Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.; 47 „bi* * Welt" Seite 9 Bewaffnung der Mitglieder zu denken begonnen hatte. Und dann — die vielen „Unglücksfälle". Bald da, bald dort entdeckte die Polizei eine Waffenniederlage und konfiszierte alles bis auf die letzte Patrone. Wie oft erhielten solche junge Leute Waffen in dieHände,die absolut mit ihnen nicht umgehen konnten, Unglücksfälle verschuldeten und so die Polizei zu neuen Hausdurchsuchungen und zur Auffindung neuer Waffenvorräte veranlassten. Es gab aber auch Fälle, wo die Waffen in die richtigen Hände junger Leute gelangten, und zur Ehre dieser jungen Leute sei es gesagt, dass das Vorgehen der Selbstwehr in solchen Fällen sich sehr nützlich und erfolgreich erwiesen hat. Die Ursachen der Misserfolge der Selbstwehr können vorläufig .folgendermassen erklärt werden: erstens durch den Mangel einer planmässigen Organisation infolge der Umwandlung der ganzen Frage; zweitens durch die mangelhafte Bewaffnung, und drittens dadurch, weil die Selbstwehr überall überrumpelt worden ist. Sie war weit davon entfernt, an den Tagen nach der Verkündigung der Freiheiten Pogrome zu erwarten. Wir erfahren aus allen Telegrammen, dass die Pogrome überall sofort nach den Manifestationen der revolutionären Gruppen erfolgt sind. Die Mitglieder der Selbstwehr gingen friedlich, ohne Waffen, und nichts Böses erwartend an der Spitze der Manifestanten. Doch sie wurden von den „schwarzen Hundert" überfallen, verwundet, verkrüppelt und auseinandergejagt, und dann erst, als die Führer aus Reih und Glied,geschlagen und auseinandergetrieben worden waren, begann überall der regelrechte Pogrom. An manchen Orten rafften sich die Mitglieder der Selbstwehr wieder auf und leisteten verzweifelten Widerstand, an anderenOrten fielen sie im ungleichen Kampfe, und als die Zerstörung der jüdischen Wohnungen, das Erschlagen der Greise, Frauen und Kinder begann, da gab es keine aufopferungsvolle jüdische Jugend mehr, welche unter anderen Verhältnissen ohne Zweifel bis auf den letzten Tropfen Blut Greise, Frauen und Kinder vor den Mordtaten des „schwarzen Hunderts" geschützt hätten. Ehre und Lob dieser wenn auch im Kampfe mit einem stärkeren Feinde unterlegenen jüdischen Jugend! Juden in der deutschen Burschenschaft. Nach landläufiger Auffassung ist Bismarck der geistige Vater des politischen. Antisemitismus' und Pfarrer Stöcker sein erster Prophet. Und man ist gewöhnt, auch die eigentümliche Spielart des studentischen Antisemitismus in die Rubrik des gesellschaftlichen oder Rasseinantisemitismus einzureihen und sein Werden gemäss dem Niedergange des politischen Liberalismus zu datieren. Wie ein ,.Juden in der deutschen Burschenschaft" betiteltes und im August d. J. in Strassburg erschienenes Buch von Bruno Wei beweist, spricht die ganze Entwicklung der Judenfrage in der deutsahen Burschenschaft gegen so schabloneuumäsSiiige Auffassung und Ruforizierung. Dieser scheinbar bedeutungslose Teil dar deutschen Judenfrage ist so alt wie die deutsche Burschenschaft und das Schlagwort vom Antisemitismus ist nur eine neue Bezeichnung für eine recht alte Sache. Das lehrreiche Buch verdankt seine Entstehung dem Streit um die konfessionelle Studenten Verbindung, der im heur.igje.ii Jahre auf Deutschlands hohen Schulen tobte. Es hat eine echt assimilatorische Tendenz. Der Verfasser hat vis längst vergilbten Jahrgängen burscheuschaftlicher Blätter, aus alten Statuten von Konventen und Verbänden, aus zahlreichen Büchern über die deutsche Studentenschaft wertvolles Material zusammengetragen,, um nachzuweisen, dass die deutsche Burschenschaft Juden „um ihrer Konfession willen4 seit jeher auszuschliessen. getrachtet habe, dass sie also selbst auf konfessiioneilem Standpunkte steine und kein Recht habe, gegen konfessionelle Verbindungen aufzutreten«. Bei konfessionellen Juden, die den nationalen Kern solcher Judenfragen gern und behaniläch übersehen, ist dieser Gedankengang nicht überraschend. Schon die ersten Burschenschaften, die um 1814 in Jena, Heidelberg, Tübingen, Halle entstanden, nahmen keine Juden auf, denn die christlich-deutsche Grundlage der Burschenschaft hatte den Ausschluss der Juden zur notwendigen Folge. In Erlangen wurde das ganz offen ausgesprochen: „Da die Burschenschaft eine Gesellschaft deutscher Jünglinge ist, so können nur Jünglinge deutscher Zunge Mitglieder werdon. Auch Juden als die Feinde unserer Volkstümlichkeit sind ausgeschiliossen." Es ist die altbekannte Melodie. Auf dern ersten vorbereitenden Burschentage, der im Jahre 1818 in Jena stattfand, ging der Rummel los. Der Kampf mn den Arierparagraphen, wie er heute heisst, entbrannte. Die überwiegend aus Theologen bestehende, ausgesprochen judenfeiiiidliche Richtung war anfangs in der Minorität, erzielte jedoch das Kompromiß, dass die Aufnahme von Nichtjuden den einzelnen Burschenschaften überlassen werden sollte. Die Heidelberger allein huldigten auch in der Praxis der liberalen Anschauung. Die extrem nationalen;, „teutonistisehen" Tendenzen der Burschenschaften ergaben sich auch daraus, dass ausländische Christeu ausgeschlossen waren. In die ersten Jahre der Mette mich scheu Gewaltpolitik fällt der Sieg der Teutonisten. Schon im Jahre 1820 war der Widerstand der „Liberalen" gebrochen, der Dresdenei Burschentag sanktionierte in aller Form den Arierparagraphen. Im Jahre 1831 kehrte der FrankfurterBurschenta^ zur freisinnigen Praxis der Heidelberger von 1818 zurück und einige Jahrzehnte herrschte Ruhe. Die Revolutionsjahre kamen, das deutsche Bürgertum erwachte und geriet ins radikaldemokratische Fahrwasser. Es war Schonzeit der Juden. Sie durften mitträumem vom grossen, deutschen Reich und vom Ghetto aus die Barrikaden der Feudalherrschaft untergraben helfen. Das Wartburgfest im Jahre 1848 sieht jüdische Burschenschaftsvertreter in stattlicher Anzahl in seiner Mitte. Und merkwürdig, kaum war das grossdeutsche Ziel erreicht, kaum hatte das Bürgertum gesiegt, tauchte die Judenfrage pünktlich auf, 'gab der deutschen Studentenschaft neue Ideale und Kampfziele. Im den achtziger Jahren, begann der Triumphzug des Antisemitismus, unter dessen Zeichen die deutsche Burschenschaft sich national auszuleben gedachte. Jetzt erst hängt die Entwicklung des studentischen Antisemitismus mit dem politischen Leben und Werden ausserhalb der Universität innigst zusammen. Der Sieg des Antisemitismus ist auf keinem Wirkungsgebiet ein so vollständiger geworden wie auf den Hochschulen, die gesellschaftliche Scheidung nirgends so scharf, verbitternd, vergiftend durchgeführt. Der Ausschluss der Juden aus der deutschen Burschenschaft war fast ausnahmslos eine vollendete Tatsache, bevor sie auch in konkreten Beschlüssen zum offenen Ausdrucke kam. Im Sommorseimester 1893 — zwei Juden standen damals in den Reihen aktiver Burschenschafter — war der Jahrzehntelänge Kampf zu Ende. Die deutsche Burschenschaft war judenrein. Wer darf zweifeln, dass sie es bleiben wird und bleiben will? Die Protestaktion der Alten.' Herren hat nichts gefruchtet. „Der durchaus nichtige und hohle Deutschheitshochmut," wie ein Burschenschafter im Jahre 1818 den germanischen Rassen dunkel nannte, hat auf der ganzen Linie gesiegt. Juden, die ein kleinwenig Sinn für Selbstachtung und Würde haben, muss eine weitere Zugehörigkeit zu dieser Burschenschaft als schmachvolle Zumutung erscheinen!. Fs haben sich: nicht nur in Deutschland Parasiten gefunden, die wie Rlietten an der ihnen feindlichen Korporation hängen blieben, sondern auch in Oesterreich gibt es trotz allem und allein jüdische aktive Burschenschafter, die auf ihrem deutscheis Schein beharren und neben dem Paradearier ihres Konvents dem verlogenen Burschenschaftsideal Selbstachtung und Vernunft opfern. Die komischen Outsiders der deutschnationale!] Bewegung lauten in Wien, Prag, ja sogar in Czernowitz noch