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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr, 47 lfbi* * w*it" Seite 3 gessen. Vor den Augen des zivilisierten Europa erstanden von neuem die Schreckenszeiten der Kreuzzüge und Bogdan Chmelnitzkis. Ganze jüdische Gemeinden verwüstet, Häuser ausgeraubt und zerstört, Axt und Beil geschwungen von den Händen von Würgern, die gleich Raubtieren keine Schonung kennen; Kinder und Säuglinge werden an der Mütter Brust grausam gemordet und an allen Enden des weiten russischen Reiches fliessen Ströme von Blut und Feuer, iiiessen ohne Ende .... Und wir wüsten nicht, dass eine solche Katastrophe bevorstand. In der Geschichte haben wir es wohl des öfteren erfahren, dass unschuldiges Blut gerade in dem Augenblicke sich stromweise zu ergiessen pflegt, da „Freiheit" verkündet wird. Elsass, Ungarn etc. etc. haben es bewiesen, wenn dort die Leiden auch nicht so gross waren. Wir aber, an Leiden gewöhnt, hatten diese historische Gepflogenheit nur zu rasch vergessen. Unser grösstes Unglück ist es, dass wir anstatt einer einzigen nationalen Politik viele politische Ausläufer haben; anstatt einer einzigen alles umfassenden nationalen Erkenntnis haben wir Hader und Streit von Parteien und selbst im Augenblicke dieser grossen Gefahr, als das Jammergeschrei das ganze vernichtete Haus Israel umfasste, da gibt es noch bei uns Leute, die nach fremden „Freunden" buhlen und sich der brüderlichen Gemeinschaft entziehen. Das furchtbarste daran ist, dass wir uns nicht trösten dürfen und sagen, es werde dies das Ende unserer Leiden sein. Jin Gegenteil, wir haben guten Grund, zu fürchten, dass wir erst im Anfang der Gefahr stehen. Das Netz von verwickelten Umständen, die die letzten Metzeleien hervorriefen, wird nicht leicht reissen, allenfalls wird nicht so rasch das Hauptmoment aus der Welt geschafft, aus welchem die gegen Juden von jeher verübten Massakers ihre Kraft schöpfen. Noch niemals haben wir von Massakers an Polen, Finnen u. dgl. gehört. Uns, nur uns allein folgt auf Schritt und Tritt ein böses grosses Leid, das „Golus" heisst und besagt: „Es gibt ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker, dessen Gesetze anders sind." Dasselbe Manifest vom 17. Oktober, das ganz Russland einen grossen Segen verhiess, gab uns Juden nichts. Die Lage des russischen Juden bleibt nach wie vor eine unerträgliche. Auch jetzt muss er weiter in seinem engen Gebiete der Ansiedlung aus Mangel an Luft ersticken; dieses Erstickens ist ihm auch jetzt noch nur in gewissen Städten und Städtchen' gestattet. Die Freiheit der Person ist für das Land gewährt und noch haben die Erlässe über die „Jagd auf Juden" ihre Bedeutung nicht eingebüsst.' Wae bisher, ist ihm auch jetzt die Freiheit genommen, zu wohnen, wo er will und zu erwerben, womit er will — eine Freiheit, die nur Verbrechern und nur infolge gerichtlicher Verurteilung genommen wird. Täuschen wir uns doch nicht durch die Worte „Fieiheit der Meinungen und der Konfessionen", die in Wirklichkeit mit der Anerkennung jüdischer Rechte nichts zu tun haben. Wir dürfen auch nicht hoffen, dass die Reichsduma unsere Rechte anerkennen und uns solche geben werde. Pflegen ja sonst die grundsätzlichen Menschenrechte, den Rechten der konstitutionellen Einrichtung voranzugehen. Sehen wir ja, dass die Freiheit des Wortes, der Versammlungen und der Vereine der Reichsduma vorangeht,was nur ganz natürlich ist. Aber umso natürlicher sollten unsere Rechte, die ja grundsätzliche menschliche Rechte sind, vor der Duma gesichert werden. Wir wissen, dass das Grundwesen einer Konstitution die Gleichstellung aller Menschen und den Schutz ihrer Rechte durch ein allgemeines Gesetz bedeutet. Wir wissen, dass selbst die rohesten Antisemiten des Westens kein Absperrungsgebiet für die Juden fordern und dass sogar die rumänische Regierung sich des Vorwandes bedient, dass die meisten Juden des LandesFremde seien, und doch dieWenigen, die dort das Bürgerrecht erlangt haben, wenigstens scheinbar als gleichberechtigt gelten. Allein Russland will der Weit eine Lehre geben, nach welcher der Begriff Konstitution, der ja soviel wie Anerkennung menschlicher Rechte bedeutet, mit der vollständigen Knechtung von 5 Millionen Menschenseelen vereinbar wäre. Das Manifest vom 17. Oktober bringt diese neue Lehre zum Ausdruck und ihr haben wir unser grosses Leid zu verdanken. Und ist es nicht eine furchtbar schmerzliche Ironie unseres bitteren Schicksals, dass wir für dieses Manifest, das uns nichts gegeben, das letzte dagegen — die Hoffnung — uns geraubt hat, dass wir für dieses Manifest solche furchtbare Opfer bringen: Tausende Todte, Zehntausende Verwundete und Hunderttausende Ausgeraubte! ■Die besseren Elemente der russischen Gesellschaft haben uns oft ihrer Solidarität versichert; sie haben auch nebst anderen Forderungen die der Judenfreiheit aufgestellt. Da kam die Regierung und richtete an sie die Frage, die schon früher einmal Achad-Haam vermutet hat: „Wie, wenn alle euere Forderungen mit Ausnahme der die Juden betreffenden erfüllt werden?" Und was antworteten jene Besten auf diese Frage? — Wohl protestieren manche und meinen, im Manifest sei nicht gebührend die demokratische Regierungsform gewährleistet. Aber alle scheinen vergessen zu haben an die Existenz eines geknechteten getretenen Volkes. Daran vergassen auch die Geknechteten selbst. Unsere Radikalen rufen nach der demokratischen Republik, sie vergessen aber zu fordern die Abschaffung des Ansiedlungsrayons und dieses Vergessen, von uns selbst verschuldet, ist unser schwerstes Unglück! Weder das Manifest vom 17. Oktober noch hunderte andere Manifeste . können uns ersetzen was uns abgeht — das natürliche Leben eines freien Volkes. Einen Beweis dafür liefern die Juden in Frankreich, Deutschland, Oesterreich. Frei und natürlich lebt nur ein solches Volk, das im eigenen Lande, auf eigener Scholle lebt. Wohl aber müssen wir, so lange das Joch des Golus auf uns lastet, alle Kräfte aufbieten, um uns dieses Joch leichter und erträglicher zu machen. Wir müssen darnach streben, dass solche Leiden, die nicht durch den Gang der Geschichte bedingt, sondern vielmehr der menschlichen Zivilisation hohnsprechen, völlig aufhören. Wir Zionisten haben die Pflicht, für die Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern des Golus zu kämpfen, nicht allein deshalb, weil uns das Unglück jedes einzelnen von unseren Brüdern näher am Herzen liegt und nicht auch deshalb, weil wir über das erhabene Zukuuftsideal die Leiden der Gegenwart nicht übersehen dürfen, sondern in erster und letzter Reihe deswegen, weil die bürgerlichen Rechte der Weg sind zur nationalen Freiheit. Es genügt eine flüchtige Kenntnis der Geschichte von der Befreiung unterdrückter Völker und ein geringes Vertrautsein mit den Lehren des Zionismus, um zu begreifen, dass die Freiheit der Individuen endlich auch die der Nation herbeiführt. Um nun zu dieser ersten Stufe zu gelangen — zur Anerkennung der bedingungslosen individuellen Freiheit -- müssen wir jetzt alle Kräfte anspannen. Der Augenblick, in welchem wir stehen, ist dazu geeignet; lassen wir ihn vorübergehen -- dann wer weiss, ob er einmal wiederkommt? In dem Augenblicke des Schreckens, in dem wir uns befinden, wenden wir uns nicht bloss an unsere zionistischen Genossen, sondern an das ganze Volk in allen seinen Parteiungen mit dem einzigen Worte: „Vereiniget euch!" Wir rufen zur gemeinsamen Hilfe auf in allen Formen und Richtungen, wir rufen zur brüderlichen Vereinigung auf, wenigstens in diesem Momente. Wir wissen zwar, dass wir nicht in allem Erfolg haben werden, da sich gegen uns alle unlauteren finsteren Mächte, bewaffnete Söldner und Polizisten in tobender Wut die Hände reichen. Aber wir dürfen nicht den Mut zum Kampf verlieren und müssen wenigstens das tun, was in unserer Kraft liegt. Es soll kein Judenmord dem Mörder leicht gemacht werden und billig zu stehen kommen. Es sollen unsere geplünderten Brüder nicht vor unseren Augen vor Hunger und Kälte sterben! Rufet allerorts Protestversammlungen ein und bedient euch des Wortes und der Feder. Kläret die Regierung über ihr Verbrechen gegen uns und über die schwere Verantwortung auf, die sie in so wichtiger Stunde auf sich ladet. Erkläret den Gebildeten unter den Bürgern Russlands, dass sie

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