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Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 „bie w^it" Seite 5 Völkerfrieden? Zu Tausenden ergreifero sie die Flucht aus ihrer Heimat. Wir haben es mitgemacht und in Ost und West verspürte man die Katastrophe. Aus vollen Händen mussten wir geben. Aber die Furcht ist begründet, dass die Geber des Gebens endlich müde werden und aufhören zu hoffen, dass das Danaidenfass, genannt russische* Auswanderung, zu füllen möglich sei. Da bleibt nichts anderes übrig, als sich zusammenzuschliessen und an; allle gutdenkendeni Menschen aller Nationen, an Fürsten, Völker und an Parlamente und Regierungen zu ap~ pelieren, damit die Auswanderung in gesetzliche Bahnen geleitet werde und nicht tausende von Auswanderer auf dem Wege zugrunde gehen. Im einer Zeit, da die Tore aller Länder, in welche die Juden bisher geflüchtet sind, sich zu sperren beginnen und sogar England und Amerika bald keine Asyle mehr sein werden, sollte .sich jeder Jude aber die Frage nach dem „Wohin" stellen. Diese Frage muSiS gelöst werden, es muss ein Ausweg gefunden werden aus dem Hexenkessel, in dem die Juden leben, es muss gelingen, Menschen, die vor dem Untergange stehen und nichts mehr, nicht einmal das nackte Leben zu gewinnen haben, annehmbaren Lebensbedingungen in einer eigenen Heimat zuzuführen. Positive Rettung für die Juden in Russland muss. «die Losung lauten. Jede Spende und Gabe ist herzlich willkommen^, aber die Zeit des -blossen Almosengebens ist vorüber, der Moment praktischer Arbeit ist gekommen. Ich will hoffen, dass die Juden von Wien wie alle anderen Juden der Weit bereit sein werden, mitzuarbeiten, eine bessere, menschliche Zukunft des jüdischem Volkes in Russland herbeizuführen. Sekretär Fleischer der „Union" brachte hierauf folgende Resolution zur Verlesung: „Die Wiener Judenschaft gibt ihrer namenlosen Trauer um die grausam dahingemordeten russischen Glaubens- und Stammes-genossen öffentlich Ausdruck. Es erfüllt uns mit Abscheu und Entsetzen, dass in Russland1 infolge der jahrzehntelang geduldeten Judenhetzen Tausende und Abertausende friedlicher Menschen, Männer, Frauen und Kinder, gleich Opfertieren hingeschlachtet wurden, aus keinem anderen Grunde, als weil die Bureaukratie glaubt, die in diesem Reiche aufkeimende und durch Verheissungen der höchsten staatlichen Autorität gewährte Freiheitshoffming im Blute der Juden ertränken und auf diese Weise sich noch weiterhin an der Macht erhalten zu könneni. Gegen diese Scheusslichkeiten appellieren wir an das Herz d-er ganzen zivilisierten Menschheit; wir appellieren an das öffentliche Gewissen aller Kulturnationen, damit in jedem Parlament der Ruf nach einem gemeinsamen Schritt aller Regierungen zur Verhütung der Wiederkehr solcher Greuel erhoben werde. Wir erklären, dass wir! uns mit unseren Leidenden Brüdern im Russland eins fühlen und dass wir alle Bestrebungen tatkräftig unterstützen wollen, welche geeignet sind, ihnen eine menschenwürdige Zukunft zu sichern." Die Resolution wurde imter lauten Kundgebungen einstimmig angenommen. Dr. Schalit forderte hierauf die Versammelten auf, die beabsichtigten Demonstrationen zu unterlassen. Unter der Absingung nationaler Lieder leerte sich der Saal, an dessen Eingängen Sammlungen veranstaltet wurden. Vor der russischen Botschaft und deren Umgebung befand sich ein verstärktes Wacheauf gebot. London. Greenberg führte in seiner Rede (siehe Nr. 47) weiters folgendes aus: „Wie könnte man sich nur darum kümmerm wie das Geld angewendet werden solle? Gehe man wirklich daran, über dem Haupte der unglücklichen Hungernden einen Geldsack aufzuhängen tind ihn denselben zu verweigern!, wenn er nicht auf sein Recht, von Russland irgend wohin zu fliehen, verzichtet. Greenberg bemerkt ausdrücklich, er wolle jetzt die Gelegenheit für den Zionismus, der der einzige Ausweg aus dem Unglücke sei, gegen das man heute protestieren wolle, zu sprechen nicht benutzen, sondern er wolle die ganze Judenschaft hier und in den anderen Ländern eindringlich ermahnen, einträchtig vorzugehen und in einer grossen, internationalen Körperschaft sich zu diesem Zwecke zu vereinigen, und schliesst dann: „England steht ,wie schon so lange da, als die Hoffnung der Freiheit. Wo immer in der ganzen Welt ein Streich für die Freiheit fällt, von überall wenden sich die Blicke der Unterdrückten .'ach England, im der Hoffnung und Zuversicht, dass dieses gesegnete Heim von so viel Glück auch ihnen Hilfe bringen werde. Unter all seinen verschiedenen Interessen und seinen internatlo.ialeii Komplikationen gibt es kein Interesse, das so frei von Komplikationen bewahrt worden ist, kein Interesse, über das -eifersüchtiger gewacht wurde, kein heiligeres, älteres und edleres, als Englands Interesse an der [Förderung alles dessen, was nach Freiheit, Ehre und Gerechtigkeit strebt. Welch besseren Lohn kann England für die getreue Beachtung dieses Interesses haben, als die Ansiedlung des jüdischen Volkes in Freiheit und Ehren als Nation im eigienen Lande, indem man sie gleichzeitig für immer vor solchen Katastrophen schützt, wie die, welche jetzt unsere Herzen in Sorge niederdrückt. Einx Teil dieses unglücklichen Volkes kämpft, um das wieder zu gewinnen, was sie so lange schon verloren, was zu lieben und zu ersehnen sie jedoch nie aufgehört haben. Ein Teils, die Millionen Russlands, schwer heimgesucht von jeder Art von Brutalität, niedergebeugt, niedergebrochen von der Last des schweren Kummers, wagen es kaum, zu Gott im Himmel aufzuschauen und strecken ihre schwachen Hände zu euch aus — um eure Hilfe, euren Schutz bitten sie. Aber ist die Hoffnung vergebens, dass ihr Ruf das edle Herz dieses grossen Landes erreichen werde und dass es beschliesst, Hilfe durch Erleichterung dieser Last von Unglück und Schande für unser Volk zu bringen, nicht nur zeitweise, wie liebevoll und wohlwollend diese -e auch sein -mag, sondernd; in einer Weise, die 'dauernd und für immer wirkt. Befreiung wird uns kommen, wie ich für meine Person überzeugt bin, wenn wir nur uns selbst treu bleiben, treu unseren Idealen und vor allem treu dem hohen und edlen Ziele, dem wir für* die Welt und die Menschheit zustreben. Ich befürworte diese Resolution, weil sie, wie ich glaube, im Einklänge steht mit unseren Idealem, im Einklänge mit der besten Gesinnung, die uns in unserem schmerzlichem Leid beleben kann." Nach Annahme der entsprechenden Resolution wurde die bewegte Versammlung geschlossen. Ausser der grossen zionistischen Protestversammlung fanden in London einige vielbesuchte Versammlungen statt, in denen ebenfalls der Abscheu und das Entsetzen, das die russischen Massakers in England hervorgerufen hatten, zum Ausdrucke kamen. So fand am 19. November in der Great Assembly Hall ein von der Ito veranstaltetes Protestmeeting statt, in dem Zangwil'ii zum ersten Mal als Präsident dieser Organisation öffentlich sprach. Zaragwill besprach in eurer langen, mit Beifall aufgenommenen Rede die Vorfälle in Russland und brachte eine Resolution vor, in der die russischen Massakers mit Abscheu verurteilt werden und ausgesprochen! wird, dass die Errichtung eines autonomen jüdischen Landes zur allmähligen Aufnahme der unterdrückten Juden unter englischer Oberherrschaft die einzige Lösung der russisch-jüdischen Frage sei. Auch Mrs. Zangwril trat für einen Anschluss aller an die Ito ein, indem sie auf die trostlose Lage in Russland und die immer .stärker werdende antisemitische Stimmung in Amerika hinwies. Max Langermann brachte folgenden interessanten Brief Chamberlains zur Verlesung. „Lieber Mr. Langermann! Ich bestätige den Empfang Ihres Briefes vom 10. November und versichere Sie in Erwiderung desselben meiner aufrichtigen und dauernden Sympathie mit dem jüdischen Volke, das gegenwärtig so grausam unterdrückt wird und meiner Bereitwilligkeit, zu jeder in meiner Macht stehenden Unterstützung jedes Planes, der eine Hoffnung auf praktische Erleichterung seiner Leiden bietet.

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