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Die Welt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Nationen sollen in eigenen Katastern gesondert, nach nationalen Katastern soll abgestimmt und dadurch verhindert werden, dass eine Nationalität von der anderen überstimmt, vergewaltigt werde. Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kämpfe werden sodann innerhalb der Volkskörper ausgetragen* Das ist ein sehr einfacher und gerechter Gedanke. Seine technische Durchführbarkeit ist durch das mährische Exempel erwiesen. Ob die Regierung den Gedanken auf ihr Wahlgesetz anwenden wird, weiss man noch nicht. Sicher aber ist, dass der Gedanke viele Freunde zählt, darunter auch einen grossen Teil der österreichischen Juden. Und auf einmal steht etwas, woran vor zwei Monaten ganz gewiss auch diejenigen, die nachträglich immer behaupten, alles vorher gewusst zu haben, nicht im Traume dachten, auf der Tagesordnung : die Judenkurie. Es geschehen Zeichen und Wunder. Im österreichischen Abgeordnetenhause spricht ein jüdischer Abgeordneter von seinem Volke und versteht darunter das jüdische Volk. Diese Selbstverständlichkeit hat sich jetzt zum ersten Male zugetragen und das Wunder besteht darin, dass erst jetzt, nach so vielen Jahren Verfassungslebens, in bezug auf die Juden das Natürliche, Ereiguis wurde. Es ist ein Ereignis — für die Juden. Für die anderen ist es so wenig ein Ereignis, dass sie dem Abgeordneten Straucher ohne jedes Zeichen der Erregung oder des Staunens zuhörten, als er von seinem jüdischen Volke sprach. Und zum ersten Male geschah auch, dass im hohen Hause von Juden gesprochen wurde, ohne dass ein Echo von Spott, Hohn oder Beschimpfung antwortete. Auch das ist nicht auffällig : nur das Unnatürliche reizt zum Lachen oder zum Zorne. Und ob es nun zur Errichtung von nationalen Kurien und zu einer Judenkürie kommt oder nicht: der Tag, an dem den Vertretern der österreichischen Völker von einem ihrer Kollegen das Wort vom jüdischen Volke entgegengerufen wurde, bleibt für die österreichischen Juden ein historischer Tag. Fragen wir uns aber, ob wir Juden den Gedanken einer jüdUchnationalen Autonomie mit ungetrübter Freude begrüssen dürfen, so beschleicht uns ein unangenehmes, bitteres Gefühl Es ist die Angst des jüdischen Patrioten: die Etablierung einer Judenkurie könnte dazu führen, die tiefste Schande der österreichischen Judenschaft vor allen Völkern zu enthüllen. Als zum ersten Male die Idee nationaler Kurien auftauchte, wurde die Befürchtung ausgesprochen, dass auch der nationale Kataster den nationalen Minoritäten keinen sicheren Schutz gewähren könne. Irgend eine nationale Majorität kann ja auf den niederträchtigen Gedanken verfallen, eine entsprechende Gruppe abzudelegieren, mit dem Auftrage, sich dem guten Zwecke zuliebe zur anderen Nationalität zu bekennen, um auf diese Weise den nationalen Gegner betrügerisch auf seinem eigenen Boden zu bekämpfen. Nun denn, eine Befürchtung ähnlichen Inhalts ist vor allem unseren Juden gegenüber am Platze. Was haben sie denn seit Jahren und Jahrzehnten anderes getan, als sich zu fremder Nationalität zu bekennen? Sie könnten darin ungeübten Wahlfälschern geradezu als Lehrmeister dienen. Deutsche Tschechen? Tschechische Deutsche?• Eine Kleinigkeit! Fragt nur die jüdischen Deutschnationalen oder die jüdischen Jungtschechen. Die wissen Bescheid . . . Es ist wirklich und wahrhaftig möglch, in Westösterreich sogar wahrscheinlich, dieses Schauspiel für boshafte Götter: dass unsere Juden sich als Deutsche oder Tschechen in die nationalen Kataster eintragen lassen. Sie haben sich bisher den Nationen aufgedrängt, die darob schon sehr ungeduldig waren. Sie bringen immerhin die Leistung zustande, sich in Zukunft den nationalen Katastern aufzudrängen — dem wehrlosen und geduldigen Papier der Kataster. Was lässt sich dagegen machen? Eine Sprachprüfung ist natürlich ausgeschlossen. Ausgeschlossen aber auch eine gesonderte Kurie für Leute, die sich der internationalen Sprache der

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