Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bie * W^lt" Nr. 48 Das Bauenrvolk (gegen 90 Millionen Menschen) hat auch noch das letzte Wort nicht gesprochen und mir bangt, davor und es überfährt mich ein Schauer, wenn ich an diese fürchterliche, rohe, unberechenbare, mächtige Naturkraft denke. Auf alle Fälle befindet sich in 'dieser Interimsperiode unser unglückseliges Volk zwischen zwei Mühlsteinen und ich fürchte, dass es zerrieben werden wird, bevor noch in Kussland Ruhe und Ordnung hergestellt, bevor noch ein Keehtsstaat aus dem chaotischen Zustande erstehen wird . . . Die Lage ist sehr ernst, ja — verzweifelt! Sollten die europäischen und amerikanischen Juden sich wiederum an einer Hilfeleistung beteiligen wollen, so täten sie allerdings ein gottgefälliges Werk; die momentane Not ist grenzenlos; hunderttausende von Existenzen sind vercnehtet. K a d i k a 1 e Hilfe wurde aber damit nicht geleistet werden, wenn auch die Unterstützungssummen Millionen beträfen. Vor einem bis zwei Jahren — Kischenew, Hbmel, Schitomir; jetzt — 20 bis 30 eingeäscherte oder geplünderte Judenstädte. Wie lange neue „Pogronii" auf sich werden warten lassen, wer weiss es? Tagtäglich laufen Depeschen mit Hiobsposten über Kaub, Mord und Brandstiftung aus unzähligen Städten ein. Das Geben hätte mithin kein Ende und man würde des Gebens zu guterletzt müde werden, weil das Geld in ein Danaidenfass fiele . . . Es ist meiner Anschauung nach jetzt sehr ernst daran zu denken, dass alle Wohltätigkeitsvereine der gesamten Judenheit, die loa, die Bnei-Brith, alle, alle, sich eng zusammenschliessen, um eine plan- und zweckmässige Emigration einzuleiten, wie sie voriges Jahr in Frankfurt am Main in Aussicht genommen worden ist, damit die jahrein jahraus nach Russland fliessenden Gelder nicht unnütz vergeudet, sondern produktiv verwendet werden. Wir müssen das, ach so unglückliche, zu Tode gehetzte, elende und zugleich eminent kulturfähige Ghettovolk aus den Klauen eines Ungeheuers retten, welches nur zerstören und nichts schaffen kann, welches bereits tausend Jahre lebt und bisnun noch nicht den geringsten Befähigungsnachweis geliefert hat, dass es ein Kulturstaat werden könne, vielmehr in allen annektierten Grenzländern alle Kultur mit Stumpf und Stiel ausgerottet und die Knute, nur die Knute zur Alleinherrschaft gebracht hat. Ich glaube und hoffe, dass unsere westlichen Glaubens¬ und Stammesgenossen Herz und Verstand genug besitzen, um die Judenfrage, diese allein in der Welt als ungelöst dastehende Judenfrage, die jetzt so brennend geworden ist, ernst und herfehaft anpacken und wenigstens dem Beginn einer Lösung entgegenführen werden . . . Die bevorstehende Umwandlung wäre zwar lang und schwer, aber, meiner Ueberzeugung nach, viel weniger schwer und lang, als diejenige Arbeit, die getan werden müsste, damit die Juden sich häuslich als vollberechtigte Bürger in Russland einrichten. Am Tage der Verkündigung der bevorstehenden Konstitution hat das Gros des russischen Volkes gezeigt, was es von einer „V olksverbrüderung" hält. Sollen denn die russischen Juden, selbst bei einer anbrechenden neue n, freien Aera, die aussichtslose Mission übernehmen, den unendlich grossen russischen Augiasstall von dem durch Jahrhunderte angehäuften Mist zu säubern? Welcher Herkules wäre dafür geschaffen? Die Zukunft der russischen Juden liegt, meiner tiefen Ueberzeugung nach, und trotz Versicherung glaubensseliger Assimilations- und bereits halb verrusster Juden — ausserhalb Russlands. Schon jetzt erreicht die jährliche Zahl der Auswanderer den jährlichen Zuwachs; sollte daher erstere noch grössere Dimensionen annehmen, so Hesse sich fast mit mathematischer Genauigkeit Jahr und Tag angeben, an welchem der letzte Jude den russischen Staub von den Schuhsohlen abwischen könnte ... Vor 25 Jahren habe ich zum erstenmal am eigenen Leibe russische Judenkrawalle durchgekostet. Die damaligen Judenhetzen waren aber blos ein Kinderspiel, gemütliche Trunkenboldsexzesschen im Vergleiche zu denjenigen, die sich jetzt abspielen; nach dieser Richtung hin haben unsere lieben Russen eine kolossale Evolution, enorme Fortschritte entfaltet. Seit 1881 habe ich mich für Judenkrawalle sozusagen „spezialisier t", das heisst meine Zeit, meine Kraft, einer Sisyphusarbeit gewidmet, die darin bestand, zerstörte Existenzen wieder aufzurichten, damit sie aufs neue zerstört werden. Die Judenkrawalle sind zu einer Force majeur geworden. Gott! — es ist Zeit, höchste Zeit, dass sich die gesamte Judenheit endlich eimnal zu einer positiven Tat aufraffe, dass wir endlich einmal beginnen, positive Werte zu schaffen, anstatt geplünderte Kaufläden neu einzurichten; dass wir endlich einsehen, wie wenig wir von den europäischen Regierungen zu hoffen haben, die seit jeher mit solch philosophischer Ruhe und Kaltblütigkeit den Metzeleien zuschauen, welche an Juden in Russland und Rumänien verübt werden und die andrerseits eine solche Hyperempfindlichkeit an den Tag legen, sobald dieselben gegen Armenier und Mazedonier von der Türkei ausgehen . . . Ach Gott! Wenn die Juden nur einstimmig, aufrichtig und opferwillig wollen würden, sie könnten es erreichen, dass das gequälte Volk auf irgend einem freien Boden sich menschenwürdig einrichte und auflebe . . . Die mährische Landtagswahlreform und die Juden. Mit einer bei der österreichischen Gesetzgebungsmaschine ungewohnten, verdächtigen Eile, unter dem starken Schutze der Infanteriebajonnette und Kavallerieeskadronen hat der mährische Landtag die neue Wahlreform, welche die bisherige Landtagsmajorität der Deutschen mit einem Schlage beseitigt und das Wahlrecht nach Prinzipien der nationalen Autonomie regelt, durchgepeitscht und angenommen. Die Eile ist begreiflich, der Schutz war notwendig, „Ein Federstrich der Regierung kann der deutschen Herrschaft im Lande ein Ende bereiten," lautet ein vielzitierter Ausspruch des verstorbenen deutsch-mährischen Führers Dr. Promber. Eine einzige Landtagssitzung hat den gleichen Effekt in der Form eines politischen Schachergeschäftes zwischen den bürgerlichen Politikern beider Nationen und den Grossgrundbesitzern erzielt. Die Tschechen heimsen fast mühelos ein, was ihnen nach langen Kämpfen und schweren Opfern ohnehin zufallen musste, was ihnen schon längst gebührte, die Majorität im Landtage. Die Deutschen geben Unhaltbares, Morschgewordenes auf und stecken 'im Kompromisswege ihr nationales Profitchen ein. Die Arbeiter sind wieder einmal die Gefoppten. Und noch eine Bevölkerungsschichte geht leer aus. Natürlich die Juden. Sie werden bei der nationalen Auseinandersetzung als nicht existent behandelt und sollen auch in Zukunft der Spielball fremdnationaler Wahlmacher bleiben. Das schlaue Machwerk, das da ausgeklügelt wurde und angeblich alle Segnungen des nationalen Friedens in sich birgt, geht über die mährischen Juden mir nichts, dir nichts zur Tagesordnung über. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, dass in Mähren das nationale Kriegsbeil endlich begraben ist und die Juden dank der Wahlreform nunmehr aus dem nationalen Kampfe ausgeschaltet sind.