Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 „bi* # weit Seite 11 Eine Orgie, wie sie sich Beizebub nicht besser ausdenken konnte! Besonders eifrig wird auf Gold und Silber gefahndet und so manche zierliche Hand, und so mancher unschuldige Busen der sogenannten „besseren Gesellschaft" schmücken sich mit gestohlenen Ringen, Armketten und Brustnadeln .... Schwere Stücke Tuch, Seidenstoffe, Teppiche werden auf dem Rücken oder auf Fuhren geladen und fortgeführt in Gegenwart mit Bewilligung und unter Beteiligung des Militärs und der Schutzleute . . . Alles stiehlt! Manchmal ist es sogar rührend zuzuschauen, wie so ein altes Mütterchen unter der Last eines schweren, gestohlenen Wollenstoff Stückes keuchend, trippelnd davoneilt, als verrichte sie im Schweisse ihres Angesichtes ehrwürdige Taglöhnerarbeit oder wie so mancher halbwüchsige Bursche ein schwerbeladenes Bündel gestohlener Sachen tragend, von Zeit zu Zeit anhält, das Bündel auf den Boden setzt, um frisch Atem zu holen und sich auszurasten. Die Dieberei ist diesen Unglückseligen so ins Blut gedrungen, dass sie eben nichts Anstössiges finden an (lern Raub namentlich jüdischen Gutes . . . Damit in das Strassenbild einige Abwechslung gebracht werde, betreibt ein Teil der „Chuligany", zu je zwei bis drei Mann zusammengerottet, den Sport einer Judenrazzia, indem sie den Unglücklichen auflauern, überfallen und mit den Fäusten dermassen bearbeiten, dass diese blutend und bewusstlos hinstürzen, oder, indem sie die Armen mit Pflastersteinen bewerfen, sobald sie rasch vorbeifahren oder von den Droschken herabzerren, um sie halbtot zu prügeln, durch Messerstiche zu verstümmeln oder gar bei heranbrechender Dunkelheit niederzustechen. Uebrigens wurde auf der Hauptstrasse am hellen lichten Tage einem 50jährigen Juden der Schädel zerschmettert und selbst den zuckenden Leichnam verhöhnten diese Kannibalen . . . . Solcher Fälle gab es viele. —* Dabei geschah es, dass auch Christen, deren Gesichter semitischen Ursprung zu verraten schienen, auch misshandelt, resp. gezwungen wurden, das „Vaterunser" herunterzuleiern, um ihre rechtgläubige Christlichkeit zu dokumentieren. Und nun kommt das Unerhörteste, das Haarsträubendste, eine Schurkerei, vor welcher der raffinierteste spanische Inquisitor zurückgewichen sein würde. Einem jeden Rudel Wehrwölfe, „Chuligany" genannt, folgen Kosaken zu Ross oder Infanteriesoldaten. In Reih und Glied postieren sie sich vor demjenigen Hause, welches ausgeplündert werden soll, sie kehren den Strolchen den Rücken zu, damit sie ja nicht hören und sehen und andrerseits lassen sie nicht zu, dass irgend jemand aus dem Publikum diese IIa über in ihrem Handwerk störe. Sind letztere mit dem einen. Hause fertig, so schreiten sie unter Militärschutz zu dem nächsten und das Spiel beginnt von vorne . . . Wehe aber, wenn Juden sich zur Wehre setzen und aus den Fenstern oder den Dächern auf die Strolche schiessen . . . alsdann — o Gott! — alsdann wenden sieh die Soldaten gegen das Haus, aus welchem geschossen wurde und entladen eine Salve von Flintenkugeln. Das Haus wird mit Mann und Maus zusammengeschossen. Spuren solcher Van- (laleukunsistücke werden noch lange unsere Stadt zieren. Die Rechtfertigung dieses Gebahrens seitens des Militärs ist noch viel niederträchtiger, als die Tat selbst, denn die Polizei- und die Militärchefs behaupten, die wehrlosen, zu Tode gehetzten Juden schössen auf das Militär und nicht auf die Strolche, was eine der infamsten Lügen ist, die ein Menschenhirn ersinnen konnte. — Dabei geschah es, dass in denjenigen Stadtteilen, wo kein Militär zur Stelle war, die Juden wacker standhielten, einige „Ghuligany" niederschössen und auf diese Weise die Plündereien abwenden konnten; erschienen aber Soldaten auf dem Kampf platze, so wars mit dem Selbstschutz zu Ende und die Räuberei vollzog sieh ungestört» Aus manchen Fenstern schössen eingedrungene Spitzel, agents provocateur, oder die „Chuligany" selbst, um ein Blutbad anrichten zu können. Was die tapferen russischen Krieger auf den Schlachtfeldern der Mandschurei nicht erzielen konnten, das holten sie reichlich auf den Schlachtfeldern Judäas ein: Sieg auf Sieg, Raub auf Raub, Mord auf Mord . . . Ich will Sie mit Detailschilderungen nicht länger aufhalten, Ihnen nicht von den Schreckensszenen berichten, die in dunklen Nächten sich abspielten . . . die Haare müssten bei den Einzelerzählungen zu Berge stehen .... Flüchtig aber muss ich noch erwähnen, dass die Hotelbesitzer von den Juden, die sich in ihre Hotels flüchteten, doppelte, dreifache, zehnfache Preise erpressten, dass viele russische Hausbesitzer für ein Kellerloch, welches sie den Unglücklichen als Unterschlupf zur Verfügung stellten, hunderte von Rubeln erpressten. Es drängt mich aber, Ihnen zugleich mit freudiger Wehmut mitzuteilen, dass viele Christen, namentlich Studenten, ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Unglücklichen zu schützen oder zu retten, dass viele Professoren, so manche Offiziere bittere Tränen der Schande und Verzweiflung vergossen über die Verruchtheiten ihrer Glaubensgenossen, dass es so manchem von ihnen gelungen war. ganze Strassen vor diesen Räubern zu schützen und dass sie noch jetzt alles Mögliche aufbieten, um das Los der Geängstigten und Gequälten zu lindern. — Auch verhält sich die gesamte Presse mit Ausnahme der Reaktionären ganz musterhaft und drückt ihre Entrüstung nicht minder scharf aus, als wie ich es tue. Dank ihnen, diesen Edlen! — Man müsste ja in dem Glauben an die Menschheit ganz wankend werden, wenn es unter ihnen nicht eine Auslese braver, treuherziger, ehrlicher Seelen gäbe. Ach Gott! Wie gering ist die Zahl der Ehrenmänner im Vergleiche zur bestialischen, schadenfrohen, stockdunklen Masse . . . Diesmal wurden die Judonkrawalle von langer Hand vorbereitet und haben entschieden eine politische Unterlage. Da nämlich die Juden ihr gut Teil zum Befreiimgswerke Russlands beigetragen haben und bis jetzt beigetragen, so sind sie den Rückschrittlern, dem gesamten Beamtentum, ein Dorn im Auge. Aber noch eins sei betont: Aus dem erbärmlichen Ghettosumpf, aus dem Lande des Elends und des Jammers, ist ganz wider Erwarten eine „P a s s i o n s b 1 ü t eu entsprossen, ein bis dahin nicht gekanntes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, Leute, die zur Erlangung ihrer Freiheit und Rechte ihr Leben gerne einsetzen, vor Gefängnis, Sibirien und Galgen nicht zuriieksehreeken, vielmehr ihren Peinigern mit Bomben und Revolvern kühn entgegentreten. Das verrottete russische Beamtentum, diese vielverzweigte Schurkenbau de, welche bis nun die Juden als corpus viele, als res nullius, als Zigeimerbande von oben herab, verächtlich behandelte und wie eine Zitrone auspreiste, konnte solche Juden am. wenigsten vertragen und in ihrem Kampfe auf Leben und Tod, den sie gegen diese Reformpartei aufgenommen, ergiesst sie ihre ganze Wut und Rache, vorläufig gegen die vogelfreien, durch kein Gesetz geschützten Juden. Der Kampf, der zwischen Reform und Rückschritt entbrannt ist, dürfte noch lang währen, wir sind mitten im Stadium der Anarchie und lasse ich noch die grosse Frage offen, wer fürs erste Sieger bleiben wird. Denn die freifinnige russische Partei bildet vorläufig eine gar zu dünne Schichte an der Oberfläche des feuer- und Schwefe! - speienden Berges „russisches Volk" genannt und weiss Gott, ob im Falle einer Lava-Eruption nicht die russische Intelligenz mit Mann und Maus hinweggefegt werden wird?!