Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 „bi* # W^lt Seite? 'Hilfe, die man im Jahre 1891 russischen Kindern 'durch Gründung des Pankower Waisenhauses erwies. Könnte nicht auf ähnlicher Basis ein, wenn auch noch so primitives Heim erstehen, um einen Bruchteil jener Enterbten zu erretten, zu erhalten? Gern wäre Schreiberin dieses gewillt, 30 Kindern mit Daransetzung aller Kräfte das Mutterhaus in Beaufsichtigung und Obhut zu ersetzen. Sie bittet nun diejenigen Frauen und Mädchen, denen jüdisches Volkswohl und Erhaltung höher gilt als das eigene Ich, mitzuwirken an dem Plane, unseren verwaisten Kindern ein Heim zu schaffen. Und an euch, ihr Frauen mit dem Herzen zum Lieben und Erretten, an euch geht mein Wort, nehmt euch nur eines der verlassenen Kinder an! Wird auch nur prozentual so wenig daran erreicht, wie sich ein Tropfen zum Meere verhält, nun denn, ist denn nicht ein Menschenleben genau der Rettung wert wie unser eigenes? Ich weiss, das persönliche Opfer seines Selbst ist das grösste, aber hatte nicht die jüdische Frau zur Zeit der ägyptischen Sklaverei das Verdienst, ihr Volk zu erhalten? Und wer weiss, ob durch die Opferbereitschaft, jüdischer Frauen nicht aufs neue die Erlösung emporspriesst, von der ein Talmudwort weissagt, dass sie von den Kindern der Armen ausgeht Wir dürfen sie nicht verlassen, wir sind ihnen, die uns als Kinder unseres Volkes teuer sein müssen, wie den eigenen verpflichtet auf Leben und Tod. Kindertränen zu trocknen, Kindeslächeln zu erzeugen sind die süssesten Aufgaben der Frau. Und diejenige, die sich ihnen auch den fremden Kindern ihres Volkes gegenüber unterzieht, ihr wird der Segen dessen zuteil werden, der sich anrufen lässt als „Vater der Waisen nncl Anwalt der Witwen." Eine wohltätige Frau, die nicht genannt sein will, eröffnet eine Sammlung hierfür mit Mk. 100.—. Weitere Spenden für diesen Zweck nimmt die Redaktion gern entgegen. Chanah Marg. Sachs Berlin N 55, Heinersdorferstrasse 6. Wir und sie. Von Esther Schneerson. „Das ist des Dramas erster Akt", behaupten alle Berichterstatter aus Russland, alle anerkannten und nicht anerkannten Propheten in Russland und im Auslande. Die gewaltige Katastrophe hat kaum begonnen, hat kaum ihre ersten Opfer gefordert, hat die massgebenden Persönlichkeiten, die späteren „Helden" der Geschichte, eben ihre ersten schüchternen Schritte vor dem Publikum machen lassen — und schon befinden wir Juden uns auf dem Höhepunkt einer furchtbaren Tragödie, und es ist nicht vorauszusehen, nicht zu ermessen, was die weitere Entwicklung des russischen Dramas uns bringen kann. Für uns hat die Tragödie viel früher begonnen. Es war Kischenew, das zum ersten Mal seit Jahren uns blutig aus der trägen Gewohnheit aufgerüttelt hat. Es ging ein gewaltiger Schrei durch alle Herzen. „Brüder!, man will uns ermorden, man will uns abschlachten, vereinigt Euch, verteitigt Euch! Und da hat es begonnen. Zuerst einzeln, geheim, unterdrückt, dann immer weiter, immer offener, immer stärker sammelten sich die Juden, vereinigten sich, übten sich in der Selbstverteidigung, protestierten gegen ihre Unterdrückung, verlangten Menschenrechte. Ihre Sache wurde dadurch nicht besser. Alle Welt weiss, dass auf Kischenew Hornel folgte, dann Schitomir und die ganze Judenheit Russlands bebte unter dem ewigen furchtbaren Druck: es kann wieder gegen uns losgehen. Aber sie verzagten nicht. Ihr Protest wurde energischer, ihr Schrei nach Menschenrechten verzweifelter, dringender, lauter. Man hatte auch eine grosse Hoffnung, einen grossen Trost: An allern ist die Regierung schuld, Die Regierung organisiert die Judenexzesse, die Regierung duldet sie, die Regierung deckt sie mit ihrem mächtigen Wohlwollen. Wenn erst die Freiheitssonne über das unglückliche Reich ihre goldigen Lichtstrahlen ausstreuen wird, werden die Mächte der Finsternis und des Verderbens verschwinden. Und der grosse Zeitpunkt kam. Ueber Russland begann es zu tagen. Noch ist es nicht die Freiheit, und es wird so bald nicht die Freiheit sein. Aber es wird werden. Es wird durch den Willen grosser Massen des russischen Volkes werden und reifen ... Da mit einem Mal, mitten im ersten jungen Hoffen, erhebt sich die furchtbarste Tragik. Die ganze reaktionäre Macht wilder, blutgieriger Volksmassen, die Macht von Millionen, geführt von verruchten, gewissenlosen Mördern, hat sich gegen uns gewendet. Man hat den Juden nicht viel Zeit gelassen, sich an der russischen Freiheit zu freuen — schon der nächste Tag nach der Verkündigung des Manifestes ging blutrot auf. Wie durch Zauberwort wurden die mörderischen Banden heraufbefördert: „Tod den Juden", „Erschlaget die Juden", „Beraubt die Juden", „Vernichtet die Juden, die Juden sind an allem Schuld", so tobte es wie ein Gewitter durch die Luft und in drei, vier Tagen gelang es den mörderischen Gesellen, eine solche Fülle von Jammer und Schmerz über uns heraufzubeschwören, dass wir uns nicht fassen, nicht besinnen, nicht zu uns kommen können. „Nicht jetzt ist es an der Zeit," — wiederholen wir die Worte einer russisch-jüdischen Zeitung — „die Ursachen der Krawalle zu untersuchen, jetzt sind die Tage der Trauer,' der furchtbar grossen nationalen Trauer . , / Wir müssen jetzt unsere Toten begraben, unsere Verwandten heilen, unsere Hungrigen speisen, und wir müssen — was unseren nationalen Schmerz zur höchsten Stufe des Menschlich-Erträglichen steigert — wir müssen uns zu neuem Kampfe rüsten, wir müssen der neuen drohenden finsteren Gefahr begegnen, unser ganzes Volk muss all seine Kräfte anspannen, um der unerhörten Vernichtung zu entgehen. Nicht mit Worten müssen wir jetzt dem Feinde entgegentreten, grosse Taten, Mut und Opferwilligkeit — das ist es, was uns zusammenschliessen soll, das ist es, was wir dem Feinde entgegenstellen müssen. Aber ein Wort müssen wir mit den Anderen reden, mit denen, die sich als unsere Bundesgenossen, unsere Mitkämpfer in dem Streit, der jetzt Russland durchtobt, ausgegeben. „Wer hat die Exzesse gemacht?" ruft verzweifelt dieselbe russisch-jüdische Zeitung, die wir oben erwähnten — „wer ist es? Ist es etwa die Regierung, sind es die Erben P1 e h w e s, ist es T r e p o w, Witte sogar? Nein, das seit Ihr, Ihr Radikalen, Sozialisten, Liberalen, Ihr, Euere „Russischen Nachrichten", (eine liberale Professoren-Zeitung) die 20 Jahre lang die Judenfrage verschwiegen, während die Su war ins, die K r uc Ii e w a n s und die G r i n m u t s das russische Volk mit dem wildesten Judenhass vergifteten". Jawohl, fahren wir fort, das seid Ihr, radikale Sozialdemokraten, mit dem Organ „Iskra" an der Spitze, die den jüdischen Arbeiterbund verhöhnten und verschmähten, weil er jüdisch-nationale Bestrebungen zu verfolgen erklärte, und auf diese Weise, nach eurer Meinung, jüdisch-