Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 49 „bie & weit" Seite 3 der jüdischen Bevölkerung getroffen werden — und doch ist von all dem in Russland seihst nichts bekannt. Nur im Westen sucht man mit allen Mitteln den Glauben zu erwecken an das grosse „Wohlwollen" der höchsten Regierung den Juden gegenüber. Andrerseits ist man auch bestrebt, die auswärtige Anleihe als eine reine Wohltat für die Juden darzustellen. Dahin gehört das in englischen Zeitungen breitgetretene Projekt, von der eventuellen Anleihe den Betrag von 10 Millionen Rubel zurückzuhalten und damit einen Fonds zu begründen, aus welchem den Juden den durch Pogrome eventuell: entstandenen Schaden vergütet wird. Die Anleihe wäre demnach eine Garantie gegen die Wiederholung von Judenpogromen und die jüdischen Bankiers hätten also die Pflicht, an derselben teilzunehmen." Der „Fraindk* bemerkt hierzu: Die jiidenfreundlichen Geberden der Regierung Europa gegenüber seien von keiner Bedeutung; es sei eine der grössteu Beleidigungen gegen uns, dass uns nach den vergossenen Strömen von Blut solche Versprechungen und Wohltaten in Aussicht gestellt werden. Es sei nicht anzunehmen, dass diese Manöver von Judenfreundlichkeit die ausländische Judenheit täuschen würden, nachdem diese in so ergreifender Weise ihren Gefühlen für ihre unglücklichen russischen Brüder zum Ausdruck brachten. Die Frage der zukünftigen Ausgestaltung des jüdischen Lebens in Russland gibt der jüdischen Presse Anlass zu reger Diskussion. Allenthalben wird der Wunsch geäussert, eine grosse, neue, den geänderten: Lebensbedingungen angepasste Gesamtorganisation ins Leben zu rufen. Der Petersburger Jüdische Verein", der bisher das russische Judentum nach aussen und „oben" repräsentierte, hat sich nach vielen Richtungen hin als unfähig erwiesen, das gesamte russische Judentum zu vertreten. Es ist, wie allgemein hervorgehoben wird, bezeichnend, dass dieser „Jüdische Verein.", der sich für den wahren und massgebenden Vertreter des Judentums hält, bis heute, also einen vollen Monat, nachdem die blutigen Ereignisse die ganze Welt zu einem lauten, einstimmigen Ruf des Protestes und der Entrüstung vereinigt haben, noch nicht den Mut aufgebracht hat, irgend welche Kundgebung zu veranstalten, in der ganzen Welt, bei Juden und Nichtjuden, haben die Ereignisse einen mächtigen Widerhall gefunden. In Amerika, England, in Prankreich, Deutschland und Oesterreich haben Juden und viele Nichtjuden laute und kräftige Proteststimmen erhoben. In Russland hat die zionistische Organisation in ihren Zirkularen zur Lage Stellung genommen. Der „Verband der Verbände" hat bereits Resolutionen und Proteste versendet, die Polen, die später beleidigt wurden, als die Exzesse gegen Juden stattfanden., hatten Zeit genug, ganz Russland für sich in Bewegung und Aufregung zu versetzen. Nur der „Jüdische Verein" in Petersburg hat — wie der „Fraind" richtig bemerkt — noch nicht den Mut aufbringen können, um der russischen Regierung auch nur e i n W o r t von Hass und Verachtung auszusprechen; es sei dies vom „Vereine" gar nicht zu erwarten, da er, nach seiner ganzen Vergangenheit und der Art seiner Zusammensetzung zu schliessen, nur schwerlich sich dazu würde entschliessen können, die Hintertürpolitik aufzugeben, dem bisher geübten System des Gnadebetteins, des Schutzsuchens an fremden Rockschössen zu entsagen. Sowohl im „Frafcid" wie in der „Hazeiirah" wird darauf hingewiesen, dass dieser und ihm ähnliche Vereine niemals wahre Volksvertretungen waren und sein können, so lange sie hinter sich nicht die Massen haben. Unsere Intelligenz war bis heute nicht darauf bedacht, das Volk zu einem gemeinsamen Ganzen zu erziehen, um ihm so die lebendige Macht zu verleihen. Man gab sich bis jetzt Täuschungen hin, die nunmehr aufhören müssen. Es müsse offen eingestanden; werden, dass nichts geschehen sei, damit das bedrückte und massakrierte Volk weiss, dass, anstatt seine Kräfte zu sammeln und zu einer tatkräftigen und arbeitsfähigen Masse auszugestalten, man sich mit Gemeinplätzen und phraseologischen Aushängeschildern begnügte. Sehr ernst wird im „Hasman" die Notwendigkeit der Einberufung einer grossen jüdischen Constituante erwogen. Das russische Judentum befinde sich vor der überaus schwierigen Frage: Was soll in der nächsten Zukunft geschehen? Wie soll den tausenden Unglücklichen geholfen werden? Von Bedeutung wären auch folgende Fragen: Wir treten nunmehr in das politische Leben Russlands ein. Im ersten russischen Parlamente dürften auch wir manchen Abgeordneten haben; die Konstitution dürfte auch uns gewisse Rechte geben, jedenfalls müssten wir solche fordern und zwar so fordern, dass sie nicht auf dem Papiere bleiben, sondern in Wirklichkeit Kraft erlangen. Welche nationalen Fordeningen hätten wir nun aufzustellen? Welche S e 1 b s t b e s t i m m u n g hätten \v i r f ü r u n s zu beanspruchen? Diese alle Fragen erheischen eine sofortige Lösung, eine klare Lösung, die das russische Judentum über <Jas aufklären soll, was es ist und was es will. Angesichts der herrschenden Zersplitterung und Zerstreuung unter verschiedenen politischen Parteien, die es nicht ermöglichen, dass die Forderungen der Juden als solcher einheitlich und klar hervortreten, sei es notwendig, eine allgemeine Plattform zu schaffen, von der aus allen unseren Parteien die Möglichkeit gegeben werden soll, ihre Ansichten über unsere vitalsten Angelegenheiten zu äussern und gemeinsam zu diskutieren. Das sei nur in einer auf Grund des weitgehendsten Wahlmodus einzuberufenden jüdischen Constituante möglich, an der alle Schichten der jüdischen Bevölkerung teilzunehmen hätten. Das wäre nach dem genannten Blatt eine dankenswerte Aufgabe für den „Verband zur Erlangung der Gleichberechtigung für die Juden". Der „Verband", der nächstens ein Meeting einzuberufen beabsichtigt, hätte die Pflicht, auf diesem die Meinungen aus allen jüdischen Volksschichten anzuhören und auf Grund dieser ein Arbeitsprogramm zu entwerfen, Die nächsten Jage werden zeigen, ob die offiziellen Vertreter der russischen Judenheit noch rahig sind, sich aufzuraffen, um mit dem alten System zu brechen und an Stelle desselben n e u e, gross e p o s i t i v e Arbeit zu setzen. M. B e n d o w. Jüdische Ueberzeugungen und jüdische Selbstwehr. In der vorletzten Nummer der „Welt" stand ein instruktiver und hochinteressanter Bericht über die jüdische Selbstwehr in Knssland, und in diesem Berichte war wieder d e r Teil am ergreifendsten, der von der Uneinigkeit der riissich-jüdischen Jugend handelte. Man bekam da das unglaubliche Faktum zu hören, dass selbst in der kritischesten Lage, die es für ein Volk überhaupt geben kann, die jüdische Jugend nicht in einem Lager stand, dass sie selbst in articulo mortis den echt jüdischen Partikularisinus der Ueberzeugung betätigten. Es gab zwei bis drei, manchmal auch vier bis fünf Selbstwehrparteicn. je nach der Zahl der Fraktionen und Parteien, in denen die jüdische Jugend eingeteilt war. Die Zionisten, die Sozialrevolutionären, die Bundisten, die Sozialzionistcu, -die Sozialdemokraten, jede ging für sich vor, keine Gruppe ■ wollte mit der anderen Hand in Hand gehen -— sie wollten miteinander nicht „verwechselt werden'"! Sie marschierten also getrennt und wurden einzeln geschlagen, erschlagen. Und wenn mau auch nicht sagen kann, dass sie für ihre Ueberzeugung starben, so ist es doch gewiss, dass sie wegen ihrer Ucberzeüguiigen starben, wegen ihrer Ueberproduktiou an Ucberzeugungcm unter denen aber die wichtigste fehlte: die von der absoluten Notwendigkeit der Einheit. Die Armen! Sic haben ihren Fehler mit einem Tode bezahlt, dessen letzte Augenblicke verbittert waren durch den Gedanken an die wehr- und hilflos zurückgebliebenen Greise,