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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 bis # weit11 Nr. 47 immer dutzendweise herum als die traurigen Kronzeugen nationaler Selbstentmannung und jüdischpolitischer Charakterlosigkeit. Bei allen poetischen und nationalen Kundgebungen der deutschen) Studentenschaft stehen sie abseits oder kriechen in den letzten Reihen nach. Der schäbigen politischen Gesinnung entspricht die schäbige Rolle, in die sie sich ohne sonderliche Skrupel fügen. Die Geschichte der Judensperre in der deutschen Burschenschaft — in dem anderen Korporationen hat sie sich analog entwickelt — ist die Geschichte der jüdischen neuzeitlichen Assimilation. Alle ihre Merkmale werden in dem kleinen Kreise sichtbar. In Zeiten nationaler Gefahr lässt man die Juden mitlaufen, mitkämpfen, Opfer bringen, aber sie werden unbarmherzig .abgeschüttelt, wenn die Gefahr vorüber, das ersehnte Ziel erreicht ist. Die harthörigen und hartMutigen Juden wollen die nationale Tendenz des Reinig'ungsprozesses nicht verstehen. Sie bleiben picken und sind nicht wegzubringen. „Juden heraus!" ruft man drüben. „Wir sind ja doch ein einig Volk von Brüdern,4' lautet die schüchterne Antwort aus der jüdischen Ecke. Herr Bruno Weil schlägt dann die Hände zusammen über sdehe „Gemütsart". Ach nein, es ist die Gesinnungs- und Charakterart deutschjüdischen! Assimilantentums. R. N. Politische Rundschau. Das allgemeine Wahlrecht ist Jahresregent Oder wie der terminus technicus jetzt lautet: Es ist auf dem Marsche. Der zwölfstündige Generalstreik, der am 28. November, am Tage der Parlamentseröffnung, den politischen Willen der organisierten Arbeiterschaft unzweifelhaft dartun wird, wird diesen Marsch, der Oesterreichs innerpolitische Gesundung und Kräftigung bedeutet, beschleunigen. Die Juden standen bisher scheinbar abseits. Aber es ist gewiss, dass die überwiegende Mehrheit der politischreifen Juden, deren Blick über die Interessen der Heimatsgemeinde hinausreicht, sich bewusst ist der ungeheuren Bedeutung, welche die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für die jüdische Gesamtheit in Oesterreich haben muss. Die wirtschaftliche Zünftelei, die im bisherigen Kurienparlament in allen nationalen Lagern ihre rückständigen Vertreter fand, verliert in einem Parlament ohne Privilegien und Kurien an Nährboden und Gefährlichkeit Die Entwirrung der nationalen Frage rückt näher und befreit auch die Juden von einem sie mit eisener Gewalt umklammernden Druck. Und sie haben es nicht zu bedauern, wenn ein kräftiges, arbeitsfähiges Parlament den wirtschaftlichen Aufschwung im Reiche fördern und die kulturelle Entwicklung in ein rascheres Tempo bringen mithilft. Das Aufrollen der Wahlrechtsfrage hat an sich schon das politische Verständnis der österreichischen Bevölkerung vertieft und wird auch den politischen Sinn für das grosse nationale Problem schärfen. Gerade die Juden, die sich zu einer bewussten, zielsicheren Politik niemals aufgerafft haben, müssten es in erster Linie begrüssen, dass auch sie grosse politische, nationale Fragen mitzulösen und sich an ihnen politisch zu schulen Gelegenheit und die ernste Pflicht haben. Die freiheitlich gesinnten und modern denkenden Elemente der österreichischen Judenheit sind für das allgemeine Wahlrecht, wie sie für sozialen Fortschritt und kulturellen Aufstieg immer und überall sind. Sie sind's je nach ihrer politischen Sonderstellung mehr oder minder bewusst. Die Offiziellen der österreichischen Juden, die den Flügelschlag der Zeit weder innerhalb, noch ausserhalb ihres Volkes spüren, die mitgerissen werden von der Masse, wenn ihre Stunde schon längst vorüber ist, haben auch diesmal bis zum letzten Moment geschwiegen, und doch handelt es sich um eine Neugestaltung der Dinge, bei der direkt und indirekt auch Interessen der Juden berührt und beeinträchtigt werden können. Freilich mit ihrer Hintertreppenpolitik und Lesetreterei konnten sie in der Frage des Wahlrechtes den Juden nicht vorangehen. Da gilt der treffende Satz, der vor einigen Tagen über „Wahlrecht und nationales Interesse" in der „Arbeiterzeitung" zu lesen war: „Die Entwicklung und Kraft liegt in den Nationen selbst, in ihrer wirtschaftlichen Lage, nicht aber in den paar Männlein, die sie in irgend einem Saale durch schöne Reden und Handaufheben vertreten. Nicht die Vertreter geben der Nation, sondern die Nation gibt den Vertretern ihr politisches Gewicht, wenn auch nicht in der Kulissenpolitik des Tages, so doch in den grossen politischen Fragen des Staatslebens/ Die Wiener offiziellen Juden haben erst bei der Trauerversammlung für die russischen Opfer sehen können, wie viel Wahres an diesen Worten ist. Die nächste Zukunft wird sie es noch deutlicher lehren müssen. * He * Es genügt nicht, dass die Juden in Oesterreich die Wahlreform als die Inaugurierung freiheitlicherer Entwicklung begrüssen und fördern. Sie müssen von ihrem nationalem Standpunkt -aus bei der nationalen Neuordnung und Wahlrechtsgestaltung die Anerkennung der Juden als nationale Individualität anstreben. Die nationale Autonomie darf nicht durchgeführt werden, indem man über 1,000.000 Juden das nationale Selbstbestimmungsrecht konfisziert und sie ohne viel Federlesens de lege einfach zu Hospitanten anderer Nationen stempelt Der „Jüdische Arbeiter" tritt in seinen letzten Nummern auf Grund der galizischen Verhältnisse mit vollster Berechtigung für eine bewusst nationale Politik ein und warnt mit vollem Rechte vor einer Ignorierung des gegenwärtigen politischen Momentes, der, wenn nie, so jetzt ein Eingreifen der Jüdischnationalen g3bieterisch heischt. Es ist ein schreiendes Unrecht, dass, wie er schreibt, nach der offiziellen österreichischen Statistik in ganz Galizien kein einziger Jude mit jüdischer Umgangssprache angeführt erscheint. Galizische Juden sind demnach ausnahmslos „Polen", die nur polnisch sprechen. Wenn man solche krasse Geschichtsfälschungen bisher geduldet hat, so geschah es, weil die praktischen Folgen solcher erlogener Statistik bedeutungslos waren. Aber nun stehen die Juden vor der Möglichkeit, dass mit Hilfe solcher Statistik nationale Kataster für Wahlzwecke geschaffen werden und als dauernde Einrichtung die nationale Stellung der Juden umlügen und fälschen. So würde das bischen politische Macht, das die Juden Oesterreichs als national organisierte Masse beanspruchen dürfen und erlangen können, geraubt und sie abermals in fremdnationale Gruppen als das ewig geprügelte und verkürzte Streitobjekt eingepfercht werden. Die jüdische Politik, die in Oeslerreich verfahren, ziel- und kraftlos ist wie nirgends sonst, wartet auf das erlösende Wort, auf die entwirrende Tat. Der nationalen Gegenwartsarbeit wird endlich ein weites, der Arbeit wertes Ziel gesteckt, wenn angesichts der Geschehnisse, die uns in Mähren unvorbereitet gefunden haben und auf dem Boden des Parlamentes noch bevorstehen, eine kraftvolle Aktion für die jüdische Nationalität und ihre Autonomie eingeleitet und mit allen Mitteln der Propaganda durchgeführt wird. Es ist das erste, grosse und ernste Exempel auf die Lebensfähigkeit und Erfolgmöglichkeit der jüdisch-nationalen Parteibewegung in Oesterreich. Die Jüdisch-nationalen werden diesmal zeigen müssen,

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