Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 „Di* Welt Seite Ü welche politische Kraft und nationale Energie in ihnen aufgespeichert ist. Es gilt, die politische Anerkennung zu eningen und der jüdischen Politik in Oesterreich neue Bahnen, neue Ziele zu geben. Der politische Moment ist günstig, ihn zu verpassen, wäre beispiellose, politische Unfähigkeit. Wohlan denn, auf zur ernster nationaler Arbeit und politischer Erziehung der österreichischen Juden! Der zweite zionistische Studententag in Lemberg. Auf Initiative der Lemberger zionistischen Studentenschaft wurde dorthin nach längerer Pause für den 5. d. M. der zweite Tag der zionistischen Studenten Galiziens zusammenberufen. Im grossen Jad-Charuzimsaale, wo Tags zuvor ein zionistischer Ball stattgefunden hatte, dessen blauweisse Dekorationen noch an den Wänden prangten, kamen etwa 200 Studenten aus allen Enden Galiziens zusammen, um einegalizische Studentenorganisation zu schaffen. Die jüdische Presse war vollständig, die nichtjüdische nur spärlich vertreten. Um 11 Uhr vormittags eröffnete jur. Heinrich Rosmarin die Versammlung mit einer überaus schönen kurzen Rede, worauf das Reglement des Kongresses durch Herrn jur. Kahan, derzeit Senior der Lemberger „Emunah" verlesen und von der Versammlung angenommen wurde. Nun folgte die Wahl des Präsidiums: jur. Rosmarin, Lemberg, Vorsitzender, jur, Herstein, Krakau und jur. Zinn, Tarnopol, Stellvertreter,Wieser, Mund, Gelehrter, Lauterbach, Sekretäre. Es wurden zwei Beschlüsse gefasst: 1. Resolution Schmorak: „Die Versammlung drückt der um ihre Freiheit kämpfenden Studentenschaft in Russland ihre innigsten Sympathien, den Freiheitsmördern jedoch und den „Schwarzen Hundertschaften" ihre tiefste Verachtung aus." (Grosser Beifall.) 2. Antrag Hirschbein : „Dem engeren Aktionskomitee, welches heute in Köln eine Sitzung abhält eine Begrüssungsdepesche zu schicken.' Hierauf verliest jur. Friedrich Aschkenazy sein Referat: „Ein Vorschlag für die Organisation der zionistischen Jugend". Referent beweist die Notwendigkeit einer derartigen Organisation in Galizien. Die allgemeine akademische Repräsentanz und die Studententage sind nicht genügend. Leere und Kraftlosigkeit sind auf der ganzen Linie bemerkbar. Die entstandenen akademischen Vereine stehen einander fremd gegenüber und arbeiten ohne einheitlichen Plan und entsprechende Ordnung. Die akademische Jugend fühlt jetzt ein Bedürfnis nach Organisation. Referent schlägt vor: Die Organisation umfängt alle zionistischen Hochschüler Galiziens und trägt den Namen „Herzl"; Zentrum Lemberg; Leitung: die dort befindliche zionistische Verbindung „ Emunah". Das Referat bot einen günstigen Boden dar dem darauffolgenden Referate: „Die Lage der zionistischen Jugend innerhalb der Partei", welches von seinem Referenten, Herrn phil. Meiseis, Krakau, zu einem förmlichen Kontrareferat umgewandelt wurde. Referent ist entschieden gegen eine allgemeine galizische Organisation. Wir haben weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit sie durchzuführen. Ersteres erfordert eine Einheit in der Idee, die wir, verschiedenen Klassen angehörend, nicht haben. Letzteres will grosse Energie und grosse finanzielle Kräfte haben, die wir doch keineswegs besitzen. Redner führt als Beweis den österreichisch-zionistischen Studentenverband an, der in der Agonie liegt. Er verlangt Organisation im Rahmen der Universitätsstädte, das heisst eine Lemberger und eine Krakauer Organisation und stellt auch einen dementsprechenden Antrag. Redner legt ferner eine sehr schwach begründete Resolution vor, die Versammlung solle dem „Misrachi" ihre Unzufriedenheit ausdrücken, was jedoch grosses Misebehagen in der Versammlung hervorrief. Redner schlägt dann unter anderem vor, die erwähnten Studentenorganisationen mögen Rednerschulen grün den, wo tüchtige Agitatoren zu erziehen sind. Endlich bespricht er das Verhältnis der Studentenschaft zu den Arbeitern und „Poale Zion" und stellt, von riesigem Beifall unterbrochen, den Antrag, es solle eine ständige Kommission gewählt werden, um in der Arbeiterschaft im poalei-zionistischen Sinne zu wirken. In der darauffolgenden Diskussion ergreift Referent Aschkenazy das Wort au einer kräftigen Replik. Darauf wird um l1/, Uhr nachmittags die Sitzung geschlossen, um erst um 4 Uhr wieder anzufangen. Fortsetzung der Diskussion. Es nehmen Anteil die Kollegen Lippe, Kahan, Pilzer, Orduwer, Reich, Tombak, Frostig, Schmorak, Meiseis, Aschkenazy. Letzterer stellt den Antrag: „Die Versammlung beschliesst die Organisation im Prinzip und übergibt die Ausarbeitung eines Statutes einem Komitee von fünf Mitgliedern/ Der Antrag wurde mit 49 gegen 32 Stimmen durch Erheben von den Sitzen angenommen. Igs Komitee wurden gewählt: Sommerstein, Frostig, Glücker, Gelehrter, Aschkenazy. Ueber den Antrag Meiseis dem „Misrachi" gegenüber wird auf Antrag Schmorak zur Tagesordnung übergegangen; der Antrag betreffs der ..Poale Zion" wird angenommen. Meiseis stellt nun den Antrag: „Die Versammlung beschliesse, dass ein Mitglied der zukünftigen Organisation nicht einem anderen, dem Zionismus zuwiderlaufende Tendenzen habenden Vereine und auch nicht der „Ito* angehören dürfe." Der Antrag wird ohne Diskussion angenommen. Koli. Tombak verliest nun sein Referat: „Das Verhältnis der zionistischen Jugend zur Kulturfrage-% welches die überraschende Entdeckung machte, dass „die hebräische Sprache und die jüdische Geschichte Fleisch vom Fleische un|d Blut vom Blute Israels seien" etc., ein entsprechender Antrag, Beifall, Diskussion — da fällt es Koll. P i 1 z e r, Krakau ein, folgenden Antrag zu stellen: „Hinsichtlich der Tatsache, dass das Duell nicht mit dem Kulturfortschritt übereinstimmt, beschliesst die Versammlung, den Angehörigen der Organisation die Pflicht aufzuerlegen, alle Zwistigkeiten nur mittels Schiedsgericht zu schlichten." Nun war der Sturm los. Die Lemberger „Emunah" stand auf „wie ein Mann", ihre Rechte zu verteidigen. Und nach einer langen, sehr aufgeregten Debatte, bei welcher es auch zu sehr unangenehmen, ja geradezu unziemlichen Auseinandersetzungen zwischen der „Emunah* und der „Judäa" kam, wurde die Resolution des Dr. Leon Reich angenommen: „Die Versammlung drückt ihr Bedauern aus über das Einreissen des Duells in der Studentenschaft und hegt den Wunsch, dass diesem Missbrauche möglichst gesteuert werden wird.* Unter tosendem Beifall wurde sodann der Boykott gegen das antisemitische, Von Judengeld leider unterstützte ,,Stowo Polskie" beschlossen. Dem folgte noch einBeschluss zugunsten des allgemeinen Wahlrechtes. Ein sehr interessantes Referat verliest Koll. Josef Löwenherz: „Die ökonomische Lage der jüdischen Jugend", in welchem er das ganze Elend der studierenden jüdischen Jugend in Galizien statistisch darlegte. Der Bettelstudent stand uns vor Augen ... Zu den grössten Uebeln gehören: Die Ausbeutung der Mundanten und dergleichen mehr und endlich der Mangel eines akademischen Heims. Es verlas noch Koll. Zinn, Tarnopol, ein schönes Referat über „Die physische Erziehung der jüdischen Jugend" und über deren grosse Wichtigkeit für das jüdische Volk, sowohl in Zukunft als auch in der schweren Zeit der Gegenwart... Leibesübungen und Turnen werden die Juden jungen in Jungjuden verwandeln. Unter Absingung allerhand zionistischer Lieder wurde um 11 Uhr nachts die Sitzung geschlossen. M. Chartiner. 9ribäi)e. (Für diese Rubrik Ist die Redaktion nicht verantwortlich.) „Jüdische Toynbehalle". Samstag den 25. d. 7[l2 Uhr abends findet im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde Fünfhaus, Turnergasse 22, der Vortrag Prof. Dr. Ehrmanns über „Kunst und Volksgeist" statt; demselben folgt die Auffuhrung eines Streichquartetts. Sonntag den 26. d. nachmittags wird die erste Kinderjause unter Leitung eines Damenkomitees, an dessen Spitze Frau Eman. Schnabel steht, abgehalten. Das Komitee wird bestrebt sein, den armen" Kindern nicht nur kulinarische Freuden zu bereiten, sondern ihnen auch durch Vorträge und Produktionen einen anregenden und erheiternden Nachmittag zu verschaffen.