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Die Welt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 „51* * W*li Nr. 49 Kinder und Frauen. Sie haben ihren Fehler gebüsst, und es war nicht einmal ein ihnen allein, ihrer Jugend, ihrer Uneriahrenheit eigentümlicher Fehler, sondern der ihres ganzen Volkes, der Fehler, dessen sich die Juden in Westeuropa genau so schuldig machen wie die in Osteuropa. Nur dass er sien an uns noch nicht in der gleich verhängnisvollen Weise gerächt hat wie jenseits der Grenze zwischen Scheinzivilisatio-n und offener Barbarei; nur dass es bei uns noch nicht zum Judenschlachten gekommen ist, sondern — erst kommen kann. Jenseits der Grenze ist für getötete Juden Schussgeld bezahlt worden, ein Rubel fürs Stück. Diesseits der Grenze ist die Normierung solchen Schussgeldes verlangt worden. Aber noch immer gestatten wir uns den Luxus von Ueberzeugungen. Und während nach dem geistreichen Worte des Franzosen Geschäft das Geld der anderen ist, ist für uns Juden Politik das Geschäft der anderen. Wir besorgen kostenlos ihre Geschäfte, wir haben ihre Ueberzeugungen, und wir haben sie in solchem lebensgefährlichen Grade, dass wirf uns von ihnen auseinandersprengen lassen in dem Momente, wo die lieben anderen uns erschlagen. Es ist etwas Schönes um Ueberzeugungen! Die Ueberzeugungen der anderen sind ein tödliches Gift für die Juden. Das ist, wenn man nur nachdenkt, eine ganz selbstverständliche, natürliche Sache. Die echten, gesunden Ueberzeugungen erwachsen aus dem Volkstum heraus, sie sind der höchste und letzte Ausdruck der seelischen, ethischen, materiellen Notwendigkeiten einer organisch zusammenhängenden Gesellschaft. Nur dort, wo die Träger der Ueberzeugungen zugleich die Objekte der Ueberzeugungen sind ist Leben, Gesundheit, Entwicklung. Die Juden aber, diese unglückseligen Träger von Ueberzeugungen, deren Objekte nicht sie, nicht ihre Gesellschaft, nicht ihr Volkstum sind, haben sich damit selbst zu einem blutleeren, nutzlosen, verkümmerten Leben verurteilt. Wunderbare Köche, aber schwache Esser: das hält auf die Dauer kein Mensch und kein Volk aus. In dieser Lage sind aber die Juden. Sie kochen für den Hunger der anderen, sie kochen sogar nach dem Rezepte, das bloss für den Magen der anderen berechnet ist. Sind die Speisen gar, so werden sie entweder nicht zur Tafel gelassen oder sie werden es, und dann verderben sie sich den Magen. Sollen sie also ihre Ueberzeugungen abtun? Der jüdische Stolz, die jüdische Empfindlichkeit schreit beim blossen Gedanken an solche Charakterlosigkeit empört auf. Aber, liebe Freunde, nicht eure Ueberzeugungen soLlt ihr fortwerfen, sondern die Ueberzeugungen der anderen, oder genauer gesagt, die Ueberzeugungen, die ihr bloss in Pacht habt, ohne die Sicherheit, dass man euch für das Pachtgeld — und euer Blut, eure Kraft ist das Pachtgeld — die Ernte oder einen Teil der Ernte lassen wird. Was heisst das: meine Ueberzeugung? Das kann ein Gedanken sein, den ich, sagen wir ,in bezug auf die Notwendigkeit der Einheit für die deutschen Stämme habe. Das ist meine theoretische Ueberzeugung: ich kann davon sprechen, ich kann dazu raten, ich kann darüber ein Buch schreiben. Aber meine, wirklich meine Ueberzeugung kann nur ein Gedanken sein, der sich mit meiner Wohlfahrt oder mit der Wohlfahrt jener beschäftigt, deren Gedanken wieder mir und meiner Wohlfahrt gelten: also, wie die Dinge nun einmal liegen, ein Gedanken, dessen letztes Ziel innerhalb der Grenzen meines Volkstums aufragt. Das wird vielen Juden nicht edel, genug erscheinen. Aber nur schweigen: denn in Wahrheit sind die Juden für die Ueberzeugungen ,als deren Träger sie ihr Bestes einsetzen, keineswegs von dauerndem Nutzen. Weil sie ihrem Denken, Hoffen und Streben niemals das nahe und nächste Objekt suchen — sich und ihr Volk — haben sie sich an ein Denken um des Denkens, an ein Kämpfen um des Kämpfens willen gewöhnt, ist ihr Denken niemals in einem erreichten Ziele beschwichtigt, ihr Kämpfen niemals von einer Periodekraftsammelnder Waffenruhe abgelöst, ist der ewige Jude ein unheimliches Symbol des nie befriedigten, unablässig revolutionierenden, sich aufzehrenden und vergeudenden Menschen . . . Diese arme, kulturübervolle, edeldenkende Jugend! Wer hat, da sie unter Mörderhänden fiel, nach ihren Ueberzeugungen gefragt? Sind sie etwa als Sozialrevolutionäre, als Sozialdemokraten, als Demokraten gefallen? Ach ein, sie sind als Juden erschlagen worden, aus keinem anderen Grunde, als weil sie Juden waren. Nicht ihre Ueberzeugungen, sondern ihr Judentum hat ihren Untergang verursacht, und so haben sie mit dem Tode jene Ueberzeugung besiegelt, zu der sie sich im Leben nicht bekennen wollten. Der persönliche Mut, der sie zur Selbstwehr trieb, konnte ihnen nicht helfen, sie nicht retten: er konnte nichts ,als ihr Grab mit unvergänglichem Heldenruhm schmücken. Ihr Tod soll aber doch kein nutzloses Opfer gewesen sein. Er wird uns aufs neue die eine Ueberzeugung lenren, die nottut: dass wir vor allem Juden sein müssen, also das, was wir mit unserem Willen und selbst gegen unseren Willen, das, was wir im höchsten Augenblicke, wenn es um Leben und Sterben geht, für alle die anderen sind: Juden. Wir mögen Sozialisten von welcher Färbung immer sein — aber innerhalb unseres Volkes, für unser Volk müssen wir Juden sein. Weil sie das nicht eingesehen, weil sie dieser/ Ueberzeugung sich verschlossen hat, ist die russischjüdische Jugend am Tage des Sieges ihrer Ueberzeugungen grausam gestraft worden. Man sagt uns, dass sie jetzt ihre Selbstwehr neu organisieren und auf die vereinten Kräfte aller stützen will. Hoffen wir, dass sie ihre Absicht durchführt! Damit allein ist's aber nicht getan. Wir alle müssen endlich eine Selbstwehr errichten gegen unsere unnatürliche Gier des Auseinanderstrebens, der Selbstschwächung und der Selbstaufgabe, eine Selbstwehr gegen unsere Ueberzeugungen, deren Ziel die Entwicklung der anderen, die Freiheit der anderen, das Glück der anderen ist. Endlich müssen wir uns heimfinden zu u n s e r e n Ueberzeugungen, das heisst aber zu jenen, deren Ziel das geeinte jüdische Volk ist. Die jüdische Selbstwehr und ihre Fahne, die jüdische Ueberzeugung, ist unsere einzige Rettung. Pariser Brief. Paris, Ende November. Die haarsträubenden Greueltaten, die die ruchlose russische Bureaukratie an unseren unglücklichen Brüdern verübt hat, als Morgengabe anlässlich der Verleihung der Konstitution, hat unter den französischen Juden einen Ausbruch von Entrüstung gegen diese verworfenen Henkershorden hervorgerufen, aber auch zugleich warmes Mitgefühl und die bereitwilligste, hilfreiche Teilnahme. Unter den massgebenden jüdischen Kreisen gab es einige Tage hindurch ein fortwährendes Telegraphieren und Telephonieren mit den in- und ausländischen hervorragenden Stammesgenossen, wie auch mit judenfreundlichen Regierungen, wobei über die Wege und Mittel beraten wurde, um diesen wilden Massakers Einhalt zu tun. Gleichzeitig wurde auch an die Not der Witwen und Waisen, der an den Bettelstab gebrachten Gemeinden gedacht, und eine grosszügige Hilfsaktion eingeleitet. Der seit einigen Wochen leider ans Krankenlager gebannte Grandrabbin Zadoc Kahn fand neue frische Kräfte, um die Hilfeleistung anzuspornen. Alle jüdischen Bureaus wurden mobilisiert und im Hauptsatze der Ailiance israelite herrschte eine aufreibende Tätigkeit. Nie hat sich die jüdische moralische Solidarität so bewahrheitet, wie bei diesem nationalen Unglück. UeberaU begegnete man dem opferfreudigsten Entgegenkommen. Schon in der ersten Woche ergab die Kollekte einen Ertrag von ungefähr. 700 000 Francs. Unter den eingewanderten russischen Juden hat die Schreckensnachricht eine unbeschreibliche Aufregung hervorgerufen. In einem Protestmeeting in der Volksuniversität drängte sich eine wimmelnde Menschenmenge, hauptsächlich

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