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Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 flbie & weit11 Seite 9 18. abends begannen die Kosaken meine Wohnung zu beschiessen und setzten diese Beschiessung am Mittwoch, Donnerstag, Freitag und die ganze Nacht von Freitag auf Samstag fort. Am Donnerstag den 20. stürzten die Plünderer gegen 3 Uhr in den Hof und fragten nach den Jaden, worauf ihnen liebenswürdig vom ersten oder zweiten Stock (ich konnte es nicht genau unterscheiden, aber ich hörte deutlich die Antwort) gesagt wurde: „Oben im dritten Stock/4 Die Räuber kamen zu mir hinauf und begannen mit Beilen die Türen einzubrechen. Ich sah, dass hier jeder Widerstand vergebens wäre, und öffnete ihnen die Türe. Die Bestien erhoben die Beile über mein Haupt und forderten Geld. Meine Kinder — sechs an der Zahl — fielen auf die Knie und baten um Schonung. Ich gab ihnen 70 Kopeken (mehr hatte ich nicht) uud sie gingen fort. Daraufhin setzten die Kosaken die Beschiessung meiner Wohnung den ganzen Tag und die ganze Nacht fort. Freitag um 4 Uhr nachmittags stürzte eine grosse Menge der schwarzen Bande mit Beilen, Brechstangen und Messern in meine Wohnung und die wilde Zerstörungsarbeit begann. Die besseren Sachen wurden sorgfältig verpackt und fortgebracht. Das alles vor den Augen einer zahlreichen Patrouille, eines wachthabenden Offiziers und eines höheren Armeebeamten. Während die vertiefte Bande in den Zimmern wirtschaftete, untersuchten einige von ihnen mich, meine Frau und sämtliche Kinder einschliesslich eines Säuglings — vielleicht hat er unter der Haut Geld. Um dem Werke die Krone aufzusetzen, übergoss man uns mit Petroleum. Da rief einer aus der Bande: „Nu, hol' sie der Teufel, wir haben heute genug Juden verbrannt, lassen wir diese unangezündet stehen, gib nur zehn Rubel her!" Als nun meine Kinder, welche die ganze Zeit auf den Knien lagen, um Schonung flehten und sagten, dass wir nichts mehr als das nackte Leben haben, da sagte der Anführer mit der Brechstange in der Hand: „Nu, hol' euch der Teufel, sage den deinigen, dass es auch unter Russen gute Menschen gibt* und das Gesindel ging fort. Nach dieser Zerstörung schössen die Kosaken die ganze Nacht siegreich in uns nackte hilflose Menschen. Wenn man die Srednaja besieht, so kommt man zur Ueberzeugung, dass diese Erzählung nicht nur wahr ist, sondern dass Lehrer Sch. noch der Glücklichste dieser Strasse war, denn in andern Häusern gibt es noch Spuren von viel schrecklicheren Greueltaten. Hier wurden Frauen und Mädchen vergewaltigt, Kinder in Stücke gerissen und vom vierten Stock auf die Strasse geworfen — das alles vor den Augen der schwerverwundeten Väter, Männer und Brüder. Das alles lässt sich noch irgendwie besehreiben, was aber in dieser schrecklichen Donnerstagnacht in der Weifgasse sich zutrug, spottet direkt jeder Beschreibung. Hier kam das Schillersche Wort: „Jedoch das schrecklichste der Schrecken das ist der Mensch in. seinem Wahn" zur vollen Geltung. Die meisten von den wahnsinnig Gewordenen sind aus der Weifgasse. Der Dampfer „Ismail". Als am Mittwoch hier der Dampfer „Ismail" eintraf und die Passagiere (Juden) die auf sie wartende schwarze Bande sahen, baten sie den Kapitän, sie nicht auszuschiffen und auf die Reede zu gehen. Das Schiff kehrte tatsächlich um und die Passagiere wähnten sich gerettet. Da kamen die Matrosen heran und forderten Geld. Diejenigen, die genügend bei sich hatten, bezahlten für ihr Leben, wer aber nichts oder zu wenig hatte, wurde einfach über Bord geworfen. Nicht besser erging es den jüdischen Passagieren der Schiffahrtsgesellschaft am Dnjepr. Während der Schreckenswoche hielten die Schiffe überall da an, wo die Plünderer darauf am Ufer warteten. Dieselben wurden aufs Schiff gelassen und die Juden wurden bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Alles, was denselben gehörte, wurde ihnen abgenommen. Die Schiffsmannschaften mit den Kapitänen an der Spitze sahen den Massakers ruhig zu, obwohl es ganz in ihrer Macht war, dieselben zu verhindern. Sie hätten bloss das Schiff nicht ans Ufer lassen müssen, Aber selbst auf dem Schiffe war es vollständig in der Hand des Kapitäns, im beliebigen Augenblicke die Massakers aufzuhalten, denn als die Plünderer sich an die Warenräume lieranmachen wollten, da genügte es, wenn der Kapitän ihnen bloss zurief: „Stehen lassen, für die Frachten bin ich verantwortlich!ft damit sie fortgingen. Besonders zeichneten sich durch ihre Brutalität die Kapitäne Sigew, Jakowenko und Ponassenko aus. Ebenso soll es auf der Linie Odessa—Nikolaew speziell auf dem Dampfer „Rümjanzew" zugegangen sein. Die Station Rasdeinaja. Diese Station liegt am Kreuzwege mehrerer Eisenbahnlinien, eine Stunde Fahrt von Odessa, und ist eine grosse Umsteigestation. Als nun der Pogrom so plötzlich allenthalben begann, da gedachten viele unserer Brüder, sich durch Flucht zu retten. Aus Kischenew, Tiraspol, Golta, Odwiopol usw. fuhr man nach Odessa und von Odessa dorthin. In Rasdeinaja trafen sich die Züge und die Massakers, von 14 Eisenbahnbeamten geleitet, begannen. Die Mordbuben stürzten in die Waggons und ermordeten 39 Juden. Wer sich aus den Waggons rettete, wurde von den Türwächtern erschlagen. Laut Befehl des Stationschefs waren sämtliche Ausgänge abgeschlossen. Die Greueltaten in Rasdeinaja wie auch in anderen Stationen dauerten mehrere Tage, Während dieser Woche sind dort viele ums Leben und um die Gesundheit gekommen. Man kann sich aber die Lage der Verwundeten vorstellen, die nach Odessa kamen. Selbst die Lage derjenigen, die durch ein Wunder in Rasdeinaja mit heiler Haut davonkamen, war nach ihrer Ankunft in Odessa verzweifelt, denn am Bahnhofe Hess man sie nicht bleiben und wer sich in die Stadl: hineingetraute, hatte nochmals die Schrecken Rasdelnajas mitzumachen. Bemerken will ich noch, dass die Eisenbahnbeamten der Stolz der russischen Sozialdemokratie sind. Die Armee. Die Rolle der Armee im Pogrom habe ich bereits einige Male hervorgehoben. Bezeichnend ist die Handlungsweise des Oberkommandierenden des Odessaer Militärbezirkes, Baron Kaulbars. Die zu ihm abdelegierte Deputation erzählt: „Als wir dem Baron sagten, die Stadt halte ihn für den Mitschuldigen am Pogrom, da suchte er seine Unschuld zu beweisen und schleppte ein Bündel Protokolle hervor, die täglich vertässt wurden. Dort lasen wir : „Die Juden haben das Kaiserbild an einen Hundeschwanz gebunden und durch die Stadt geschleppt, die Juden haben sich über die kaiserliche Familie, die Polizei und das Heer lustig gemacht, die Juden haben Polizisten und Offiziere eingefangen, ihnen die Augen ausgestochen und Nägel in den Kopf geschlagen usw." So der Oberkömmandierende. Das erklärt nun die Handlungsweise seiner Helfershelfer. Einige Taten von Offizieren wollen wir jedoch hervorheben: Ein Offizier und einige Soldaten wollten die Mordbuben an ihrem Werke hindern; dazu war nicht viel nötig, denn für sie war den Mordbuben leicht beizukommen. Da kam ein älterer Offizier heran und herrschte

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