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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bie # Weit'* »fc.47 In seiner Begründung der Resolution sagte Dr. Gaster, dass die letzten Ereignisse in Russland das dunkelste Mittelalter wieder heraufbeschworen haben und dass die fürchterlichen Szenen in einem Lande, das beanspruche, ein Teil der zivilisierten Welt zu sein, eine Schmach für das beginnende zwanzigste .Jahrhundert sei. Die heutige Versammlung sei zusammengetreten, um den ersten Schritt zu tun, das Gewissen der ganzen Welt zu erwecken. Aber mit dem Ausdruck einer platonischen Sympathie sei nicht viel geschehen. Geld kann zwar viel Elend lindern, aber in unserm nationalen Unglück könne es allein nicht helfen. Gaster weist sodann auf die Verhältnisse in Russland hin und, auf die bekannte Rolle, die die Regierung und die Polizei bei den Unruhen spielte. Man müsse an das öffentliche Gewissen Englands appellieren, der grossen Nation, die unlängst die Jahrhundertfeier zu Ehren Nelsons beging. Wie die Bedeutung Nelsons darin liegt, dass durch seinen Sieg die autokratische Herrschaft Napoleons ein Ende fand, so sei es in der modernen Zeit die Aufgabe Englands, der Partei in Russland, die dasselbe Prinzip bekämpfe. Beistand zuteil werden zu lassen. Redner würde sich heute zu einer Trauerversammlung eingefunden haben, wenn es sich nur darum handeln würde, die Juden zu beklagen, die auf den Barrikaden für die Freiheit, gestorben sind. 47 000 Juden hatten in der Mandschurei gekämpft und man sei stolz gewesen, dass sie tapfer ihre Pflicht taten und für ein Vaterland starben, von dem man hoffte, es würde doch einmal zu einem wirklichen Vaterlande werden. Aber gegen die Ermordung von tausenden von Wehrlosen und Unschuldigen gelte es zu protestieren. Dabei müsse man den Beistand der englischen Presse anrufen. Mit der Unterstützung Englands würden die Juden alles, was sie nur könnten, für die künftige Rettung ihres Volkes tun. Die Rede Greenbergs. Greenberg befürwortete die vorgeschlagene Resolution aufs wärmste und sagte, man stehe einem grossen Unglücke gegenüber, einer Reihe von grausamen Gewalttaten, die selbst in der Geschichte des jüdischen Volkes beispiellos wären. Und man hätte sich heute abends hier eingefunden, um unter den ersten zu sein, die gegen die Martern, die unsere Brüder in Russland zu erdulden hatten, zu protestieren, und zwar nicht bloss als .luden, sondern auch als Menschen, gegen die Unmenschlichkeit, mit der man die russischen Juden behandelte, Einspruch zu erheben. Wer konnte überrascht sein, wenn sich vom Ministerpräsidenten abwärts, in jeder Gesellschaftsklasse und jeder Glaubensgenossenschaft, sich eine Stimme des Abscheues und der Entrüstung erhebe. Gebe es in einem englischen Gefängnis einen Verbrecher, gebe es im dunkelsten Afrika einen Wilden, der nicht Beschämung fühlt, wenn er erfährt, was in Russland geschehen ist, der nicht Erbitterung fühlt bei dem Gedanken, dass solche Verbrechen ungestraft bleiben? Aber man wäre nicht nur zusammengekommen, um die Toten zu beklagen oder die, die schwer betroffen wurden, zu bemitleiden. Die Aufgabe, die man jetzt vor sich habe, sei von •einer mehr praktischen Natur, so schwer auch die Herzen von dem Unglücke bedrückt seien. Es handle sich darum, einfür allemal festzustellen, dass das jüdische Volk nicht denken solle, man habe bisher alles, was notwendig war, getan. Es handle sich darum, dass man auch für die Zukunft einen Gedanken hätte haben sollen, einen Gedanken, der es wenigstens wert gewesen wäre, politisch klug, staatsmännisch genannt zu werden. Erbitterung ist leerer Schall, wenn sie nicht zu einer Tat führt. Man habe eine höhere Pflicht, als die Toten zu beklagen oder Opfer für die Lebenden zu bringen. Er sei unbesorgt, das jüdische Volk werde mannhaft und rechtschaffen seine Pflicht tun, insofern als es die Obdachlosen beherbergen, die Hungrigen mit Nahrung versehen, kurz, alles tun werde, was mit Geld erreicht werden könne. Aber die Pflicht des jüdischen Volkes gehe noch weiter. Man habe heute bedeutende Reden gehört und eben jetzt habe Dr. Gaster in warmen' Worten an das christliche Gewissen Englands appelliert. Er selbst gehe noch weiter und wende sich an das jüdische Gewissen. (Beifall.) Die Juden könnten nicht stets im: seihen fehlerhaften Kreise herum gehen, ihre Hände in den; Schoss legen und nichts tun und dann, wenn das Unglück geschehen sei, an das christliche Gewissen appellieren. Selbsthilfe sei die erste Regel der Menschheit, und die Juden müssten als .Juden endlich lernen«, sich selbst zu helfen. (Lebhafte Zustimmung.) Das 'Anrufen irgend eines Gewissens mag gut genug sein, aber viel besser sei, dass das jüdische Gewissen und das jüdische Bewtrsstsein dem jüdischen) Volke dienstbar gemacht werde, und dass man sich ernstlich vornehmen solle, alles für das eigene Volk zu tun, um ein Unglück, wie das gegenwärtige« hintanzuhalten. Vor 25 Jahren, als sich in Russland Massakers ereigneten, appellierte man an das christliche Gewissen und an die jüdische Tasche:. Beide gaben dem Rufe nach. Es gab Protestversa-mmlungen und sympathische Reden und in London wurde der ru&aisch-jüdßfche Fonds errichtet. Geld strömte in Unmengen nach Russland, um die Leidenden zu unterstützen.. Aber was habe das russisch-jüdische Komitee seitdem getan?' Man habe das Geld des Fonds dazu verwendet, Juden, die aus. Russland geflohen waren,-, wieder in das Land zurückzusenden, das durch alle diese Jahre für die Juden die Hölle auf Erden war. Er habe bei den Satzungen des Jewish Board of Guardians oft gegen diese Politik protestiert. In einem der Berichte werde sogar die Raschheit, mit. der die jüdischen Flüchtlinge repatriiert wurden, mit Stolz hervorgehoben. Er sei neugierig, ob die Mitglieder des Komitees jetzt auch noch .stolz auf diese Raschheit seien und ob sie ni'cht ein gewisses Verantwortlichkeitsgefühl hätten, denn sictoer befinden sich viele der Zurückgesendeten unter den Ermordeten. Und doch, was sei die Antwort gewesen, als a:r und andere giegen die Politik auftraten: „Was sollen wir tun? Wir sind hilflos!" Und diese Leute verlangen die Zurücksendjung! Auch die Unsummen, die die Ica von Baron Hirsch eriialten habe, der ein solches Unglück voraussah, seien schlecht angewendet wrorden. Baron Hirsch' Absicht war es, man: möge solche Fonds .benützen, um Juden aus Russland heraus7,ubrhigen, statt dessen habe man damit Juden in Russland gehalten. Auch Dr. Herzl habe vorhergesehen, was sich jetzt in Russland ereignete, aber sein Mahnruf sei. mit einem /Achselzucken beantwortet worden. Selbst als die englische Regierung durch die zionistische Organisation: für das jüdische Volk ein Stück Land zum Zweck einer jüdischen Niederlassumg in Ostaifrika angeboten hatte, sei die Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit so gross gewesen, dass die zur Aussendung der Erforschungskommission notwendige Summe aus chr istlichen Quellen aufgebracht werden musste. Und jetzt, mit i'nren toten Brüdern vor ihren Augen, zeigen die Führer der Gemeinde ihre wahre Gestalt. Greenberg weist auf die Klause 1 im Aufrufe zugunsten der russischen Juden hin, wo es heisst, dass von den gesammelten Geldern nichts dazu verwendet vverden solle, Juden nach England zu bringen. (Pfuirufe.) . (Fortsetzung folgt.) .1 , ";------ An die Jüdinnen. Nae/h tagelangem Weh und Jammer, den mir das unselige, alle menschliche Phantasie der Schrecken weit über treffende Schicksal unseres Volkes in Russland entquellen Hess, sagte ich mir: Nur eines gibt es, unserenS« ^hmerz auszulösen, die opferwillige, schnelleTat! Und vor mein geistiges Auge trat zuletzt das düstere Bild derer, denen Mörderhand Vater und Mutter geraubt, der unschuldigen 3000 jüdischen Waisen. Wer nimmt sich dieser an, die jetzt die kalten Winternächte hungernd zubringen, wohin mit diesen? Mein en ister Vorschlag erbittet von den massgebenden tatkräftigen Leitern des Hilfswerks diejenige

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