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Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bi* # weit11 Nr. 47 unterziehen, das heisst: Herr P. hat Aussicht, bei der oben erwähnten Beschneidung des Kabinetts deutscher Landsmannminister zu werden. Aber — man kann nicht wissen. Das zum besseren Verständnis der Rubrik „hmere Politik* in den Zeitungen. Im Befähigungsnachweis für den kommenden Reichsrat habe ich ein sehr wichtiges Imponderabile vergessen : den Antisemitismus. Das Thema ist schon viel behandelt worden, bleibt aber ewig neu. Aber auch hierin gibt's Wandlungen. Eine kleine Reminiszenz : Am 30. Jänner 1903 tagte eine von der Regierung einberufene Versammlung von Zuckerindustriellen wegen der Brüsseler Konvention im Parlamente. Zur gleichen Zeit war Plenarsitzung. Im Parlamente wussten einige am Zucker interessierte (zumeist antisemitische) Abgeordnete nicht, wie die Zeit hinzuziehen, bis die ziemlich stark semitische Versammlung einen Beschluss — es sollte eine Einigung zwischen Rohzuckerfabrikanten und Raffineuren erzielt werden — gefasst hätte. Was tun? Die Antisemiten fingen einen Skandal an. Minutenlang hörte man im Parlamentssaal nichts als die Rufe: „Zuckerjuden"! Als aber die Abgeordneten erfuhren, dass die Versammlung bereits geschlossen sei, konnten sie ihren jeizt etwas billiger gewordenen Radikalismus fortsetzen, indem sie in den Saal eilten, den die Versammlung benützt hatte. Dort standen noch einige Industrielle. Es kam zu einer erregten Szene und endlich fasste ein jüdischer Fabrikant aus Böhmen die Sache beim richtigen Ende und schrie einem steirischen Antisemiten ins Gesicht: „Vor den Wahlen liegen sie vor uns auf dem Bauche und jetzt werfen sie uns hinaus!" Diese etwas drastischen Ausdrücke bezeichnen prachtvoll den ethischen Hochstand des österreichischen Antisemitismus. Mit etwas mehr oder weniger Geld sind die Herren immer zu kauten. Es gibt nur eine Ausnahme: Schönerer, der aus jüdischem Blute stammende Millionär, dessen Geld im Dienst einer jüdischen Unternehmung, der Kaiser Ferdinands-Nordbahn, erworben wurde. Freilich hat sich Schönerer ganz assimiliert und der österreichischen Kognakindustrie zu einer gesteigerten Umsatzziffer verholfen. Aber „in der Rasse liegt die Schweinerei". Der Antisemitismus ist in Oesterreich eine genau so schöne Sache wie der Liberalismus. Wenn das ritualmordsachverständige Organ der Wiener Greissler den Verhandlungsbericht über das Dienstmädchen Nawratil, das eine Jüdin erschlagen hat, unter dem Titel „Eine ermordete Jüdin" bringt, ist das genau so lieblich, als wenn ein obskures Blättchen der Los-von- Römlinge unter dem Titel „War Christus Sozialdemokrat?" zwischen dem „semitischen segenslosen Wucherreichtum und dum arischen segensreichen Arbeitsreichtum" Parallelen zieht oder wenn in ängstlich geschlossenen deutschliberalen Parteilagern über den Judenpunkt debattiert wird. Jetzt wird bald das „auf dem Bauchliegen" wieder anfangen. Die Apostel für Deutschtum, Freiheit und Fortschritt werden mit ihren sorgsam hergestellten Redenklischees in die Städte pilgern und in die Dörfer, vom Sprachenstreit und der ungarischen Krise werden sie reden und dann immer an die tonangebende Presse telephonieren: „Der Redner fand allseits stürmische Zustimmung". * * * Leicht war's, der verlogenen Bande den Garaus zu machen. Die Zionisten in Oesterreich haben freilich über „Zweck und Mittel", „Mittel ohne Zweck" und „Ziel ohne Mittel" zu reden. Wenn's hochkommt, beschäftigen sie sich mit dem § 2, schreiben über Prinzipienverrat und konstatieren für jeden Ort eine lokale Abart des Zionismus. Sporadisch geschieht ja auch etwas Besseres* Ich will etwas erzählen, was nicht so allgemein bekannt ist. In einer tschechischen Stadt Böhmens gibt es einen Zionverein. Der Präsident dieses Vereines wurde bei den letzten Stadtratswahlen als jungtschechischer Kandidat präsentiert. In einer Wählerversammlung iedoch stand dieser Präsident auf und sagte, er danke für das Vertrauen. Er müsse aber bei allen Sympathien für das tschechische Volk erklären, dass er Zionist, also Jüdischnationaler sei! Die Entscheidung überlasse er nun der Versammlung. Bei den folgenden Wahlen wurde er denn auch widerstandslos gewählt. Das ist doch wenigstens etwas. Wenn die Zionisten das Baseler Programm durchführen wollen, dann müssen sie die weltpolitischen und diplomatischen Fragen ohne Widerrede, ohne Kritik, mit uneingeschränktem Vertrauen dem gewählten A.-C. überlassen, betreffs Palästina die gewählte Kommission walten lassen, im übrigen aber selbst arbeiten. Vor allem wäre der Radikalismus zu streichen, der nichts anderes als maskierte Feigheit nach aussen und Brutalität nach innen darstellt. Sehr schön, wird einer sagen, aber was soll geschehen? * * * Was zu geschehen hat? Schekelzahlen, Nationalfondssammeln und zionistisch, d. h. modernjüdisch arbeiten. Es kommt die Wahlkampagne für den Reichsrat Da gibt es viel zu tum Drei Dinge will ich andeuten. Die Zionisten müssten eine rege Agitation entfalten, die darauf hinausläuft, dass sich sämtliche Juden in Oesterreich auf - einen gemeinsamen Kandidaten einigen und, unbekümmert, ob in Roveredo oder in Tarnow, für diesen stimmen. Oder es könnte den jüdischen Wählern zur Pflicht gemacht werden, jeden Kandidaten in den Wählerversammlungen um seine Stellung zur Frage der jüdischen Nationalität und ihrer Bedürfnisse zu befragen und von seiner Antwort auf diese Frage, nicht aber von dem für uns vollkommen gleichgültigen Sprachenkampf in der österreichisch-arischen Häuslichkeit die Abstimmung abhängig zu machen. Drittens — und das wäre die Hauptsache: Die Forderung nach einer jüdischnationalen Vertretung im Reichsrate muss zum Wahlschlagwort der Juden werden. Sache der Zionisten, der ßjwusstaationalen, wäre es, hier die Führung zu übernehmen. Es braucht ja wohl nicht erst begründet zu weiden, wie sehr die Juden immune jüdischnationale Vertreter brauchen könnten. Aber es wäre hoch an der Zeit, abzurechnen mit allen, gleichviel ob Juden oder Arier, die seit einem halben Jahrhundert die jüdischen Ideale verfälscht haben. Prag, Mitte Oktober 1905. Gratzl. Die zionistische Organisation Russlands über die gegenwärtige Lage. Das Zentralkomitee der russischen Zionisten veröffentlicht folgendes Commuuique: Brüder! Zwei Erlebnisse haben uns die jüngsten Tage beschert: das Manifest vom 17. (30.) Oktober und Ströme von Blut-. . . Furchtbar und schrecklich ist der erste Kurs des „neuen Russland44. Kischenew und Hornel sind verblasst und ver-

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