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Die Welt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 lf&ie # W^lt11 Seile 5 Arbeiter, unter ihnen auch viele, welche seit Jahren keine für jüdische Volksinteressen veranstalteten Versammlungen besuchten. Ein allgemeiner Ruf ging durch die Menge: „Gebt uns Waffen und wir wTollen hineilen, unsere Brüder zu verteidigen!" Ein Komitee hat sich zusammengetan, um für die jüdische Selbstwehr zusammenzusteuern. Neben der revolutionären Partei soll auch eine allgemeine jüdische Selbstwehr geschaffen werden, um das Gut und Blut der Juden gegen die schwarzen Meuten zu verteidigen. Mehrere junge Leute sind nach Russland geeilt, um in den ersten Reihen den Kampf auszufechten. Eine Christin hat zu diesem Behufe eine ansehnliche Summe spontan gespendet. Während unter den eingewanderten Juden diese schauerlichen Begebenheiten! allzu grell und peinlich die Notwendigkeit ins Licht rückten, eine jüdische Volkspolitik behufs Schaffung einer gesicherten Heimstätte, nach den einen Palästina, nach den anderen ein Territorium zu schaffen, scheinen jedoch unsere westeuropäischen Volksversorger noch dieser Einsicht verschlossen zu sein, wiewohl manche sich schon insoferne Zugeständnisse abringen lassen, dass die Juden aus Rusland fortgeschafft werden müssen, aber zu dem Zwecke, um sie wie Staub über die ganze Welt zu zerstreuen, damit sie nirgends einen kompakten Kern bilden, was als unfehlbare Panacee gegen den Antisemitismus betrachtet wird. DieseVerschiedenheit derAuffassung der Judenfrage kam zum Vorschein in der durch die Initiative des Rabbiners Lubetzky einberufenen Versammlung in der russischpolnischen Synagoge, an welcher Dr. Nordau und ein Vorsteher des französischen Judentums, Rabbiner Netter, teilnahmen. Nachdem Rabbiner Lubetzky in rührenden Worten das unermesslicheUnglück geschildert hatte, welches über unsere Brüder in Russland herausbeschworen wurde und zur sofortigen Hilfe ermahnte, ergriff R, Netter das Wort. In feierlichen, salbungsvollen Sätzen suchte er nachzuweisen, dass noch Grund für Hoffnung sei und eine rosige Zukunft der Juden in Russland harre. „Wer an den Leiden war, wird auch an den Freuden sein. Die Juden können getrost auf ein besseres Los in Russland warten, denn ihre Sache ist die der Menschheit, da die Juden nicht, weil sie Juden sind, verfolgt werden, sondern weil sie nach Licht streben. Ich selbst/ setzte der Rabbiner fort, „habe den Ausbruch und die wüsten Orgien des Antisemitismus in Algerien miterlebt. (R. Netter war Rabbiner in Oran, als die Wogen des Antisemitismus dort hochgingen und wurde infolge einer arn Grabe eines Opfers des Antisemitismus gehaltenen Rede, worin er unliebsame Anspielungen auf die antisemitische Obrigkeit machte, von der Regierung abgesetzt.) Nun/' versicherte der Redner, „verleugnen gegenwärtig alle ihre vorherigen Irrtümer und alle Welt hätschelt jetzt die Juden und liebkost sie und bewirbt sich wetteifernd um ihre Freundschaft. Der ehrwürdige Rabbi begnügte sich nicht bloss mit Bibelzitaten, die für die russichen Juden anbrechende Gerechtigkeit zu bekräftigen, er glaubte den wuchtigsten Schlag der schwarzen Meute beigebracht zu haben, indem er ihnen das Wort L'Hopitals zu schleuderte: „Les droits de la conscience humaine sont impressibles", ergo soll man die Juden nicht totschlagen, weil sie Juden sind. Die anwesenden russischen Juden, deren viele manchen Verwandten beweinen und herzzerreissende Briefe soeben einander vorgelesen hatten, fühlten instinktiv und ahnungsvoll die Leere dieser schönen Vertröstungen. Ihre Sinne sind noch nicht von den geläufigen sophistischen Schlagworten bestrickt worden, um diesen süssen Traum zu teilen. Und als Dr. Nordau darauf das Wort nahm, schien er seine Jeremiasworte aus ihren gramerfüllten Herzen herausgegriffen zu haben. Es braucht erst nicht die Rednerreputation Nordaus gemacht zu werden. Aber diesmal hat er sich selbst übertroffen. In jedem seiner Worte schien all das Weh seines unglücklichen Volkes widerzuhallen. Mit vor innerer Aufregung bewegter Stimme klagte er über sein Volk und geisselte seine falschen Propheten. „Für alles ist eine Zeit/ sagte er; „es ist eine Zeit zum Sprechen, es ist eine Zeit zum Schweigen. Heute ist nicht die Zeit, Reden zu halten. Jedes Wort ist eine Beleidigung für unsere Brüder. .Nicht schöne Worte fordern unsere Brüder von uns. Der Vorredner hat schön gesprochen und eine rosige Zukunft vorgespiegelt. Ich habe diese schöne Ruhe, diesen schönen Glauben an der Menschenliebe nicht. Mich berührt nicht das, was jetzt geschehen ist, wie eine Pest, nach welcher neues Leben ergrünt. Als Chmelnicky vor 250 Jahren hunderttausende Juden hinschlachtete, da sprach man wenigstens nicht von Fortschritt. Heute ist man stolz auf den Fortschritt. Aber wo ist die Zivilisation? Wir schreien um Hilfe, aber man antwortet uns, dass man zu unseren Gunsten nicht einschreiten könne, weil es uns schaden könnte. Wir sind nur auf uns selbst angewiesen. Wenn wir uns nicht helfen wollen, so wird niemand uns helfen. Schon seit langer Zeit leiert man uns die Forderungen des Fortschrittes bis zum Ueberdruss vor. Da kam Tisza-Eszlar, Könitz und man sagte uns, dass dies die letzten Kämpfe der Reaktion seien. Im Jahre 1881 überschwemmten die Opfer der russischen Verfolgungen den Westen. Da fragte man sich: Ist das möglich? Das ist ja doch gegen den Fortschritt! Da kam Kischenew und man sagte uns: wartet! Nun sind wieder Tausende hingeschlachtet worden, und man sagt uns wieder: wartet, hofft! Das ist die Weisheit unserer Grossen! Die russisch-jüdische Frage muss in Russland gelöst werden! Ja, Russland löst nun diese Frage auf seine Weise. Aber wir wollen nicht solch eine Lösung! Man spricht zu uns von der anbrechenden Freiheit. Ja, wir haben immer für die Freiheit geblutet, aber für die Freiheit anderer, und wir werden überall wie Stiefkinder behandelt. Vielleicht kommt diese messianische Zeit nach 3000 Jahren. Aber ich will kein Prophet sein. Ich bin nur fähig, nach den gewöhnlichen Gesetzen der Logik zu denken, dass zweimal zwei vier ist, dass zwei Punkte eine gerade Linie bestimmen. Vor zwei Jahren sagte ich auf dem Kongresse von unseren Volkspolitikern: „Sie haben offene Herzen, offene Hände, aber nicht offene Augen." Nach Kischenew gaben sie zwei Millionen. Nun ist wieder ausgeplündert worden. Auch jetzt wird jeder geben, man wird die Welt durch seine Freigebigkeit in Erstaunen setzen, und alles wird wieder verschwinden wie ein Tropfen Wassers auf einer glühenden Platte. Nur die hochherzigen Geber werden ärmer werden. In diesem Augenblicke müssen wir für die Witwen und Waisen unserer Opfer sorgen. Aber wir müssen zugleich dafür sorgen, unsere Brüder, die noch lebenden, zu retten. Wenn wir die Hälfte der Summen gegeben hätten für politische Zwecke, so süsse vielleicht mancher der jetzt beweinten Toten unter seinem Feigen- und Oelbaume. Wenn diese unsere Brüder jetzt als Leichen daliegen, so ist es, weil wir nicht verstanden hatten, die Lebenden zu schützen. Wir Können nur wünschen und beten, dass diese neuen Opfer die Augen unserer Volkspolitiker öffnen, damit sie sehen, wo das Heil liegt. Krieg ist auch möglich, wenn wir ein eigenes Land haben, aber mit den Waffen in der Hand werden wir dem Feinde entgegentreten. Und die Selbstwehr hat gezeigt, dass wir uns verteidigen können. Aber Frauen und Kinder werden doch verschont bleiben!" Die Rede Nordaus machte einen erschütternden Eindruck auf die Zuhörerschaft, und angesichts des traurigen Frustes dieser Stunde folgte auf seine Rede eine andachtsvolle Stille. Während der Telegraph jeden Tag die Schreckensszenen berichtete, wurden in den Pariser Strassen Proklamationen angeschlagen mit der Aufschrift: „Mort aux Juifs", worin die russischen Massakers verherrlicht wurden. Aber die französische Polizei, die glücklicherweise keinen Trepow an ihrer Spitze hat, vernichtete sie sofort. Fs ist bemerkenswert, dass noch, ehe die Metzeleien in Russland anfingen, eine Rührigkeit unter den Antisemiten hier sich fühlbar machte, als ob es

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