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Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 „bie # weit11 Seite 7 leid gleicht bei weitem nicht den mannigfachen Leidem, den andere Unterdrückte und Rechtlose ausgesetzt sind. „Stosset in die Posaune" — ruft der „Hasman" verzweifelt aus — „verkündet der Welt die grosse Tragödie eines ganzen Volkes, das nach tausendjährigem Kampfe für Glauben, Hoffnungen und Ideale von Kosaken- und Polizeiregimentern niedergetreten wird. Rufet hinaus die Wahrheit, ungeschminkt, unverhüllt! Fort mit jeder kleinlichen sklavischen Rücksicht, jeder Heuchelei und Selbsttäuschung! Unser grösstes Unglück war es bis jetzt, dass unser nationales Missgeschick, das grosse Elend von Millionen dem Morde und der Plünderung preisgegebenen Menschen, mit irgendwelchem zufälligen Ueberfalie eines „Bürgers" durch einen betrunkenen „Hooligan" in Verbindung gebracht wird . . . Mag die russische Intelligenz im Namen des Liberalismus gegen Gewaltigkeiten und nebstbei gegen Judenhetzen protestieren, wir Juden dürfen nicht weiter vom Scheine der schönen Schlagworte, Phrasen u. dgi geblendet sein. Als -Menschen müssen wir unsere natürlichsten elementarsten Rechte, vor allem die gebührende und vollste Bestrafung der Beamten, Polizisten und Soldaten fordern, die das Unheil der letzten Wochen angestiftet haben . . Sehr traurig ist die Stimmung, die sich in unserer Presse in bezug auf das Verhalten -gewisser Teile der russischen Bevölkerung, auch jener liberalen „Kampfgenossen", mit denen gemeinsam oder an deren Spitze Juden ihn B'lut geopfert haben. Abgesehen von einer Gruppe Studenten, die die jüdische Schutzwehr in der todesmutigen Verteidigung an manchen Orten unterstützte, konstatiere-ri die jüdischen Zeitungen die Tatsache, dass die liberale Gesellschaft in Russland, auch die „radikalste", in ihrer grössten Empörung über die Kontrarevolutian, Reaktion, Trepow u. dgl. das Judenschicksal als solches ganz stillschweigend übergangen oder nur gelegentlich als Ulustrationismittel benützten, als ob die Taktik des Freiheitskampfes es für notwendig erheischt, jüdische Opfer nicht ausdrücklich zu erwähnen. Unsere Kampfgenossen aus der russischen Intelligenz, die vor der Pressfreiheit es nicht unterlassen haben, über die Rechtlosigkeit der Armenier und Tataren zu klagen, dieselbe liberale Presse bringt jetzt nach eingetretener Press- und Redefreiheit den Mut nicht auf, ihrem Volke seine Grausamkeiten gegen Juden vorzuhalten und von der Regierung offen zu fordern, dass den Juden unverzüglich zumindest jene elementarsten Menschenrechte zuerkannt werden, deren sie Ii vorläufig alle anderen russischen Völkerschaften erfreuen. Besondere Verstimmung hat es hervorgerufen, dass auch der „Verband der Verbände" mit allgemeinen Gemeinplätzen zu den letzten Pogromen Stellung genommen hat sowie die Tatsache, dass der Semstwokongress eine von der Wiinacr Judengemeinde vorgeschlagene jüdische Vertretung abgelehnt hat. Eines geht aus allem hervor, was die jüdische Presse in der letztem Zeit diurch die mannigfachsten traurigen Erfahrungen und Beobachtungen aufs Unwider'leglichste bestätigt rindet: Wir haben in den letzten Wochen Schreckliches erlebt, wir haben aber auch daraus endgültig die Lehre zu ziehen, dass wir auf unsere eigene Teilnahme und Hilfe angewiesen sind und dass wir in unserer Nationaltrauer nur schwerlich bei anderen Trost finden können. M. Bendow. Die Vernichtung der Juden.*) Diese Zeilen schreibe ich nicht als ein Zeitungsschreiber, nicht als ein „russischer Journalist" — ich. schreibe sie als ein Jude, der erschüttert ist von den Schrecken dieser Tage, in dem das Blut hunderter gequälter Geschlechter sich empört, *) Poljakow in den liberalen „Nowosti". der ein elementares Bedürfnis fühlt, endlich einmal die ganze Wahrheit laut herauszusagen. Draussen fliesst noch das Blut unserer Väter und Mütter, Brüder und Schwestern . Auf den Strassen unseres „Vaterlandes'' werden die warmen Körper kleiner, hilfloser Kinder zertreten, die mit tastenden Händchen ihre toten Mütter gesucht haben. Ueberall Schrecken, Zerstörung, Brand — überall Blut, Blut, Blut. Es wäre Schande, angesichts dessen noch länger zu lügen oder es verschweigen zu wollen: Ihr, russische Liberale, Radikale und Sozialisten, ihr tragt mit Schuld an diesen Greueln! Ja, ihr, die ihr jetzt entrüstete Artikel schreibt, ihr, die ihr jetzt die „Schwarze Bande" und die Gouverneure verflucht, ihr, die ihr jetzt über die Toten weint, und — von den Lebenden schweigt! War es nicht eure graue Theorie, die behauptete, die Judeiifrage sei nur „ein Teil der ganzen russischen Frage", und die euch den Vorwand gab, deshalb die spezifische Judenfrage totzuschweigen! Ihr wusstet wohl, dass die ganze russische Gesellschaft vom Antisemitismus durchseucht ist — vom brutal-offenen oder vom kulturell-maskierten, vom intellektuellen oder vom gefühlsmässigen Judenhass — ihr habt das wohl gewusst, und was habt ihr getan, um euer Volk von diesem todbringenden Uebel zu heilen? Wo sind die Artikel, aus denen man euren Schmerz über euer wildes Volk gehört hätte? Wo sah man eure Scham über früher Geschehenes, wo die Versuche, der Wiederholung solcher Schreckensszenen vorzubeugen? Ihr habt euch stolz in das Heiligtum eures „Programms'' zurückgezogen, habt uns eure Doktrinen gepredigt, und das Volk Überliesset ihr den Kmschewans und Suworins!1) Was habt ihr eurem Volke geantwortet auf die Broschüren: „Nieder mit <len Juden!", die man für eine Kopeke und sogar umsonst in allen Städten verteilt hat? Habt ihr vielleicht gemeint, dass wir verpflichtet seien, euer Volk aufzuklären? Oder habt ihr etwa gedacht, dass man u n s mehr Glauben schenken wird als euch? Ihr entrüstet euch über die „Schwarze Bande", und ich zweifle nicht an Eurer Aufrichtigkeit. Aber hätte denn die Mehrzahl eurer Anhänger, ihren Gefühlen entsprechend, anders gehandelt, wenn sie auf dem kulturellen Niveau der „Schwarzen Bande" stünde? Was habt ihr nach den ersten Judenhetzen in den achtziger Jahren getan? Eure Volkskämpfer haben sich ganz aufrichtig mit den Hetzen abgefunden als mit den ersten Anzeichen der Unzufriedenheit des Volkes! Eure „Russija Wjedomosti"") haben zwanzig Jahre lang schmachvoll geschwiegen, und nur Kischenew hat sie auf einige Tage davon abgebracht. „Man kann ja nicht mit der „Nowoje Wremja" polemisieren," — sagten die Leute, deren ganze Tätigkeit durch lange Zeit sich auf die Polemik mit den Tschinowniks beschränkte, Wo waren eure Spenden (wir brauchen euer Geld nicht!) für die von den Krawallen Betroffenen, damals, als sogar die Aennsten der Juden ihre Groschen opferten für die Hungernden im Gouvernement Samara? Von Zeit zu Zeit habt ihr gnädigst verkündet, dass die Juden nützliche Bürger sein können, und dass es ungerecht und unklug sei, ihnen die bürgerlichen Rechte zu entziehen. Aber als die Juden selbst etwas lauter von ihren Rechten zu sprechen begannen, als es dem feinempfindiiehen arischen Ohr angenehm war, da habt ihr es „Taktlosigkeit" genannt und habt sogar leise von „Unverschämtheit" gesprochen .... Eure ausländischen Apostel der Gerechtigkeit, die Sozialdemokraten, haben ihr Anathema gegen den jüdischen „Bund" ausgesprochen, als er die Frechheit hatte, von einer jüdischen Nation 1) Kruschewan, der bekannte Anstifter der Kischenewer Massakers vom April 1903; Suworin, Herausgeber der antisemitischen Zeitung „Nowoje Wremja" in Petersburg; beides antisemitische fietzapostel. 2) Bedeutende liberale Zeitung.

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