Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 # weit11 Nr. 48 Politische Rundschau. Der philanthropische Sport der jüdischen Grossbourgeoisie des Westens hat uns nach den letzten russischen Judenmassakers wieder einige nette Pröbchen geliefert. Die (h'ossjuden von Wien und Berlin haben in ihren Kultusgeniemdestuben bei Krok od iistränen und Almosen vorsichtig und rücksichtsvoll das Boss der hohen Politik geritten. In Wien haben sie dem Diktate eines vielvermögenden Börsonniannes getreu die Beteiligung an einer öffentlichen Trauerversanimlung abgelehnt, weil sie die Mitarbeit der Zionisten verpönten und die Zügel der Protestaktion nicht fest genug in ihren „vornehmen", vor scharfen und wahrem Proteste zitternden Händen hielten. Ihr Rabbiner, dessen sie sonst immer sicher waren, hat sie deutlich genug desavouiert und sich so richtig aus der für ihn und die Gemeindegewaltigen peinlichen Affäre gezogen. In Berlin waren die hochweisen israelitischen Kultusvorstände noch zaghafter. Ihre Rabbiner, die in den Hauptsynagogen bei den Seelenfeiern für die getöteten russischen Juden sprechen sollten, wollten aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und die russische Regierung samt dem Zaren für die Greueltaten verantwortlich machen. Der hohe Rat der Weisen geriet darob in Aufregung und Schrecken. Was alle Welt weiss und laut ausspricht, musste in den Berliner Synagogen unterdrückt werden. Die jüdischen Haute finance fühlte sieh berufen und verpflichtet, ihr Veto einzulegen, weil der Plan der Rabbiner „bei den Beziehungen der deutschen Regierung und des Kaisers zu Russland und seinem Herrscher leicht zu Verstimmungen Anlass geben könnte." "Wie zart, wie diplomatisch! Und wie vorsichtig! Tausende von Juden werden wie Tiere hingeschlachtet — und die Offiziellen im Westen greifen wohl von obenauf in den reichgespickten Geldsack, aber damit hat ihre gutgespielte Entrüstung ein Ende. Wir sehen wieder: Diesen jüdischen Geld- und Zahlenmenschen in Wien und Berlin ist jede jüdische Katastrophe und die Judenfrage überhaupt ein einfaches Rechenexempel, lösbar nach der nüchternen Kalkulationsmethode ihres Geschäfts- und Börsenlebens. * * * Die Petersburger Telegraphenagentur arbeitet sonst nicht allzu rasch und pünktlich. Aber sie hat sich beeilt, einen hohen russischen Würdenträger, der bestimmt auftretenden Zeitungsnachrichten zufolge im Auslande sich an einer Sammlung für die jüdischen Opfer zu beteiligen die "Liebenswürdigkeit hatte, in einem offiziellen Dementi vor so ungeheuerlichem Verdacht in Schutz zu nehmen. Das Dementi bestreitet, dass der nissische Botschafter in \V;ien bei einem Gottesdienste in der russischen Kirche für die Juden einen grösseren Betrag gespendet habe. Die Nachricht von der Spende dieses russischen Fürsten hat hei naiven gutmütigen Leuten des zivilisierten Europas zweifellos ganz guten. Eindruck gemacht. Und das war den russischen Schlaumeiern gar nicht so unangenehm. Aber in Russland selbst tritt die Telegraphenageutur mit der Dementierspritze in Aktion und bemüht sich ängstlich, vor der russischen Gesellschaft den Schandfleck eines priin iti vsten Hin n iani tätsford vnmgen; entsprechenden W!ohltätigkeitsaktes vom Ehrensehilde des russischen Beamtentums wegzuwaschen,. Die nichtjüdisehe Gesellschaft in Russland wird erleichtert aufatmen. Denn der russische Botschafter in Wien ist vom Bazillus der Menschlichkeit und des Mitleids Juden gegenüber nicht infiziert. Sein Beispiel hat übrigens auch auf die nicht jüdischen Kreise ausserhalb Russlands nicht sehr aneifernd gewirkt. Sie blieben mit sehr wenigen Ausnahmen kühl und zurückhaltend. Mit zugeknöpften Taschen und offenkundiger Indolenz sind sie über die tieftraurigen, erschütternden Ereignisse im barbarischen Nachbarstaate hinweggegangen. Achtlos und untätig. Die öffentliche Meinung und jene, die sie in' den verschiedensten Lagern machen, konzentrierten ihre gespannte Aufmerksamkeit auf die Flottenparade der Mächte, den jungen König von Spanien und diverse Heldentaten der Wiener und Prager Polizei. Und auch sonst boten die letzten Wochen des Sensationellen genug, um die Kleinigkeit der russischen Judenexzesse, die ein normaler österreichischer Zeitungsleser bald überschläft, vergessen zu machen. Erst der nächste Pogrom hebt die letzte Serie über die Schwelle des Bewusstseins. Und dann beginnt das Spiel von neuem: Humanitätsduselei, Entrüstungsrummel, Almosen. Ueberschwemmungen, Erdbeben, Brände, Judenexzesse werden nach dem gleichen Rezepte behandelt. Aber bei Sammlungen auf Judenexzessen darf ein russischer Botschafter in Wien nicht mittun. Die derzeitige russische Staatsraison gestattet noch nicht den Luxus solcher Gefühlsakte in Judensachen. * * * Es ist possierlich, wie die Wiener Antisemiten in der Wahlrechtsfrage den Sozialdemokraten den Rang ablaufen wollen. Den ernsten Ruf „Heraus mit dem Wahlrecht!" beantworteten ihre am Sonntag mobilisierten und vor dem Rathause haranguierten Anhänger mit tausendfachem „Nieder mit den Juden!" Stundenlang gröhlte es der christliohsoziale Mob in den Strassen Wiens. Für ihn ist diese politische und gesellschaftliche Parole das Alpha und Omega allen Denkens und politischen Seins. Nur psychologisch ist das clownhafte Vorspiel zu der sozialdemokratischen Riesendemonstration interessant. Eindruck hat jene erkünstelte, demagogisch ausgebeutete Erregung nirgends gemacht. Die einzigartige Demonstration des Wiener Proletariats, das tatsächlich durch seine imponierende Ruhe und Masse ein Stück „Anschauungsunterricht in grösstem weltgeschichtlichen Style" geleistet hat, und der tiefe Eindruck in allen Kreisen und Lagern krönt den Siegesmarsch des allgemeinen Wahlrechtes in Oesterreich. Neben ihm taucht in immer schärferen Umrissen die nationale Autonomie am politischen Horizont auf. Der Ministerpräsident selbst hat sich in seiner Eröffnungsrede dieses Wortes, das als Schlagwort nur bisher im dunklen politischen Gedankenkreis der meisten Oesterreicher lebte, bemächtigt und „dem Gedanken der nationalen Autonomie eine Zukunft eröffnet". Immer mehr und mehr drängt sich auch den Zionisten die sichere Erkenntnis auf, dass sie der Frage jüdischnationaler Autonomie nähertreten müssen. Es bleibt ein unbestreitbares Verdienst der Wiener Poale Zion, dass sie in einer Massenversammlung am 2(3. November dieser Erkenntnis in unzweideutiger Form Ausdruck gaben: „Gleich unseren russischen Brüdern, die neben den Bestrebungen zur endgültigen Lösung der Judenfrage für die Erlangung einer nationalen Vertretung in der Gesetzgebung kämpfen, fordern auch wir angesichts des Kampfes um das allgemeine Wahlrecht, an dem wir vollen Anteil nehmen, eine unserer Zahl entsprechende nationale Sondervertretung im Parlamente. Wir protestieren daher entschieden gegen eine Wahlreform, welche die Juden Oesterreichs unter den verschiedenen Nationen aufteilt, wodurch die Juden allein ihres nationalen Selbstbestimmungsrechtes beraubt und den grössten politischen und ökonomischen Gefahren preisgegeben würden. Es gilt, aus dem Stadium der Proteste in die Aera zielbewusster politischnationaler Arbei einzutreten. Die alte jüdisch-assimilatorische Politik in Oesterreich ist tot, es lebe die Politik jüdischnationaler Autonomie! JSTss.