Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bi* # weit11 Nr. 48 zu reden. Wir waren für euch die Parias, denen man gern •einmal; wohlwollend auf die Schulter klopfte — und doch war in uns die revolutionäre Kraft, die den Anbruch der Freiheit beschleunigte. Ja, nun ist auch die Presse freigeworden. Und was für „unzerasurierte" Nachrichten brachte sie am ersten Tage der verkündeten Freiheit? Von den Strömen jüdischen Blutes musste sie berichten, die aufs neue vergossen waren, von neuen Schandflecken in der Geschichte eures Volkes. Ich weiss — das ist die „Schwarze Bande"! Ich weiss — das ist Piehwe! Und wer jetzt? Witte? Vielleicht Trepow? —--Ich wage zu behaupten, dass Trepow, der wahrlich keine Patronen spart, diese Hetzen nicht inszeniert, nicht einmal veranlasst hat, so wenig wie ihr, freilich aus anderen Gründern. Der letzte Urheber dieser Metzeleien ist die russische Gesellschaft, ist das russische Volk! Die antisemitische schwarze Bande ist nur der rohe Ausdruck eures verfeinerten Antisemitismus, wie einst die revolutionäre Garde nur der Ausdruck war des dunklen Bureaukratenhasses des Volkes — die „Schwarze Bande 4 ist eure Hand, wie die revolutionäre Garde das Haupt des Volkes war .... Genug — ich habe gesagt, was ich fühle, und was heute jeder Jude fühlt, der sich 'nicht selbst betrügen will. Was folgt daraus? Jetzt ist nicht die Zeit, daraus den Schluss zu ziehen. Jetzt sind die Tage der Trauer, Tage schrecklichen Leidens, und um so schrecklicher, als man s;ch losreissen mmss zur Organisation der Hilfe für die vernichteten Existenzen, für die Tausende, die mit einem Schlag in Not , nd Elend gebracht sind ... Möge dieser blutige Schrecken unsere Arme und Herzen stark werden lassen. Möge er uns Juden zu einem grossen, nationalen Kampfe vorbereiten! Jüdische Waisen. Die Nachricht von den russischen Greueln hat hier wie überall empörend gewirkt. Manche Leute fühlen nur Judennot, falls Exzesse wie in Russland so deutlich sprechen, dass gar nicht mehr daran zu zweifeln ist. Wohltätigkeit wird jetzt geübt, um den armen Juden eine nette Beerdigung zu verschaffen. Wir Zionisten möchten lieber die Gelder gesammelt haben, um unsere Arbeit, die für Lebende ist, zu fördern. Die Sache liegt aber jetzt so, dass auch jeder Soziolog philanthropische Arbeit mitmacht. Es ist aber die Frage, wie wir nun den Ueberbleibenden helfen werden. „Hindus und wohin?" bleibt die Devise und die Frage. Es gibt aber einzelne, weichen mit der Beantwortung des „Wohin" — welche Beantwortung noch wartet auf Charter an die Zionisten und die Ito — nicht zu helfen ist. Eine Menge verwaister Kinder blieb übrig. So lange wir denn kein 'Land haben für die Männer und Frauen, lasst uns versuchen, ein Heim für verwaiste Kinder zu schaffen. Es gibt manche Judenfamilien, welche kinderlos sind, andere, die Kinder verloren haben und wo ein leerer Platz entstanden ist, noch andere, die es für eine Pflicht oder Mizwoh halten, eine Waise zu sich zu nehmen. Unsere bewährten Gesinnungsgenossen in Russland werden gewiss gerne .behilflich sein, die geeigneten Kinder anzuweisen, welche neuer Eltern bedürfen. Hier in Holland sind einige Anfragen an mich gelangt. Ueberali, wo Juden wohnen, überall, wo man getroffen ist von den Schrecken des Golus und sich freut, in besseren Länder zu wohnen, werden auch Judeneltern sein, welche Kinder zu sich nehmen wollen. Ich hoffe, dass die jüdische Presse darauf aufmerksam machen wird. G. C. Polak, Amsterdam. Der Pogrom in Odessa. (Von unserem Korrespondenten.) (Fortsetzung.) Das Haus Nr. 73. Zerschossene Häuser! .... Deren gibt es jetzt in Odessa, speziell an der Peripherie sehr viele, denn jedes Haus, aus dem geschossen wurde, fiel sofort der Wut der Kosaken anheim. Es genügte dabei schon die Aussage irgend eines Auswürflings, dass aus dem Hause geschossen wurde, damit dieses Haus samt Insassen mit der Artillerie Bekanntschaft mache. Andererseits hatte die Polizei einige Häuser vorgemerkt, in welche ihre Agenten auf irgend eine Weise hineinkamen und in die Plünderer von dort aus blinde Schüsse abgaben. Das war Grund genug, um diese Häuser mit sämtlichen Einwohnern, einschliesslich Greisen, Frauen und Kindern zu zerschiessen! Zerschossene Häuser! .... Diesen barbarischen, schauererregenden Anblick kann man sich kaum vorstellen. Welche unglaublichen Höllenqualen die am Leben gebliebenen Bewohner derselben mitgemacht haben müssen, beweist die schreckliche Zahl der wahnsinnig Gewordenen. Die früheren Wohnstätten von tausenden bilden jetzt ein Bild trostloser Verwüstung. Das sind keine menschlichen Wohnungen mehr, sondern Ruinen, welche eine wilde, blutgierige Horde zurückgelassen hat. Im Zentrum der Stadt gibt es nur einige wenige solcher Häuser, welche wie eine feindliche Festung während des Krieges behandelt wurden. In der dicht von Juden bevölkerten Moldawanka aber gibt es fast keine Strasse, kein Gässchen, wo der Held von Mukden, Baron Kaulbars, nicht bewiesen hätte, dass er mit wehrlosen Frauen und Kindern besser fertig werden kann als mit den Japanern. Hier die Procheronsskaja: 82 Mietskasernen, fast ausschliesslich von Juden bewohnt, sämtlich ausgeraubt, mit eingeschlagenen Fensterscheiben und zerstört. Bloss auf dieser einen Strasse gibt es 35 zerschossene Häuser. Einen besonders schauererregenden Eindruck macht hier das Haus Nr. 73, welches uns zeigt, wozu die freien Bürger des heiligen Russland fähig sind. In diesem Hause wohnten 78 jüdische schwerarbeitende Familien, meistens Handwerker. Hier fand man am Freitag morgens 17 Tote und 54 Schwerverwundete, die dem Tode nahe waren, von den weniger schwer Verwundeten nicht zu reden. Dieses grosse vierstöckige Haus ist durch und durch zerschossen; in keiner einzigen Wohnung blieb auch nur eine einzige heile Stelle. Alles ist hier vernichtet und nur die armseligen Ueberreste von Kleidungsstücken, Handwerkszeugen und Möbeln, welche durch und durch mit Blut getränkt sind, lassen erkennen, dsss auch hier Menschen lebten. 300 Seelen haben in diesem Hause gewohnt und gearbeitet, in dem. Hause, bei dessen Anblick man mit Byron ausrufen möchte: „0 Menschen, Menschen, ich schmeichle euch, wenn ich euch Hunde nenne." Nicht besser ging es auf der Srednaja zu. So zum Beispiel erzählt der jüdische Lehrer Sch. folgendes: „Ich wohne auf der Srednaja Nr. 39 im Hause der Baronin Speier. Im .ersten Stocke wohnt der Polizeirevieraufseher Pusanow, im zweiten ein Oberst a. D. und im dritten Stock wohnte ich. Am Dienstag den