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Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 „fci* & w^it Nr. 48 dium und die, Redoertribüne waren schwarz verhängt^ Dem Vorsitz führte kais. Rat Anninger. Zuerst nahm, von Beifall begrüsst, Oberrabbiner Dr. Güdemann das Wort. Der Redner charakterisiert© in scharfen Worten die russischen Greuel. Vor sechs Jahren, sagte er, habe er in einer grossen Versammlung namens der Judenschaft, den Kid abgelegt, dass die Blutbesehuldigung ein Märchen sei. Auch, heute führt uns vergossenes Blut zusammen,. aber kein erdichtetes und erlogenes, .sondern das in erschütternder1 Wirklichkeit zum Himmel schreiende Blut der erschlagenen russischen Glaubens- und Stammesgenossen. Seltsam sind die Wege des Schicksals: die Rollen sind vertauscht, statt als Verteidiger müssen wir heute als Ankläger auftreten. Unsere Religion verbietet uns die Rache. Aber sollen wir die Hilfe der Staatenlenker anrufen? Es entsteht die Frage, ob die sich denn selbst helfen können., Das Unglück der Juden, so himmelschreiend es ist, wird die Diplomaten nicht in Bewegung setzen, und dass die Judenschaft selbst Rechenschaft fordern könnte für1 das vergossene Blut, dazu müsste die messianische Zeit gekommen sein, da. nach Mosenthals Wort „Christen und Juden Menschen sein" würden. Einstweilen besteht ein gewaltiger Unterschied, nicht bloss bei Lebzeiten, sondern auch, wenn wir gemordet werden. Wir müssen das Defizit an Gerechtigkeit aus eigenem bestreiten, und wenn man uns dann Solidarität vorwirft, so ist es schlimm, dass sie nicht schon durch eine Solidarität aller Menschen überflüssig gemacht wurde. Will man uns nebst anderen Rechten auch noch das Recht auf Mitleid streitig machen? Mancher wird vielleicht fragen, was dieser gemeinsame Aufschrei des grenzenlosen Jammers, der; aus der ganzen Welt schallt, denn nützen soll? Doch wer möchte so überlegt und berechnend genug sein, solches zu erwägen: Hat je ein Mensch, der eine Spur von Empfänglichkeit hat für fremden Schmerz, im Augenblick, da die Gewalttat den Schmerzensschrei erpresst, gefragt, ob der Schmerzensschrei auch nützen werde? (Stürmischer Beifai.) Mit teuflischer Berechnung hat man diese Grausamkeiten zur Befriedigung und Ablenkung der rohesten Instinkte herbeigeführt (Pfuirufe) und unser Aufschrei wird nicht wirkungslos verhallen. Einmütig und ' in Ehrfurcht erheben wir uns (die Versammlung erhebt sich) vor den Seelen der Hingeschlachteten, die ihr Leben nicht um den Preis ihrer Ueberzeugung erkaufen wollten. Und mit voller Zuversicht stimmen wir ein in den Ruf, der im Sterben über ihre Lippen drang: „Höre, Israel!" Der Rede des Oberrabbiners folgte starker Beifall. Kaiserlicher Rat Ruzicka sagte: Nach den Toten müssen wir der Ueberlebenden gedenken. Wir wollen nicht Leidenschaften wecken in diesem grossen Kreise, denn noch zittert jeder Nerv von den Hiobsposten, die nicht aufhören wollen. Sie haben ihr Blut vergossen für die Freiheit .— jetzt wird uns die Rechnung präsentiert. In die „Alliance" kam vor einigen Tagen eine arme Frau und brachte ihren Wochenlohn, ein Fünfkronenstück als Opfer: eine Krone Hess sie sich zurückgeben. Davon wolle sie leben in dieser Trauerwoche. Tue jeder seine Pflicht! Hierauf ergriff, von stürmischem Beifalle wiederholt unterbrochen, Herr Architekt Oskar Marmorek das Wort: Ich werde es als Glück meines Lebens preisen, dass einer dei hervorragendsten russischen Juden mir seine wärmste Freundschaft entgegenbringt. Es ist ein Mann mit schneeweissem Haar, der ein langes, schweres Leben hinter sich hat. Fr ist Arzt und fasst diesen hehren Beruf nicht bloss als Verdienstberuf auf, sondern in der ganzen Grösse, die in diesem Worte liegt. Seit jeher widmete er seine ganz besondere Tätigkeit seinen Stammesbrüdern, denen er Arzt, Freund und Bruder in allen Stunden ihres schweren Geschickes war. Von Geburt mit einem goldenen Herzen ausgestattet, hat ihn das viele Leid, das er geschaut, noch milder und gütiger gemacht. Als, ich diesen Mann um das Beiinden seiner Familie in diesen kritischen Tagen frug, antwortete er mir in einein Schreiben, das mit den Worten beginnt: „Verflucht der Tag, an dem der erste Jude Russlands Bodeni betrat, Fluch dem Lande, das ein solches Volk hervorgebracht, Fluch der Regierung, die ein solches Volk gezüchtet hat. (Stürmische Entrüstungsrufe gegen die russische Regierung)." Der Arzt schildert dann, wie er, von christlichen Freunden beschützt, aus einem Fenster fürchterliche Szenen. mitansah, und was er nun schildert, ein Dante hat es in der. Beschreibung der Hölle nicht schrecklicher gezeichnet. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der Ereignisse, was er von dem Fenster der Wohnung" aus gesehen, in der er, der auch den Christen seiner Stadt liebevolle und teuere Arzt, von mildtätigen Christen versteckt wurde. Dieser kleine Ausschnitt zeigt Bilder, wie sie kaum glaublich sind. Was muss vorgegangen sein, dass dieser edle Menschenfreund solche Flüche ausstossen konnte! Aber nein, wir! können, wir dürfen nicht bloss weinen, sondern müssen handeln, wir müssen helfen und unseren Brüdern Rettung bringen. Auf die ersten Nachrichten hin eilten wir Juden in die Tempel, um zum Gotte Israels zu beten, dass er Trost und Hilfe bringe den Unglücklichen unserer Brüder. Aber die Gefahr ist noch nicht vorüber. Denn noch hat sich das Bauernvolk nicht gerührt. Was bisher in Russland vorgegangen ist, war das Werk der Bureaukratie, die sich in ihren Interessen bedroht fühlt, ja, war das Werk der höchsten Kreise. (Beifall.) Eine Horde von 90 Millionen Bauern steht noch im Hintergrunde, die Bestie in ihnen wartet auf den Augenblick, um hervorzustürzen. Wenn die Bewegung aufs flache Land übergegriffen hat, was erwartet dann unsere Brüder? Kischenew, Hornel, Schitomir, allLe die Namen in der Märtyrergeschichte der Juden sind kleine) Trunkenheitsexzesse gegenüber all dem, was jetzt vorgefallen ist, wo man die Opfer am Toten nach Tausenden, die Verwundeten nach Hunderttausenden zählt, wo die Zahl der zugrunde gerichteten Existenzen unüberblickbar ist und dreissigtausend Waisenkinder ohne irgendwelche Hilfe zurückgeblieben sind. Aber das jüdische Herz, das nie versagt, die jüdische Hand, die immer gibt, sie greifen auch hier ein — wir müssen es anerkennen). Aber wo sind die anderen Völker, für die wir so oft und so viel gegeben haben? Wir erwarten das gleiche jetzt von ihnen und wir müssten an der Menschheit verzweifeln, wenn jene andern diesmal nicht zuhilfe kämen. Wie gross auch die Summen sein werden, die wir zusammen bekommen, es wird doch nur ein Tropfen in dem Meere der Not sein und wird den ganzen grossen Schaden nicht ersetzen können. Sollen wir die Läden wieder mit Waren füllen, damit die Räuber sie bei nächster Gelegenheit wieder finden und plündern? Ist es nicht an der Zeit daran zu denken, dass mehr geschehen muss, die Solidarität, die man uns fälschlich zuschreibt, diesmal bewusster zu bekunden und positive Arbeit zu leisten notwendig ist? Unsern Brüdern wollem wir nicht bloss augenblicklich e, sondeirn dauernde Hilfe bringen. Darum, Ihr Juden von Wien, haben wir Euch hierher gebeten; nicht bloss zur Kundgebung Eueres Schmerzes, sondern auch zur Kundgebungt Eueres Willens. Es gilt, Millionen von Existenzen, die direkt vom Untergang bedroht sind, zu retten, nach welcher Richtung es immer sei. Es ist nicht der Ort hier, über die Art dieser Hilfe zu sprechen. Aber ich denke an die vielen Juden, die unbedankt andern Völkern Vermögen und Kräfte widmen. Sie mögen doch dem eigenen Volke helfen, sie mögen raten, den Ausweg aus dieser schweren Lage mit uns suchen. Die einen meinen, es sollen und müssen die Juden in Russland selbst die Gleichberechtigung und damit die Möglichkeit zum Ausleben erlangen. Gewiss wäre esschön, wenn der ersehnte Vöiikerfrühling käme, und die Juden in Russland ihn erwarten könnten. Glauben die Juden in Russland an diesen )

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