Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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tfr. 48 fJbie # W^lt Seite 13 Baron d'Elvert, der deutsche Führer in Mähren, hat darüber in einem Interview gesagt: „Ich kenne die Verhältnisse in Mähren zu genau, um der Ansicht jener beipflichten zu können, welche für diesös Kronland jetzt eine Periode ungestörter friedlicher Entwicklung voraussehen/ Der Separatlriede gilt ja nur für den Landtag. Der Kampf um Mandate ist auf diesem Teile der Wahlstatt beendet, aber der grosse nationale Streit aller gegen alle dauert fort. Die Universitätsfrage harrt ihrer Lösung, wirtschaftliche, kulturelle, nationale Streitpunkte sind en masse aufgehäuft. Bei Reichsrats- und Handelskammerwahlen entbrennt der Kampf stets aufs neue, eine ganze Anzahl wichtiger Städte und Ortschaften, die tschechische Majoritäten, aber deutsche Gemeindevertretungen haben, reizt die Eroberungslust der Tschechen. Kurz und gut, von Frieden kann ernstlich gar nicht die Rede sein. Für die Juden hat sich damit das politische Gesamtbild in Mähren nicht geändert, die Richtlinien ihrer politischen Taktik sind durch die Wahlreform nicht verschoben worden. Der wirtschaftliche Boykott arbeitet gegen die „deutschen" Juden mit ersehreckender Schärfe und Intensität und eine Fortsetzung deutschfreundlicher Politik müsste dem jüdischen Mittelstande die wirtschaftliche Vernichtung bringen. Die neue Wahlreform schliesst diese deutschjüdische Politik leider nicht aus und kann der Boykottbewegung allzuleicht neue Nahrung geben. Die Furcht ist nicht unbegründet, dass in den national getrennten Wahlkörpern der Wählerschaft für die Juden eine ernste Gefahr liegt. Der nationale Kataster, in dem die wahlberechtigte Bevölkerung Mährens nach Nationen geteilt wird, kann und wird als Proskriptionsliste zu Boykottzwecken missbraucht werden, kann und wird nationale Gesinnungslosigkeit auf jüdischer Seite züchten. Die Wahlreform neutralisiert die Juden nicht, sondern zerrt sie in den fremdnationalen Kataster, fälscht diesen und gibt die jüdischen Wähler der Willkür politisierender Gemeindevorstände und dem Boykott preis. „Entschiedene Retorsionsmassregetn" nennt dies hochjuristisch Abgeordneter d'E 1 v e r t. Der wichtige Einwand, dass diese Wahlreform kein Definitivum sein werde und einer grundlegenden Abänderung entgegengehe, wenn für den Reichsrat ein allgemeines Wahlrecht ohne Kurien eingeführt werde, kann daran nichts ändern, dass auch ein kurzlebiges Experiment mit den nichtjüdischen Katastern- und der jetzigen Wahlbezirkseinteilung die Juden mit seinen Konsequenzen auf wirtschaftlichem Gebiete schwer treffen kann. Die Anfertigung der Wählerlisten für die zwei nationalen Wahlkörper obliegt den Gemeindevorstehern, so dass der kommunale Machthaber in erster Instanz über die nationale Zusammengehörigkeit der Minoritätswähler entscheidet und den Juden nach Bedarf und Willkür ihre Nationalität diktieren darf. Sie kommen überhaupt nur als nebensächlicher Appendix in Betracht,wie es sich trifft, von der einen oder anderen Katasternation für sich reklamirt. Dass die Juden Mährens nicht mehr wie bisher das Zünglein an der Wage sein werden, ist durchaus nicht zu bedauern. Dadurch sind sie nicht schwächer geworden, sondern freier und so stärker. Auch die Rückwirkungen der Wahlreform auf die politischen Judengemeinden geben zum Bedauern keinen Anlass. Diese Gemeinden sind zur Auflösung reif und es kann der nationalen Gesundung und politischen Erziehung der mährischen Juden nur förderlich sein, wenn jene morschen, rückständigen Bastionen der deutschen Herrschaft fallen. Mit dem Weiterbestande der Judengemeinden ist kein nennenswertes jüdischwirtschaftliches oder jüdischpolitisches Interesse verknüpft, nur den Deutschen liegt an der Erhaltung dieser unhaltbaren pseudodeutschen Gemeinwesen. Die Hauptsache ist : Das Beispiel der mährischen Wahlreform, die nicht nur das bisher einflusslose Häuflein von Jüdischnationalen, sondern auch mächtigere, massgebendere politische Faktoren im Lande überrumpelt hat, zeigt uns mit vollster Klarheit, wie das nationale Problem auf Basis der nationalen Autonomie gelöst werden wird, wenn die jüdischnationale Agitation nicht mit aller Kraft einsetzt und die Anerkennung der jüdischen Nationalität durchzuführen trachtet. Die Juden Mährens gehen kritischen Zeiten entgegen. Wenn sie es noch immer nicht fühlen und begreifen, dann könnte man an ihrem politischen Denkvermögen und ihrer wirtschaftlichen Einsicht überhaupt zweifeln. Die Deutschen haben die Majorität im Landtage freiwillig aufgegeben und sich mit der gesetzlichen Sicherung der Existenz der nationalen Minorität die sie sind, begnügt. Was wollen die Juden noch? Sie mögen doch den aussichtslosen Kampf um einzelne Positionen, die verloren sind, wie das Ganze, den Deutschen überlassen. Dr. Fux, der deutsche Wortführer im Landtage, hat in seiner Wahlreformrede über den bisherigen Zustand das wahre Wort gesprochen: „Ein solches Schein Verhältnis aufrechtzuerhalten, erschien auf die Dauer unwürdig und unmöglich." Ja, haben denn die mährischen Juden für solche politische Unmöglichkeiten, wie der deutsche Besitzstand in Mähren es ist, dessen Zerbröckelung eine Frage der Zeit, haben sie für unwürdige Scheinverhältnisse, wie es die deutsche Minoritätsherrschaft mit all ihren Wahlpraktiken und ihrer erlogenen Judenfreundlichkeit darstellt, gar kein Verständnis? Wollen sie im Ernste noch retten, was die Deutschen schrittweise aufgeben oder verlieren? Die politische Dummheit der mährischen Juden hat alle Aussicht, sprichwörtlich zu werden. Es steht in Mähren für die wirtschaftliche Kraft und politische Stellung der österreichischen Juden viel auf dem Spiele! Seit einem Jahrzehnte hsben die Zionisten unablässig gewarnt und gewarnt, bis zum Ueberdruss die Passivität im nationalen Kampfe gefordert. Man hat auf uns nicht hören wollen. Und man frage heute die Juden in den meisten mährischen Städten und auf dem flachen Lande, wem die Entwicklung der Dinge recht gegeben hat. Die gereiften Männer des praktischen Lebens stehen jetzt dort, wo blutjunge Studenten vor Jahren standen. Spät genug und unter dem Drucke der Not — der Boykott greift an die Wurzeln ihrer Existenz — beginnen sie ihre politischen Anschauungen zu revidieren. Für die Jüdischnationalen muss die schwierige Situation der mährischen Juden, die durch die Wahlreform an Gefährlichkeit nicht verloren, eher gewonnen hat, ein Ansporn energischerer Agitation sein. Der Boykott, die Wahlreform, die kommenden Wahlen und die Aussicht einer grossen nationalen Auseinandersetzung, bei der die Juden sonst übergangen werden, müssen sie aufrütteln. Ihr Alarmruf kann diesmal nicht ungehört und wirkungslos verhallen. Die Juden in Mähren stehen vor einem Wendepunkte ihrer politischen und wirtschaftlichen Geschicke. Viel hängt davon ab, ob die jüdischnational Gesinnten in den nächsten Monaten sich agitatorisch ruhig, politisch klug und der heiklen Situation gewachsen zeigen. M o r a v u s.