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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 f^We # wtit Mr. 47 separatistischen Gedanken diente* Das bis du, radikale „Russ", die eine lange Zeit hindurch den nationalen Fragen in Russland — der polnischen, der armenischen — die volle Aufmerksamkeit schenkte, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass eine der verhängnisvollsten nationalen Fragen in Russland die Judenfrage sei..,. Das ist der Redakteur vom „Russ", der auf eine Anfrage: warum er nicht von den Juden schreibt, geantwortet hat: Er sei es einst gewesen, der in der antisemitischen Zeitschrift seines Vaters, der „Nowoje Wremja", die gehässigsten Artikel gegen die Juden geschrieben hätte, weil er geglaubt hätte, dass an allem Unheil, dass Russland getroffen hat, die Juden die Schuld trügen. Später freilich sei er zum Schluss gekommen, dass an Russlands Ungemach die allgemeine politische Not Schuld trage und habe seine Haltung den Juden gegenüber geändert. Aber von der Judenfrage speziell zu schreiben, findet er für unnötig, da er die Judenfrage für einen Teil der allgemein-russischen Frage halte, usw., usw. Schuld waren weiter alle radikalen und liberalen Elemente, die ihr Volk nicht kannten, die davon nichts hören wollten, was Juden angst- und ahnungsvoll voraussagten, dass beim Ausbruch einer Revolution in Russland das Volk sich auf die Juden werfen werde. Sie haben in ihrer Agitation, in ihrer Propaganda, in ihrem Worte an das russische Volk an das grösste, verhängnisvollste Vorurteil dieses Volkes vergessen — den wilden Judenhass vergessen. Sogar jetzt, schon nach dem, was geschehen ist, schreibt die liberale „Nascha Schisn" nur von russischen Brüdern, die hingemordet werden. Als ob sie fürchteten, die Sache beim richtigen Namen zu nennen! Ja — es waren anch Russen, die zum Opfer fielen — viele der besten Söhne des russischen Volkes haben ihr Leben dem Vaterland geopfert. Aber das, was uns erschüttert, was uns in die Tiefen der Verzweiflung geschleudert hat — das ist das Morden, das Schlachten, das Plündern der Judenmassen seitens des Volkes, seitens der Massen, an dem nicht nur »Hooligans", sondern — wir müssen es uns gestehen — Arbeiter, Bürger, Kaufleute, Bauern teilnahmen. Das ist das Volk, das das Gift des Judenhasses oder der Judenverachtung von vielen freiwilligen Volkserziehern eingesogen hat. Sie aber, die fortschrittlichen Elemente, haben die Tragweite dieser Gefahr verkannt, standen gleichgültig und kalt den Organisation der Juden gegenüber die auf Selbstverteidigung ausgingen. Wenn es dafür Vergeltung gibt, so naht jetzt der Zeitpunkt. Die wilden Instinkte, die gegen die Juden losgelassen sind, beginnen jetzt sich gegen die fortschrittlichen Elemente im russischen Volke zu kehren. Erst jetzt begriffen die Russen, welche Gefahr in dem Freiwerden der Bestie steckt, erst jetzt wurden Stimmen laut, die zur Organisation des Selbstschutzes der Revolutionäre gegen die reaktionären Volksmassen auffordern. Erst jetzt kommen Christen und Juden in gemeinsamen Komitees zusammen, um die Verteidigung zu organisieren. Wir wünschen nicht, dass die grosse historische Sünde, die die russische Gesellschaft an uns begangen haben, sich an ihr selbst räche. Aber nie werden wir es vergessen können, dass im Moment der grössten nationalen Gefahr wir allein oder fast allein waren, nie — wenn eine bessere Zukunft uns später einmal ihr Licht schicken wird — werden wir uns mit der Tatsache aussöhnen können, dass Russland alle Stösse seiner geschichtlichen Entwicklung mit einer solch verheerenden Wucht durch unseren Volkskörper gehen liess. Die jüdische Selbstwehr. Unter diesem Titel veröffentlicht M. Sukennikow im „Woskhod" Nr. 42 einen interessanten und äusserst lehrreichen Artikel, den wir hiermit in- Kürze wiedergeben wollen. M. Sukennikow hat die meisten grossen und auch kleinen Städte des Ansiediungsgebietes bereist und die Frage der Sel'bstwehr überall eingehend studiert. Das Wort „Selbstwehr" war bis vor kurzem noch ein verbotener Ausdruck, und nur mit der grössten Vorsicht konnten Versammlungen abgehalten wenden, in denen die Frage der Selbstwehr erörtert wurde. Man versammelte sich gewöhnlich bei einer Familie, die bei der Polizei ausser jedem Verdachte stand. Dort wurde beraten, gestritten und debattiert. Ich begegnete, schreibt S., an solchen langen Abenden oft mutigen, selbstaufopfernden jüdischen Jünglingen; ich sah, wie ihre Augen glühten, wie ihre Fäuste vor Wut sich •ballten, wie sie sich mit ihrer ganzen Seele danach sehnten, ihre jüdischen Brüder zu schützen. Die telegraphisohen veröffentlichten Berichte während der unheilvollen Schreckenstage, an denen das jüdische Blut wieder einmal in Strömen floss, geben uns spärlich Kunde von der Rolle, die die jüdische Selbstwehr dabei gespielt hat. Trotzdem ist schon jetzt so viel bekannt, dass es in einer ganzen Reihe von Städten eine jüdische Selbstwehr gegeben hat, die tätig eingegriffen un'd jüdische Häuser und jüdischen Besitz mutig verteidigt hat. Und trotzdem, trotz dieser mutigen, aufopferungsvollen Selbstwehr der Juden hat es bei den letzten Massakers, „Pogrom" genannt, so viele Opfer gegeben. Die Ursache ist eben darin zu suchen, dass die jüdische Selbstwehr bis jetzt noch nicht genügend organisiert ist. Bis zu den Exzessen in Sehitomir gab es bei den Juden in jeder Stadt nicht bloss eine Selbstwehr, sondern zwei bis drei, manchmal auch vier bis fünf Selbstwehrparteien, je nach der Zahl der Fraktionen und Parteien, in denen die jüdische Jugend eingeteilt war. Die Zionisten hatten ihre Organisation einer Selbstwehr, die Sozialrevolutionäre eine andere; dasselbe 'galt von den Bundisten und den Sozialzionisten, die durchaus nicht mit .in demselben Orte tätigen Poale-Zionisten verwechselt werden wollten. Mit einem Worte, alle Parte'istreitigkeiten und Zwistigkeiten waren auf das Gebiet der jüdischen Selbstwehr übertragen worden. Keine einzige Gruppe wollte mit der ander 3n Hand in Hand gehen. Die Sozialdemokraten hielten es unter ihrer Würde, mit den Zionisten sich zu einigen und wollten selbst von den Sozialzionisten nichts wissen usw. 'Infolgedessen waren die Organisationen der einzelnen Selbstwehren voneinander verschieden und die Massregeln irgend einer Selbstwehr schädigten oft die strategischen Plänen einer anderen Organisation. Wahrend des Schitomirer Pogroms aber änderte sich mit einem Male die Lage. Damais hatten sich alle Parteien im Angesichte der Gefahr zu einer einzigen grossen Selbstwehr verbunden, und die Resultate, die diese Selbstwehr durch ihre Hartnäckigkeit, durch den Mut ihrer Mitglieder errungen hat, haben die ganze Weit in Erstaunen versetzt. Die Organisation in Schitomir hat deutlich gezeigt, dass zu einem planmässigen, erfolgreichen Vorgehen vor allem Einigung und Einmütigkeit erforderlich sind. Die jüdische Selbstwehr hätte nun zu schönen Hoffnungen berechtigen können und diese Hoffnungen wären auch in Erfüllung ge* gangen, wenn die Pogrome nicht neuerdings mit einer so drohenden, so elementaren Gewalt eingesetzt hätten, und zwar gerade damals, als die Freiheit verkündet worden war und als man am wenigsten auf Judenabschlachtungen gefasst war. Wäre wenigstens ein Jahr der Ruhe vergangen, dann hätte ein planmässiges Anschaffen von Waffen für die jüdische Selbstwetfir organisiert werden können, dann hätte man die einzelnen Mitglieder der Selbstwehr vereine im Schiessen unterrichten können. Es waren aber kaum wenige Wochen und Monate vergangen, seitdem man in einzelnen Zentren ernstlich an die

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