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Die Welt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bie # weit" Nr. 48 versammeln, um Klagelieder anzustimmen und Mitleidsgroschen zu opfern, dass die herzzerreissende Monotonie dieses Rhythmus sich immer wieder erneuere. Einmal muss endlich dieser tödlich monotone Rhythmus unterbrochen werden. Stellen wir fest: Die Spenden, die an den Türen des Sofiensaales gesammelt wurden, haben im besten Fall als Sühngelder für verwirkte Mitschuld an den russischen Judenhinschlachtungen zu gelten. Stellen wir fest: Ablassgelder, wie sie einst die katholische Kirche in Deutschland einheben Hess, Ablassgelder für Sünden der Zukunft gibt's bei uns Juden nicht. Stellen wir fest: Die Versammlung im Sofiensaale war die letzte, die sich mit Vergesslichkeit und üngiäubigkeit ausreden durfte. Das wird von jetzt ab nicht mehr möglich sein. Von jetzt ab stehen die Juden unter schwerster Verantwortlichkeit. Sie haben in riesigen Versammlungen die 25.000 Märtyrerleichen „zur Kenntnis genommen". Was sie fortab tun oder unterlassen, das wird die Geschichte zur Kenntnis nehmen. Sie haben für die Hinterbliebenen der Märtyrer Geld gesammelt — schön. Sie müssen aber jetzt sich sammeln zu einem Schutzheer für die ärmsten ihrer Brüder, zu einer Befreierschar, die die Söhne der Gemordeten den Söhnen der Mörder entführt, sie hinführt in ein Land, wo sie als Menschen leben und an der natürlichen Grenze ihrer Tage sterben dürfen. Die Juden wissen ganz genau, dass der Kern eines solchen Schutz- und Befreiungsheeres schon besteht, dass sie sich an eine feste Phalanx nur anzugliedern brauchen, sie wissen, dass der Einberufungsort für solche Juden, deren Gewissen die Mitschuld an der Judenschlächterei nicht mehr erträgt, im Stadthause der Schweizeratadt Basel sich befindet, dass man sie immer dahin gerufen hat und noch immer ruft — werden sie jetzt endlich kommen? Wir rufen die Wiener Judenschaft auf den Weg, der vorn Sofiensaale nach Basel führt. Weil aber die Wiener Juden seit jeher gar zu optimistisch, gar zu vergesslich und ungläubig waren, wollen wir unseren Ruf verstärken. Wir sagen ihnen also: Die in der Sofiensaalversimmlung begehrtelntervention der europäischen Parlamente wird nicht erfolgen, und wenn sie erfolgte, würde sie nichts nützen. Sie könnte im allerbesten Falle die Judenmorde der nächsten Tage oder Wochen einschränken» Aber beim besten Willen kann die russische Regierung den russischen Judenhass nicht aufheben. Kein Manifest, kein Staatsgesetz vermag das. Die europäischen Parlamente mögen intervenieren, so viel sie wollen: Die Judenmorde, die in zwei Jahren, in vier oder sechs Jahren sein werden, vermag ihre Intervention nicht zu verhindern. Ihre Intervention kann immer nur post festum der Mörder und Plünderer kommen. Nebenbei: Auch wir Zionisten wenden uns an das politische Europa. Aber wir verlangen vou ihm nicht das Unmögliche und Unnütze, sondern das Mögliche und Notwendige. Wir verlangen von ihr bloss die Unterstützung unseres Planes, die Juden, die sich weder körperlich noch seelisch morden lassen wollen, in die frische Luft eines eigenen Landes zu führen. Und es hängt unter anderem auch von euch ab, ob unserem Plane diese Unterstützung auch verwirklicht werde. Russland, dessen Staatsmänner ausserstande sind, die Ermordung wehrloser Juden zu hindern, ist gleich der erste Staat, dessen Diplomaten ein wahrhaftes, das heisst ein zionistisches Judentum mit aller Kraft unterstützen würden. Das ist keine Phantasie. Unserem Herzl ist es von dem damals mächtigen Plehwe mit runden Worten gesagt worden. Uud wie froh wäre heute Graf Witte, wenn wir den schweren Pack Sorgen um eine der schwersten, um die russische Judenfrage erleichtern würden! Wir müssen jenem Optimismus den Weg verlegen, der trotz allem, was jetzt in Russland geschehen ist, sich mit der Hoffnung beruhigen möchte, dass die jüngsten Judenmorde der letzte Ausbruch einer nunmehr überwundenen Volkskrankheit seien. Vielleicht gibt es wirklich noch so verbrecherische und hoffnungselige Juden. Denen muss gesagt werden, dass die vielgenannten Hooligans bloss eine Avanttruppe sind; dass es in Russland noch neunzig Millionen Bauern gibt, mit frischen, vom Jadenmord noch unermüdeten Häuptern; neunzig Millionen Bauern, deren Seelen seit Jahrhunderten an den Wolfsbrüsten des finsteren Aberglaubens genährt wurden. Von diesen Millionen Bauern haben die meisten den Juden noch garnicht zu Gesicht bekommen. Sfe werden diese zu Mord und Plünderung auffordernde Spezies erst jetzt kennen lernen, wenn Graf Witte seine Absicht durchführt und den Juden das Wohnrecht in ganz Russland verleiht. Die Juden kehren aus den übervölkerten Städten, wo ihre zusammenhängende Masse ihnen einigen Schutz gewährte, in die freie Natur zurück, in die von jedem Schutze, jeder Sicherheit freie Natur des russischen Bauerntums. Und bis der russische Konstitutionalismus, der verbesserte Volksschulunterricht und die Aufklärungsarbeit ihre Wirkung getan, bis aus den russischen Bauern Mosenthalsche Menschen geworden sind, gibt's keine russischen Juden mehr. Der jüdische Optimismus muss endlich erkennen, dass er, wenigstens was die russischen Juden betrifft, eine verfehlte Weltanschauung ist. Es bleibt wirklich nichts anderes übrig: Die Juden müssen Zionisten werden. Dr. B. F. Trauerversammlungen. Köln. Anlässlich der Tagung des Engeren Aktionskomitees fand am Dienstag abends eine grosse öffentliche Versammlung deir hiesigen Ortsgruppe statt, die einen ausserordentlich würdigen und imposanten Verlauf nahm. Ueber 800 Personen waren der Einladung gefolgt, der grosse Saal der Rheinlandloge, der bei dieser Gelegenheit der Ortsgruppe zum ersteumale zur Verfügung gestellt war, reichte nicht, um alle Erschienenen zu fassen. Auch eine Anzahl unserer Freunde aus den Nachbarstädten waren gekommen, um unsere Führer zu begrüssen und Zeugnis davon abzulegen, dass der zionistische Qedanke auch in den Rheinlanden festen Boden gefasst hat. Begreiflicherweise lag eine ernste Stimmung über der Versammlung, als Heir Dr. Bodenheimer gegen halb 10 Uhr die "Versammlung eröffnete und zunächst die Herren des Engeren Aktionskomitees begrüsste, die trotz der anstrengenden Arbeit, die sie in dreitägiger ununterbrochener Beratung geleistet hatten, doch noch zur Versammlung gekommen waren. „Es war uns nicht möglich" — führte Herr Dr. Bodenheimer aus — „unsere ursprüngliche Ansicht wahr zu machen und die Herren des Engeren A.-C. mit einer festlichen Veranstaltung zu begrüssen. Es sind Dinge sofurchtbarer Natur, so entsetzliche Ereignisse sind geschehen, dass uns wahrlich nicht festlich zu Mute ist. Sohaben wir Sie heute zu einer einfachen, Versammlung geladen, nicht um Propaganda für unsere zionistische Idee zu machen, denn leider sprechen die Tatsachen eine so schrecklich deutliche Sprache, dass es verfehlt, dass es nicht würdig wäre, auch noch unserseits auf die Beweiskraft ausdrücklich hinizuweisen, die diese Ereignisse unserer Sache geben. Aberi wir haben unseren Führern zeigen wollen, dass auch hier in Köln, wo die beabsichtigte öffentliche Protest Versammlung gegen die Judenmassakers an <tem Wider-

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