Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316181--47552-3342429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 „&ie * weit" Nr. 48 ihn an:" „Was machen Sie denn hier?» „Ich hindere am Raub", lautete die Antwort des Jüngeren. Er wurde dafür mit folgenden Worten belohnt: „Sie sind der Offiziersuniform nicht würdig, ich arretiere Sie!" Oberst Presnenko vom 273. dunaischen Bataillon fragt einen wachthabenden Leutnant: „Auf wen haben Sie schiessen lassen?" „Auf die Räuber!" „Ist es möglich, auf Rechtgläubige?u „Ich habe in solchen Momenten niemand nach seinem Glauben fragen können." Da befahl der Oberst, den Nationalitätenkampf (?) nicht zu stören. Ein anderer Leutnant desselben Bataillons wurde eingesperrt, weil er Soldaten bat, Ruhe zu schaffen. Ein Offizier arretierte zwei verkleidete Polizisten, welche die Mordbuben anführten, und trieb 50 Kosaken zurück, welche sich den Mordbuben anschliessen wollten. Dafür wurde er dem Gerichte übergeben. Leutnant Jacowlew ging mit einer Patrouille durch die Moldawanka. Da wurde auf ihn von eine.n Hause aus geschossen. Anstatt aber das Haus laut Befehl zu bombardieren, ging er aufs Dach und arretierte die Provokateure. Für diese Handlung ht Jacowlew zu Arrest verurteilt worden. Leutnant Grimberg,^ der den Polkutschi Rynok wirklich beschützte und dort keinen Raub zuliess, ist von Odessa versetzt worden. Dasselbe Los wiederfuhr allen Offizieren, die gleich Grünberg handelten. Die Lage. Die Lage der Stadt ist geradezu verzweifelt. Die grosse, schöne Handelsstadt Odessa sieht wie nach einem Erdbeben aus. Die Panik dauert noch immer (ort, und zwar nicht ohne Ursache, denn wer sich nach 5 Uhr abends auf die Strasse wagt, ist seines Lebens nicht sicher. Die Krawallanstifter gehen frei durch die Strassen und kühlen ihr Mütchen an den Vorübergehenden. Selbst am Tage wird man öfters auf offener Strasse vor den Augen der Schutzmänner und Soldaten, meistens aber von diesen selbst, überfallen, durchgeprügelt und ausgeplündert. Unter solchen Umständen ist es selbstverständlich, dass die Strassen nach 5 Uhr abends wie ausgestorben sind. Kleine Pogrome kommen immer noch hie und da vor. Die Untersuchung hat viel kostbares Material zutage gefördert. Besonders zeichnet sich hierbei Staatsanwalt Abraschkewitz (Dozent der Universität) aus. Derselbe wurde seitens der Polizei ersucht, das Material zu verbrennen, sonst würde es ihm schlecht ergehen. Gegen 30.000 (dreissigtausend) Seelen sind in verschiedenen Lehranstalten, Kasernen, Forts, Sälen, Spitälern und sonstigen Unterkunftsstellen einquartiert. Die Not ist unbeschreiblich. Um diese Hungrigen und Nackten satt zu machen und zu bekleide, nbraucht man Riesensummen. Besonders gross ist die Not in Wäsche und Fussbekleidung. Von Arbeit verschaffen. Handwerkszeug kaufen usw. kann in Anbetracht der schrecklichen täglichen Not noch gar keine Rede sein. Eine grosse Hilfsaktion ist sehr nötig. Die christliche Bevölkerung tut gar nichts, um die Not zu lindern. Einen schrecklichen Eindruckrn achen 350 Waisen die der erschöpften Kasse der „Gesellschaft zur Versorgung armer Judenkinder" zur Last fallen. Die Gesellschaft hat keine Mittel mehr, womit diese Unglücklichen satt zu machen, geschweige denn zu versorgen. Unter diesen Kindern sind viele Nervenkranke — eine Folge der blutigen Ereignisse. Einen besonders schrecklichen Eindruck machen ein Knabe, vor dessen Augen man seinen Vater, einen Schlosser, erschlug, und ein Mädchen, das immerwährend epileptische Anfälle bekommt. (Fortsetzung folgt.) A. B* Brief eines russischen Gelehrten an einen Wiener Freund Uber die Vorgänge in Russland. .... Die Ereignisse der letzten Tage haben auf mich dermassen eingewirkt, dass mir mein Blut in den Adern stockte und mein altes krankes Herz schier bersten wollte, so dass es mir an physischer Kraft gebrach, die Feder zu führen. Was wir in den letzten Tagen hier erlebt haben, spottet einer jeden Beschreibung, und was man in Odessa, Rostow, Elisabethgrad und unzähligen anderen Städten erlebt hat, kann nicht besser, muss vielmehr, laut Berichten noch schlimmer, viel schlimmer gewesen sein. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt war zwei langen, bangen Bartholomäusnächten und drei langen, bangen Bartholomäustagen ausgesetzt, und diese Zeit reichte vollkommen aus, um unsere Stammesgenossen total zugrunde zu richten, und selbst die Reichen mussten wie die andern den Genuss des Beraubt- und Geplündertwerdens auskosten. Das Elend ist namen- und grenzenlos. Gegen 100 Tote, gegen 300 bis 400 mehr oder weniger Schwerverwundete. Sämtliche Kaufläden, darunter Warenlager von 2—300 000 Rubeln ausgeraubt; unzählige Judenwohnnngen zerstört, Hab und Gut des Handwerker- und mittleren Kaufmannsstandes total vernichtet — das ist das Facit der dreitägigen* Zerstörungswut einer Abart des „Ii o m o sapien s", welche der Hyäne so blutsverwandt zu sein scheint. . . . Verflucht das Land, das ein solches Volk gebärt! Verflucht die Regierung, die durch Jahrhunderte ein solches Volk gezüchtet hat! Verflucht der Tag, an welchem der erste Jude russischen Boden betreten. O, könnte ich Dynamit schreiben und Ecrasit sprechen, ich würde so lange sprechen und schreiben, bis es mir gelungen wäre, diese niederträchtige, nach Millionen zählende, zwar ein menschliches Antlitz tragende, doch nur den wilden Tieren gleichende „Tschornaja Sotnia" (Schwarze Hundert) von dem Erdboden wegzufegen! Aber ach — was kann ich, was können wir allesamt anders, als Tränen der Woit und der Ohnmacht vergiessen! Der Modus, nach welchem die Judenmassakers in Szene gesetzt worden sind, war typisch für alle Städte. Der Plan war teuflisch ersonnen, teuflisch methodisch am Verkündigungstage der russischen Konstitution, des russischen „V ö 1 k e r f r ü h 1 i n g s" durchgeführt. Am Nachmittage des 31./18. Oktober tauchten in einigen Stadtvierteln zu gleicher Zeit etwa 15—20 Strolche (Chuligany) auf, die, mit Axt und Stemmeisen bewaffnet, sich irgend einem Hause näherten, von dem sie im voraus ganz genau instruiert waren, dass darin Juden wohnen, oder einem Kaufladen, von dem sie wussten, dass er einem Juden gehöre. Die Treffsicherheit nach dieser Richtung hin liess nichts zu wünschen übrig, schon aus dem einfachen Grunde, weil Polizisten, als „Chuligany" verkleidet, das Kommando übernahmen. — Die Zerstörungsarbeit beginnt; Fenster wurden eingeschlagen, Türen krachen, das Möbel in den Zimmern wird zertrümmert, von den höchsten Stockwerken zu den Fenstern hin ausgeschleudert, zertrümmerte Klaviere mit roh zerbrochenen Tasten und zerrissenen Saiten fliegen durch die Luft and fallen zerschmettert zu Boden, kostbare Tapeten werden von den Wänden gerissen; Vasen, Spiegel aufs Pflaster geworfen und zu Scherben geschlagen — ein Hexenkessel .... Die in aller Eile geschlossenen Kaufläden werden mit Steinnleisen aufgebrochen und die darin enthaltenen Waren auf die Strasse hinausgeschleudert; das hochlöbliche herbeieilende Publikum wird höflichst aufgefordert, nach Belieben zuzugreifen. Alt und Jung, Knaben und Mädchen, Soldaten, Offiziere, Beamte, elegant gekleidete Damen, Dienstmädchen, Polizisten, alle, alle, die nicht Juden sind, beteiligen sieh am Warenraub und greifen wacker zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.