Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316181--47545-3342422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 48 „oi* $ weit" * e te 8 stände der Vorstände der jüdischen Vereine gescheitert ist, dass auch hier in der jüdischen Bevölkerung ein warmes jüdisches Herz schlägt, dass auch hier bei der grossen Masse der Juden das Entsetzen, das jeder Mensch ob der russischen Ereignisse empfinden muss, gepaart ist mit der ehrlichen Entrüstung, dass solches geschehein konnte und der furchtbaren Erkenntnis, warum solches geschehen durfte." In warmen Worten dankte dann der' Redner den Herren des Engeren Aktionskomitees^ die aus ihrer Beratung, ohne sich auch nur die geringste Ruhe zu gönnen, zur Versammlung geeilt waren. Er begrüsste insbesondere den neugewählten Präsidenten der zionistischen Organisation, David Wolffsohn, den die Kölner Ortsgruppe stolz sei, zu ihren Mitgliedern zählen zu dürfen. Er gedachte der Schritte, die seitens des Aktionskomitees und insbesondere seitens des Präsidenten zur Linderung der Not unserer unglücklichen russischen Brüder und zur Rettung ihrer Existenz getan worden seien, und sprach zum Schlüsse das Gelöbnis der Ortsgruppe aus, treu und vertrauensvoll zur neuen Leitung stehen zu wollen. „Esist eine furchtbare Zeit, aber es ist auch eine grosse Zeit. Zeigen wir, dass wir sie verstanden haben, arbeiten wir, dass auch unserm Volke die Freiheit erblüht, die jetzt dem russischen Volke geschenkt wird, die Freiheit, die unbeschränkt und festgesichert uns nur da erreichen wird, wo unsere Sehnsucht uns hinzieht, wo unsere Kraft ihre Wurzeln hat, in Erez Israel." Nach dem warmen Beifall, der den Worten des Vorsitzenden folgte, nahm zunächst, lebhaft begrüsst, David Wolffsohn das Wort. In erschütternden Worten malte er den lauschenden Zuhörern das Elend vor, dass die gesamte Judenh-eit Russlauds getroffen habe. Unerhört sind die Greuel, die verübt worden sind, die menschliche Sprache kennt keine Worte, um die Schandtaten zu schildern, deren Opfer unsere unglücklichen Brüder waren. Grenzenlos ist das Unglück des jüdischen Volkes. Allein, verlassen steht es inmitten der Feindschaft, die es umgibt und die nur den Augenblick erwartet, sich auf die Wehrlosen zu stürzen. Wahrlich, es tut not, dass das jüdische Volk sich ermannt, sich aufrafft, und das Werk der Erlösung selbst in die Hand nimmt, auf die es jetzt zwei Jahrtausende untätig gewartet. Zur erschütternden Anklage aber wurden die Ausführungen des Präsidenten, als er der Umstände gedachte, die das Zerstörungswerk in Russland begleiteten und es zu dem entsetzlichen Versuche einer unfähigen Beamtenschaft stempelten, die Revolution dar Russen im Blute der Juden zu ersticken. Ani gleichen) Tag und zur selben Stunde sind in fast ganz Russland die Metzeleien losgebrochen. Nicht das Volk war es, das etwa seinen Hass befriedigte, sondern die organisierten Scharen arbeitslosen Gesindels, die, angeführt von Polizisten, und unter dem tätigen Schutze des Militärs, die Wehrlosen schlachteten und sich an ihrem Gute bereicherten. In diesem Lande kann dem Juden »niemals Rettung blühen. Niemals wird das Land ihm Heimat werden, in dessen Boden die Gebeine seiner gemordeten Kinder modern. Die Not des russischen Juden treibt ihn aus dem Lande des Schreckens zu der Stätte seiner Sehnsucht, zu dem Lande seiner Väter, und dort, nur dort wird er wieder gesunden. Es ist hier nicht der Platz, die tiefe Wirkung ausführlich zu schildern, die die Worte des Präsidenten auf die Schar der Zuhörer ausübte. Als er aber früh schloss, um noch den anderen Herren des Aktionsko-mitees, die teilweise noch an demselben Abend abreisen mussten, Zeit zu einer Ansprache zu lassen, war wohl keiner in der Versammlung, der nicht gewünscht hätte, dass er noch länger spräche. Hern Dr. Marmorek sprach darauf und gewann sich auch hier die Herzen der Zuhörer im Fluge. Seime kurzen, kernigen Ausführungen fanden volles Verständnis und reicher Beifall, der sich immer wiederholte, lohnte seine Ausführungen. Herr Greenberg sprach englisch, d. h, er sprach sehr gut. Er gedachte der Unmenge Blut, die das jüdische Volk schon vergossen habe, der jüdischen Geschichte, deren Seiten mit Blut durchtränkt seien. Und er fragte, wann wohl dieses Elend, dieser fortwährende Mord an einem unglücklichen Volke Ende nehmen werde. Nicht eher, so sagte er, bis auch wr in der Lage sind, unsere Volksgenossen zu schützen, bis wir die Heimat haben, die uns die Macht gibt, überall in der Welt das Recht für unsere Brüder zu fordern, das man nur dem gibt, der auch die Gewalt hat. Herr Professor Warburg verbreitete sich über die Geschichte der zionistischen Bewegung, die all das schon vor langen Jahren vorausgesetzt habe, was heute geschehen sei. Und doch sagt man, wir seien Phantasten, unsere Idee sei eine Utopie. Aber wie wir in den Tatsachen Recht behalten haben, leider Recht behalten haben, so ist es wahr, wenn wir unser Land Palästina als ein aussichtsvolles bezeichnen, dass durchaus in der Lage ist, unsere Brüder aufzunehmen und zu ernähren. Der Schlussredner war Herr Ussischkin. Er fand von vornherein vollste Aufmerksamkeit, war er doch ein Blutzeuge, ein Mann, der den Jammer mit eigenen Augen gesehen hatte. Mit äusserster Spannung folgte die Versammlung seinen Ausführungen über die Gemetzel, nur hin und wieder hallte ein Entrüstungsschrei durch den Saal und störte die furchtbare Stille des Entsetzens ob solchem Bericht. Und wiederum lauschte man angestrengt, als er von der jüdischen Selbstwehr sprach, jenen Makkabäern, die Leib und Leben eingesetzt haben, nicht nur zur Verteidigung ihrer Person, nicht nur zur Rettung ihrer Eltern und Geschwister, nein auch zur Ehre des jüdischen Namens. Und mancher mochte wohl die Augen niederschlagen, als der Redner an das altjüdische Gesetz erinnerte, das verlangt, „dass die Grossen, die Priester, die Magnaten! der Gemeinde sich verantworteten, wenn ein Totschlag geschehen und der Täter unbekannt war." Und wenn wir heute die zehntausend Leichen unserer russischen Brüder bringen und wenn wir unsere Grossen, unsere Rabbiner, unsere Reichen fragen, dann sind sie nicht imstande, ihre Hände zu erheben und zu sagen;: Nicht schuld sind unsere Hände an dem Blute dieser Erschlagenen! Eine furchtbare Verantwortung ist auf sie geladen, gebe Gott, dass dieses grauenhafte Unglück sie dessen bewusst macht." Mehr als eine Träne war geflossen, während des Berichtes des Herrn Ussischkin und unaufhörlicher, immer sich erneuernder Beifall zeigte, wie sehr er die Zuhörer mit sich fortgerissen hatte. Der äusserst ungeschickte Versuch eines Herrn Bier, in seiner Eigenschaft als Repräsentant der Gemeinde und als Deutscher dem tieferen Eindruck der Veranstaltung zu stören, scheiterte an dem lauten und entrüsteten Widerspruch der Versammlung und fand nachher seitens des Nichtzionistea Dr. Apfel und auch von Wolffsohn selbst eine so treffende und scharfe Zurückweisung, dass dem Herrn die Lust zu ähnlichem Versuch wohl vergangen sein dürfte. Mit einem Dankesworte des Vorsitzenden an die Redner und einem Mahnworte an die Versammlung schloss der ausserordentlich wirkungsvolle Abend. Für die Ortsgruppe Köln: Dr. B. Wien. Die B. B., die Oesterr. isr. Union und die zion. Organisation veranstalteten Sonntag im Sophiensaal, dem zweitgrössten Saale Wiens, eine Protestversammlung gegen die Judenmassakers in Russland. Der Riesensaal war dicht gefüllt und auf den Galerien war eine grosse Zahl von Damen zu sehen. Mehr als 4000 Personen waren anwesend; an 2000 mussten wegen Raummangels zurückgewiesen werden. Von der Saaldecke herab flatterten schwarze Trauerflaggen. Das Po-