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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „im* # weit Nr, 47 es sich selbst als Treulosigkeit würden anrechnen müssen, wenn sie uns mit blossen Versprechungen abspeisen wollten, Versprechungen, die sie dann vielleicht gar nicht würden erfüllen können, da ja an der Lösung der Judenfrage auch die berüchtigten Anführer von Kischenew und die Leiter der letzten Massakers teilnehmen und wohl erwägen werden alle jene gehässigen Theorien und Waffen, die nicht allein aus dem Arsenale der Suworins und der Schmakows geholt sind. Im Grunde ist ja die blosse Frage der Zukunft — ob denn der Jude ein Mensch sei — eine Schmach und eine Schande für das gebildete Russland. Endlich klärt aber unsere eigenen Brüder auf, dass es jetzt nicht die Zeit ist zu Parteistreitigkeiten, dass unsere ganze Kraft in der Einigkeit besteht, die uns in dieser Stunde zu einem Streben vereinigen soll. Erkläret ihnen, dass, wenn wir nicht für uns sind — wer dann, und wenn nicht jetzt — wann endlich?! Ein Zirkular der zionistischen Leitung in Rus9isch-Polen. In demselben Sinne wie die Zentralleitung der zionistischen Organisation in Russland hat auch die Leitung in Russisch-Polen einen Aufruf an unsere dortigen Gesinnungsgenossen erlassen, in welchem sie diese zu reger' Tätigkeit und tapferem Kampfe für die endliche Abschaffung der Ausnahmsgesetze anfeuert. Es sollen nach einmütigem nationalem Programme allerorts Volksversammlungen und Massenmeetings veranstaltet werden, in denen die nationalen Forderungen ausdrücklich gestellt werden. Vor allem müsse eine starke geeinigte nationale Organisation entstehen. Die gegenwärtigen Gemeindeorganisationen, die lediglich religiösen und philanthropischen Zwecken dienen, müssen einer grossen Volksorganisation Platz machen, die allen Anforderungen des neuen Lebens entsprechen soll. Die Aufhebung der Ausnahmsgesetze wäre ja bloss ein Erfolg in negativem Sinne. Es müsse Positives geschaffen werden: Echt jüdische Schulen, gute jüdische Vertretungskörper, nationale Einrichtungen auf allen Gebieten des religiösen Lebens, des Schul- und Armenwesens — das sind unsere unerlässlichen Forderungen. Zionisten! — so schliesst der Aufruf — Wir durchleben jetzt eine schwere furchtbare Zeit. Aus vielen Städten des Südens langen schreckliche, schauererregende Nachrichten von an Juden verübten Massakers ein. Unschuldiges Blut fliesst in Strömen, das Blut unserer Brüder, das sich mit dem Blute der Helden mischt, die für Freiheit gekämpft und gefallen. Es sind dies Opfer des jammervollen Golus. Doppelt heilig ist uns dieses Blut und es darf uns nicht gleichgiltig bleiben. Es muss in uns heilige Gefühle auslösen, in uns den Mut und den unbeugsamen Willen anfachen, das Joch des Golus vollends zu brechen und sich für die endliche volle Freiheit im Ahnenlande vorzubereiten ... Die grauenvollen Nachrichten dürfen euch den Mut nicht rauben. Wisset, dass das jüdische Volk gereift ist, dass die Juden allerorts heldenmütig ihre Ehre und ihr Leben mit Waffen verteidigt haben. Seit mutig! Wir stehen vor einem Kampfe, dem Kampf für nationale Befreiung in unseren Wohnorten und für die endgültige vollständige Freiheit im Ahnenlande. Versammelt euch, arbeitet, kämpfet, damit unsere Freiheit Tatsache werde! Dem Aufrufe liegt eine für zionistische Vereine und Versammlungen ausgearbeitete Resolution bei, die folgenden Inhalt hat: I. Die Judenfrage bedeutet für uns die Frage eines in seiner wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung gehemmten Volkes. Da es sein Land, den Boden und die Grundlage seines nationalen Lebens verloren hat, büsste es auch nach und nach seinen nationalen Charakter ein und musste sich fremden Bedingungen des wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Lebens anpassen. * II. Die radikale, notwendige, allein mögliche Lösung dieser Judenfrage besteht in der Schaffung einer freien jüdischen Gesellschaft im Lande Israels, die zur vollen Wiedergeburt des Volkes Israel führen soll. III. Das Maximum der gleichen bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte in den Ländern des Golus verringert einerseits die Leiden unserer Volksmassen und gibt uns zugleich die Möglichkeit, unsere nationalen Kräfte zu entfalten unJ mit umso grösserer Energie für das Endziel zu arbeiten: für die Wiedergeburt Israels im Lande Israels, IV. Diese Gleichberechtigung kann in Russland nur dann eintreten, wenn allgemeine volle Freiheit und wahrhaft konstitutioneile Zustände im Lande herrschen. Deshalb fordern wir: 1. Unerlässliche Garantien der versprochenen Freiheit, volle Amnestie, Abstellung aller unnatürlichen Ausnahmezustände. 2. Eine nach Petersburg einzuberufende vorbereitende Versammlung auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes ohne Unterschied der Nationalität, der Konfession und des Geschlechtes. 3. Vorbereitende Versammlungen für alle in Russland wohnenden Völkerschaften. V. Als jüd'ischnationale Partei sind wir auf der Warte, um unsere besonderen Volksinteressen zu schützen und fordern: 1. Sofortige Aufhebung aller Ausnahmsgesetze gegen die Juden und Erteilung ihrer Gleichberechtigung, als wichtigster Grundsatz eines konstitutionellen Staates. 2. Von der Konstituante in Petersburg: Einberufung eines vorbereitenden jüdischen Kongresses auf Grund des allgemeinen etc. Wahlrechtes behufs Ausarbeitung eines freiheitlichen Arbeitsprogramm für ein demokratisches Gemeindeleben im Sinne vollständiger kultureller Freiheit. VI. Wir drücken unsere Sympathien und unsere Solidarität aus mit allen jenen, die für die Freiheit kämpften und tun kund, dass wir auch fernerhin unseren zionistischen Kampf mit um so mehr Mut und um so grösserer Energie führen werden. Grosses Protestmeeting in London. In der Memorial Hall fand Montag den 13. d. M. eine grosse von der English Zionist 'Föderation veranstaltete Protestversammlung statt, die, wie es in den Einladungen heisst, den Zweck verfolgte, den Abscheu und die Entrüstung anlässlich der russischen! Gräueltaten zum Ausdrucke zu bringen, die Sympathie mit den Opfern kundzugeben und Unterstützungen für dieselben entgegenzunehmen. Dieselbe zeichnete sich durch eine massenhafte Beteiligung, durch die Verlesung der zahlreichen bedeutsamen' Schreiben und Entschuldigungsbriefe, die eingelaufen waren, und durch einen durchwegs würdevollen und imposanten Verlauf aus. Den Vorsitz führte Sir Francis Montefiore. Greenberg brachte zunächst eine lange Reihe von Briefen zur Verlesung., deren Schreiber ihre Sympathien mit dem Zwecke der Versammlung in warmen Worten zum Ausdruck brachten. So schrieben der Mord Mayör von London (ganz London hat mit Entsetzen und warmem Mitgefühl die schrecklichen Gewalttaten gegen die Juden in- Russland vernommen), der Ministerpräsident Balfour (die Regjierung hat mit Mitgefühl und Entsetzen von den jüdischen Massakers gehört. Sie hat bereits alle Schritte unternommen, die das Unglück mildern können), Lord Rosebery (Ich sende Ihnen den Ausdruck meiner wärmsten Sympathie Ihrer Versammlung nicht nur den Protest einer Rasse, sondern die Entrüstung der ganzen Weit), Chamberlain (Meine aufrichtigen Sympathien mit dem Objekt der Versammlung. Ich teile das allgemeine Entsetzen über die Metzeleien und Gewalttaten, die eine Schande für die Zivilisation sind).

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