d i e Mo t i v e, die für uns beim Friedensschlüsse massgebend gewesen sind. Die Verhandlungen im Zentralkomitee dienten der Verständigung über zwei Hauptfragen: die Territorial- und die Palästinafrage. Hinsichtlich der T e r r i t o r i a 1 i r a g e waren die Bemühungen des Verbandes bisher nach zwei Seiten gerichtet gewesen: einmal im Sinn einer grosszügigen Volkspolitik des Zionismus innerhalb der Organisation darauf .hinzuarbeiten, dass schon der nächste Kongress die Leitung in die Lage setze, bei der Gewinnung und Besiedlung von tusserpalästinensischen Territorien bestimmend und leitend mitzuwirken; zweitens ausserhalb der B e wr e g u n g schon jetzt die tätige Mitarbeit von Zionisten an der Ito zu ermöglichen und zu sichern, namentlich auch, um in dieser dem Ueberwuchern -rein philanthropischer Momente entgegenzuwirken. Zunächst haben wir uns entschliessen müssen, die erste Seite unserer diesbezüglichen Bestrebungen fallen z u lassen. Wir haben uns dieses schwere Opfer abgerungen, nachdem wir darüber klar waren, dass einesteils auch die eifrigste und schärfste Agitation uns wohl eine wachsende Majorität in der deutschen und englischen Landsmannsjnaft bringen, nimmermehr aber auf die geschlossene, blind fanatische Masse der russischen Zionezionisten wirken würde, bei denen nur von der brutalen Macht der Tatsachen ein Wandel zu erwarten ist; andrerseits musste die wachsende Schärfe der Diskussion in den Ortsgruppen und in der Presse alsbald zu schwerer, innerer Zerklüftung der deutschen Organisation vi d zur Lahmlegung jeder Aussenpropaganda führen. Unsere Bewegung ist eben noch nicht reif für die