Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bis & w*itft Nr. 49 Charakterlosigkeit bedienen. Nicht einmal das von einem österreichischen Politiker vorgeschlagene Mittel wider den Schwindel des falschen Bekenntnisses nützt in diesem Falle. Der ingeniöse Politiker schlug vor, einen Zusammenhang zwischen nationalen und Steuerkatastern herzustellen: ein jeder Wähler werde sich wohl hüten, durch ein falsches Bekenntnis in die Zwangslage zu kommen, für die nationalen Bedürfnisse einer fremden Nation sein Geld herzugeben. Ein jeder Wähler — mit Ausnahme des jüdischen ... Da ist vor kurzem ein böhmischer Jude, der seit vielen Jahren in China lebt und ein grosses Geschäft betreibt, nach Wien gekommen, unter anderem auch deshalb, um hier eine Hilfskraft für sein Shangaier Bureau zu gewinnen. Er engagierte einen Stammesgenossen aus Prag, einen tüchtigen Ingenieur, dem es bisher in Wien nicht gut gegangen war. Als der Vertrag zwischen den beiden Herren perfekt war, fragte der Schreiber dieser Zeilen den Ingenieur: »Was werden Sie da drüben zuerst anfangen?u Und bekam die klassische Antwort: „Ich werde einen Sokolverein gründen/ — Dieser eine geht nun, glücklicherweise, nach China und wird kein öffentliches Dokument — das wird der Kataster doch sein — fälschen können. Leider bleiben aber genügend viele seiner Gesinnungslosigkeitsgenossen hier und gründen Sokolvereine auf heimischer Erde. * * * Trotz alle- und alledem: Der jüdischnationale Kataster kann ein ungeheures Erziehungsmittel werden. Es ist doch nicht dasselbe, ob einer verstohlen und in der Menge verschwindend sein Judentum verleugnet, oder ob er es offiziell, im vollen Tageslichte tut. Der Stimmzettel ist diskret gefaltet. Der Kataster wird offen aufliegen. Vielleicht wird das manchen die längst entwöhnte Scham lehren. Vielleicht wird mancher von den Einschleichern sich schämen, zum Einbrecher zu werden. Und das Werk dieser Erziehung wird mannigfach unterstützt werden. Die radikalnationalen Parteien werden den sogenannten gemässigten schärfer als bisher auf die Finger schauen können. Es wird nicht mehr möglich sein, jüdische. Wahlhilfe zu verleugnen oder zu verschleiern. Germane Abeles, der erst unlängst, als er die Einberuferliste des Brünner Volkstages unterzeichnete, erfahren musste, dass Aleph im deutschen Alphabet weit hinten steht, wird im alphabetisch geordneten deutschen Wahlkataster einen noch schwereren „Stand" haben. Und vielleicht wird dann Germane Abeles, von einer Julius Cäsar-Regung des Stolzes erfasst, der lieber im Dorfe der erste als in Rom der zweite sein wollte, zum jüdischen Kataster heimfinden. Tut ers nicht gleich, so werden die radikalen Deutschen ihm. heimleuchten. Bei uns Jüdischnationalen ist aber Abeles einer freundlichen Aufnahme sicher. Wenn er Reue zeigt und sich aufrichtig bessert, darf er sogar seinen Schekel zahlen. Auch der jüdische Kataster kann keinen Juden gewaltsam zu seinem Judentum bekehren. Aber den Wankelmütigen wird er jene Ausrede aus der Hand winden, die wegen ihrer scheinbaren Richtigkeit die gefährlichste war: die Ausrede, dass sie sich der Politik einer fremden Nation anschliessen oder politisch untätig bleiben mussten. Damit war's vorbei in dem Augenblick, wo ein österreichisches Reichsratswahlgesetz die jüdische Politik gleichsam sanktionierte, die anerkannte Religionsgemeinschaft auch als Nation anerkannte. Jüdische Politik wäre dann auch in den Augen von Abeles und Genossen keine Utopie mehr, sondern etwas so Reales wie die Gründung eines Sokolvereines oder die Einberufung eines deutschen Volkstages. * * * Ja, die Judenkurie wäre ein wunderbares Erziehungsmittel, obwohl heute der V e r g a n i dafür und derDaszynski dagegen ist, dass Oesterreich die Juden als "besondere Nationalität anerkenne; und obwohl die Stimmen nicht fehlen werden, die eine Vermehrung der österreichischen Nationalitäten um eine neue als staatswidrig bejammern werden. War's an den bisherigen nicht genug? Nein! Gerade diese eine fehlte. Gerade diese eine vergiftete und verfälschte bisher den Nationalitätenhader, machte bei Deutschen und Tschechen die Allerradikalsten zu Kommandanten der nationalen Bewegungen. Diese eine kleine Nation mehr bedeutet für den Staat, der sie anerkennt, viel Natiorialitätenkampf weniger. Ja, wenn dieser Staat Oesterreich klug sein will, dann muss er, gleichgültig ob er die Wahlpflicht einführt oder nicht, speziell den Juden den Katasterzwang auferlegen. Dr. B. F. Zur Wah!rechtsfrage* Am 3. Dezember fand in Wien eine Besprechung von zionistischen Vertrauensmännern aus ganz Oesterreich statt, in welcher über die Stellungnahme der Juden zur Wahlrechtsfrage verhandelt wurde. Es wurde als eine unabweisbare Forderung anerkannt, dass die Juden im Kampfe um die Erreichung des allgemeinen Wahlrechtes die Erlangung einer jüdischen Minoritätsvertretung mit allen Mitteln anzustreben haben. In diesem Sinne wurde eine Reihe von taktischen Massnahmen beschlossen, zu deren Durchführung ein Exekutivkomitee eingesetzt wurde, dem die Herren Arch. Marmorek, Dr. Schalit und Herrn. Müller vorstehen. Aus Russland. Die zensurfreie jüdische Presse in Russland hat nunmehr die Genugtuung, alle die geheimen Schliche der offiziellen Kreise zu beleuchten, mit denen die unimenschliche Behandlung der Juden verhüllt werden sollen. Ein ganz besonderes Interesse hat ja die Regierung bekanntlich daran, die westindischen Bankiere, von denen sie eine Anleihe erwartet, versöhnlich zu stimmen. In diesem Sinne wird der freundschaftliche Depeschenwechsel des Ministers mit den reichen Juden Amerikas gedeutet, und diesem Zwecke sollen, nach der Meinungder jüdischen Presse, die beruhigenden Nachrichten an die ausr wärtigen Blatten dienen, die von Petersburg aus sehr eifrig lanciert wrerden. Der „Fraii?d" schreibt: „Die ausländische Anleihe, welche die Regierung seit längerer Zeit sucht und nicht findet, scheint ohne Mithilfe jüdischer Bankiers nicht aufgebracht werden zu können. Und gerade die Oktobertage haben möglicherweise den jüdischen Kapitalisten die Lust benommen, einer Regierung zu helfen, die von der ganzen Welt für die grausame Ermordung und Massakrierung der Juden verantwortlich gemacht wird. So erklärt es sich, dass die Regierung, die nicht die Kraft besass, rechtzeitig die blutigen Pogrome zu verhindern und auch jetzt nicht den Mut besitzt, die Schuldigen zu bestrafen, in Europa eine judenfreundliche Politik zu heucheln bestrebt ist. Graf Witte, betrauert die Leiden der Juden; so berichtet er persönlich den jüdischen Bankiers in Amerika. Der Minister des Innern Durnowo dankt den jüdischen Philanthropen für ihre Beiträge zur Linderung des Elendes unter ihren verunglückten Brüdern in Russland. Die russischen Telegraphenagenturen verbreiten in der ganzen Welt Berichte über die Massregelung hoher Administrationsbeamten, über strenge und energische Vorkehrungen, die von der Regierung zum Schutze