Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Tflrktnstrasst Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Priiii dar Antigen : laut aufLi«g«nd«m Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag «abends gesehlosseia Einzelne tisi»£§ar» 3Q*ta||sir. Bcmifienpaien* Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: 0&tiyo|Ji Deutschland ganzjährig Mk, 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7,—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypter? ghazjährig Frcg.17»—* halbjährig Pres, 8.50, vierteljährig Frcg. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli 1.70, vierteljährig Doli. -.85, Nr. 48. Wien, I. Dezember 1905. — 3. Kisiev 5666. 9. Jahrgang. Beschluss des Aktionskomitees. Das Aktionskomitee hat beschlossen, zur Beratung über die Lage der Juden in Russland eine allgemeine jüdische Konferenz einzuberufen mit dem einzigen Punkte der Tagesordnung; Die Lage der Juden in Russland, Die Konferenz wird am Montag den 29. Jänner 1906 in Brüssel stattfinden. Mitschuld am Morde. (Ein Epilog zur Trauerversammlung im Wiener Sofiensaal.) Einer der Redner der grossen Trauerversammlung im Wiener Sofiensaale hat feierlich erklärt, dass die Rache uns Juden von Religions wegen verboten sei. Lassen wir's gelten: auch wenn wir uns über dieses eine Verbot unserer Religion hinwegsetzen wollten, würden uns ja doch die Mittel fehlen, leider fehlen, um unsere Racheempfindung zur Tat umzugiessen. Hätten die Herren in St. Petersburg, die die Orders zum Judenmord erliessen, und jene in den Provinzen, die die Orders mit solch wonniger Bereitwilligkeit erfüllten, hätten alle diese Mordanstifter, Mörder und Plünderer Grund gehabt, sich vor einer jüdischen Rache zu fürchten, so wäre entweder gar nicht oder erheblich weniger gemordet und geplündert worden. Aber hinter dem Willen zur Rache muss die entsprechende Macht stehen, und das jüdische Volk in seinem jetzigen Zustande hat keine Macht. Begeben wir uns also fürs erste aller Rachegedanken. Aber diejenigen, die zu wenig religiös oder zu leidenschaftlich und männlich sind, um die Rache aus Prinzip abzuschwören, mögen wenigstens an der Macht ihres Volkes arbeiten. Das ist doch in keinem unserer Gesetze verboten, nicht wahr? Derselbe Redner hat aber derselben Versammlung zugemutet, sie sei zusammengetreten, um zu klagen, nicht um anzuklagen. Das sind wir allerdings nicht gewillt, widerspruchslos zuzugeben. Wir sind nicht zusammengetreten, um die Mörder anzuklagen? Und doch ist gerade dies in der Versammlung ausreichend geschehen. Die Stimmen der Trauernden, im tiefsten Herzen Empörten erhoben sich, um die himmelan schreiende Stimme des vergossenen Blutes zu verstärken. Aber der eigentliche Sinn der Versammlung war eine Anklage anderer Art. Vielleicht wussten von dieser Anklage nicht alle Einberufer und nicht alle Versammlungsteilnehmer. Aber sie hing wie eine düstere Wolke über Redner und Hörer , . . Die Anklage auf Mitschuld an den Juden morden in Russland. Diese Anklage ist nicht leichtfertig erhoben, sie ist wohlbegründet. Sie stützt sich auf hunderte, auf tausende von Zeugen. Diese Zeugen — es sind dieselben Juden, die sich in so imposanter Menge im Sofiensaale zusammengefunden haben, um den fernen Gräbern ihre Trauer zu weihen und gegen die elenden Mörder klagend die Hände zu erheben. Wann sind sie jemals in solch imposanter Menge zusammengetreten, um über das Schicksal noch nicht erschlagener russischer Juden zu beraten? Um die russischen Juden, ihre armen, ewig bedrängten, ewig bedrohten Brüder, vor diesen und vor künftigen Morden zu bewahren? Haben alle diejenigen, die am Sonntag im Sofiensaale klagten, aber, Gott bewahre! nicht anklagten, zur rechtenZeit ihr Scherflein beigetragen, um jüdisches Leben vor jämmerlichem Untergange zu retten? Mögen sie es heute mit ihrem Gewissen ausmachen, wenn es die Anklage auf Mitschuld an den Judenmasakers gegen sie erhebt! Mögen sie sich damit zu rechtfertigen versuchen, dass sie an die Möglichkeit solcher Greuel nicht geglaubt, nicht gedacht haben: dass sie Kischenew (und zwar das vor zwei Jahren, denn seither hat es sich zum zweitenmal in das jüdische Martyrbuch eingezeichnet) für einen blossen Zufall, nicht als Symptom, nicht als Warnung betrachtet haben; dass sie andernfalls ihr Möglichstes, ihr Aeusserstes getan hätten, um den Judenmorden dieser Tage vorzubeugen, um den russischen Juden eine Zufluchtsstätte zu bereiten oder doch vorzubereiten! Aber das eine ist klar: Dieser einzige Weg der Rechtfertigung und der Verteidigung steht ihnen nur unter der Bedingung offen, wenn sie wenigstens jetzt erklären und beweisen, durch die jüngsten Judenmassakers gewarnt, belehrt und überzeugt zu sein. Denn das geht nicht mehr weiter an, dass sich immer wieder ein paar tausend Juden erschlagen lassen, dass wir darauf uns immer wieder