Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 lfbie * Welt11 Nr. 48 Als ich den verstorbenen Dr. Herzl vor einigen Jahren, wahrend ich noch Sekretär für die Kolonien war, zum ersten Male sah, machte er auf mich einen gewaltigen Eindruck, nicht nur wegen seines starken Enthusiasmus, sondern auch durch seine praktische Abschätzung der Schwierigkeiten auf seinem Wege und der Mittel, dieselben zu überwinden. Seine damalige Idee war, sich an das nationale Gefühl der .luden zu wenden und eine grosse Niederlassung auf einem genügend grossen freien Gebiet irgendwo unter britischer Plagge zu organisieren, wo mit der Hilfe von grossen Fonds, die den jüdischen Organisationen zur Verfügung stehen und mit einem System von ausgedehnten Munizipaleinrichtungen, welche jüdischen Bestrebungen vollen Spielraum gewähren würdeji, ohne tatsächlich ein Reich im Reiche zu bilden, die jüdischen Flüchtlinge von Tyrannei und Verfolgung sich zu den Grundlagen einer britischen Kolonie entwickeln könnten und für sich selbst ein Heim fänden. Diese Auffassung Dr. Herzls machte einen starken Eindruck auf mich als erster vielversprechender Versuch, ein Problem zu lösen, dessen Existenz in seiner gegenwärtigen Form eine Schande und eine Gefahr für die europäische Zivilisation ist. Es tat mir leid, als ich hörte, dass der Bericht der zur Erforschung des Territoriums, das die britische Regierung angeboten hatte, ausgesandten Kommission ungünstig lautete und noch mehr, als mir die Entscheidung des Baseler Zio-nistehkongresses nach Herzls Tode, das Projekt ganz und gar aufzugeben, bekannt wurde. Nun höre ich, dass Sie und Ihre Gesinnungsgenossen beschlossen haben, die Bestrebungen nach den vom Dr. Herzl angeregten Prinzipien wieder aufzunehmen, und wenn sich die Verzögerung der im Wege stehenden Schwierigkeiten sicher vermehrt hat, so hat doch alles, was sich seither zu getrau hat, und besonders die jüngste schreckliche Verfolgung der Juden im Osten Europas die Notwendigkeit, eine unmittelbare Abhilfe für dem gegenwärtigen Stand der Dinge zu finden, gesteigert und hat die Verantwortlichkeit der christlichen Völker grösser gemacht. Ich würde daher gerne jede mögliche Hilfe und meinen Einfluss zur Unterstützung jedes von einer verantwortlichen Organisation der britischen Regierung gemachten Anerbietens aufbieten, den von Dr. Herzl angeregten Plan wohlwollend zu erwägen oder irgend eine Verbesesrung desselben, die durch die Erfahrung als wünschenswert erwiesen worden ist. Es steht Ihnen frei, diese Korrespondenz zu veröffentlichen. Wenn es Ihr Wunsch ist. Ich bin usw. J. Chamberlain." Nachdem noch Sir Alfred Turner als Nichtjude die russischen Verfolgungen verurteilt und zum Ansch'luss an die Ito aufgefordert hatte, wurde die Resolution einstimmig angenommen und die Versammlung unter Hochrufen auf den Vorsitzenden Sir Robert Reid geschlossen. Die Stimmung in Russland. In den. schauerlichen Tagen, da der russische „Patriotismus" die gewährte „Konstitution" mit einem grausamen Blutbad unter den Juden von mehr als 70 Ortschaften feierlich begriisste, gerade an jenen schauer vollen Tagen konnte unsere jüdische Presse in Russland einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken über ein lange herbeigesehntes Ereignis: „Die Zensur der Presse wurde aufgehoben!4' „Frei von den Fesseln der Zensur" — so ungefähr schrieb die „Hazefirah" — „frei von der Furcht vor administrativen Strafen, kehren wir nunmehr zu unserer geregelten Arbeit zurück. Wir sind nicht mehr geknebelt, von keiner Rücksicht, keinem Zwang eingeengt, wir werden nicht mehr schreiben müssen nach dem Befehle der Administration, noch in Augenblicken, da unser Herz überströmt, schweigen müssen aus Furcht vor der Zensur. Wir werden redlich unsere Pflicht erfüllen können . . ." Gar traurig, allzu traurig ist die Pflicht, die jetzt unsere Presse zu erfüllen hat. Schrecklich und haarsträubend, sind die Berichte, die jammervollen Klagen und Märtyrererzählungen, die täglich ihre Spalten füllen, so haarsträubend, dass man es fast nicht glauben möchte. Neben den Grausamkeiten ,mit denen allerorts die Morde verübt wurden, neben der auffälligen Uebereinstimmunig an Begleitumständen, durch die sich die Massakers allerorts auszeichneten, neben den erschreckenden Ziffern der Zahl der Hingeschlachteten, der unübersenbaren Höhe des Verlustes an Menschenleben und an vernichte teil jüdischen Existenzen, tritt uns aus diesen Berichten vor allem die traurige Rolle entgegen, die die Bmeaukratie, Polizei und Soldaten in diesen Metzeleien gespielt haben. Die jüdische Presse ist nun in der Lage, Anklagen zu erheben, das zum Himmel schreiende Unrecht, das einem Millionenvollike zugefügt wird zu veröffentlichen, darüber Details zu sammeln und der Nachwelt zu überliefern. Es waren ja Zeiten, da man über Pogrome in Russlandi in jüdischen Zeitungen gar nicht berichten durfte. Die jüdischen Blätter konnten nur die dürftigen Berichte bringen, die vorher von anderen Zeitungen gebracht waren. Selbst in der Literatur durften nicht Geschehnisse aus „Russland", sondern! bloss aus „Rumänien" oder gar aus dem alten „Aegypten" bearbeitet, „Petersburg" oder „Moskau" mussten in „Bukarest" oder „Jassy", aber auch in „Goschen" umgetauft werden. Lilien blum — wenn ich nicht irre — schrieb einst über den Kiewer Judenpogrom aus „Goschen" in „Mizraim" und B i a 1 i k musste seine erschütternde Klage über Kischenew vom Jahre 1903 nach Nein i r o w in das Jahr 1648 verfliegen. So wird einst dem Historiker, der nach den hebräischen Literaturzeugnissen der letzten Jahrzehnte ein Bild voni den Leiden der Juden in den östlichen Ländern wird entwerfen wollen, keine leichte und geringe Aufgabe gestellt sein, falls er nicht gesonnen sein wird, die grossen Sünden Rüsslands auf irgend ein fremdes Konto zu schreiben. Das soll nun anders werden. Die Schändlichkeiten, die gegen Millionen wehrloser Bürger begangen werden, sollen nicht mehr unter mannigfachen Entstellungen vor den Augen einer zivilisieren Mit- und Nachwelt verhüllt, eine Märtyrergeschichte wie sie seltera ein Volk irgendwo erlebt, soll nicht mehr gefälscht und in getrübten Quellen überliefert werden. Die jüdische Presse, die nicht mehr „das schreiben muss, was der1 Administration beliebt und jenes verschweigen, was der Zensur missfällt", ist nunmehr in der Lage, ihre Klagen laut vor aller Welt zu erheben, alle Schandtaten, die von der und belohnt werden, ins wahre Licht zu rücken. Ein trauriger Trost fürwahr; aber es ist insofern von Bedeutung, dass solche Enthüllungen geeignet sind, uns selbst über unsere Lage aufzuklären- und uns die ganze Erbärmlichkeit des Gorslebens vor die Augen zu führen. Denn alles, was man sich uns gegenüber erlaubt, was kein anderes Volk, nur wir, wir Juden allein,, erleiden müssen, das kann nur ein Volk erleben, das keinen Boden, kein Land sein eigenes Heim nennen darf. Noch sind die Details von Grausamkeiten und Schauerlichkeiten der letzten Massakers in der jüdischen Presse nicht erschöpft, noch laufen täglich spaltenlange Schilderungen von Augenzeugen ein, die gleichsam erst als Einleitung zu einer tragischen. Geschichte unseres Martyriums betrachtet werden können. Sie können, wenn sie bis ans Ende erschöpft sind, Bände füllen und die Martyrologie, an der unsere Geschichte ohnedies schon so reich ist, um ein Beträchtliches vergrössern. Tatsächlich hat die jüdische Presse noch nicht den letzten Strich gezogen unter den traurigen Einzelheiten, noch nicht ihre Summe und eigentliche Bezifferung abgeschlossen. Dagegen ist ihr gegönnt, in offenmutigen, unverhüllten Aeusserungen, in Eorm von Artikeln und von Körperschaften: gefassten Resolutionen, ihrer Stimmung Luft zu machen und ihre Forderungen bezüglich der rechtlichen Stellung unseres Volkes klar und deutlich auszusprechen. Sie übersieht klar und hell die ganze Situation des russischen Judentums; sie ist weder selbst über die Lage getäuscht, noch sucht sie andere über dieselbe hinwegzutäuschen. Sie verwahrt sich unter anderem entschieden dagegen, dass man die Judenfrage in die grosse Masse anderer bewegender Fragen einschachtele. Das Juden-