Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316180--47522-3342398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion and Administration: WIEN IX., Türk«ns1ra$st Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte ßriefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preise der Aizeigen : Laut aufli«gmoL<l«Mi Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abend« geaahloisen Einzelne Nummer b SO Heller. Ro7lincnroicQa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3,—. Für das Ausland: 0U£liyd|JI moöm Deutschland ganzjährig Mk, 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Prankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Fr es. 17.—, halbjährig Pres. 8.50, vierteljährig Frcs. 4*25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli 1.70, vierteljährig Doli. —.85, Nr. 47. Wien, 24. November 1905. — 26. Marcheschwan 5666. 9t Jahrgang. Zur Beachtung! In Wien ist in sämtlichen Druckereien die passive Resistenz der Setzer ausgebrochen. Da man nicht weiss, was die nächsten Stunden bringen, sah sich die Redaktion zu tunlichster Beschleunigung veranlasst, ohne auf Form und Inhalt die sonstige Rücksicht nehmen zu können. Eine politische Plauderei aus Oesterreich. In der Schule wird den Kindern beigebracht, dass es für den ganzen runden Erdball vier Jahreszeiten gibt In Oesterreich ist das anders. Wenn die Schwalben dasind, heisst die Jahreszeit die „Lage*. Sind sie fort, dann leben wir in der „Krise". Zwischen Lage und Krise liegen so einige Orte, in denen die Sommerfrischlinge den Dialekt der eingeborenen Bevölkerung zugrunde richten. Also jetzt sind wir in der Krise. Gott sei Dank! Der ostasiatische Krieg ist zum ersten-, zweiten und dritten Male beendigt, Skandinavien ist beruhigt (für die dortigen Legitimisten kommt jetzt erst die schöne Zeit, sich aufzuregen), in Russland ist die famose Duma in Vorbereitung, dafür wehen in den Strassen der österreichischen Städte die roten Fahnen. In Ungarn will das Volk das allgemeine Wahlrecht, dafür kriegt aber die „Nation" die Kommandosprache — nicht. Kurz und gut: die zweite Jahreszeit Die Zeitungen haben zu tun. Auch die Politiker. Jetzt ganz besonders, denn im nächsten Jahre gibt's in Oesterreich Reichsratswahlen und da muss jeder, der wiederkehren will, doch den mit Recht so beliebten Befähigungsnachweis haben. Der eine hat irgendwo irgendwann irgendeinem eine materialisierte politische Ohrfeige gegeben, ein anderer hat einen Zwischenruf gemacht, eine Rede gehalten und die übrige Zeit den Sitzungssaal geschwänzt. Ein dritter ist in einem Ausschuss. Wenn eine Dummheit nicht in einer Plenarsitzung gemacht werden soll, dann steckt man die Materie in einen Ausschuss. Infolgedessen gibt es doppelt so viele Hausausschüsse als Abgeordnete und die Visitkarten sind eng bedruckt. Etwas anderes sind die Parteiausschüsse. Man nennt sie parlamentarische Kommissionen oder Vollzugsausschüsse. Sie haben den Zweck, dass unter irgend einem Vorwande die „Situation einer Erörterung unterzogen* wird, als deren Konsequenz vier oder fünf (je mehr, desto besser) Politiker in den Frack fahren, Lackschuhe oder Gummigaloschen anziehen und mit einem unglücklichen Minister „ konferieren\ Und wenn sie damit fertig sind, schreiben sie das Resultat der Konferenz" unorthographisch auf weissem Papier an die Zeitungen, vergessen aber nie ihre werten Namen. Ist's gedruckt, dann geben sie 48 Stunden Ruhe. So viel Zeit braucht man, bis einem irgend ein Advokat im heimischen Wahlbezirk eine Rede aufgeschrieben hat. * * * Wie verschlungen sind doch die Fäden der Politik! Wie schwer ist's doch und mühevoll, denkt der Leser eines Blattes, wenn er so liest, was „sein" Abgeordneter zu tun hat. Und wie schön ist's doch und heiter, wenn dann so langsam die Erkenntnis sich durchringt, zum Beispiel: Der Kabinettschef hat im Parlament eine Erklärung abgegeben, Sie gilt der vielberühmten „Lage" und will allen Anforderungen gerecht werden. Die Deutsche Fortschrittspartei „unterzieht diese Erklärung einer Besprechung und entdeckt dabei neue politische Gravamina; die designierten Redner der Partei werden angewiesen, im Hause darüber zu sprechen". Herr Kohn in Mähriscti-Neustadtl zerdrückt eine Träne im Auge. So sorgen die Führer für „uns". Denn die Deutsche Fortschrittspartei hat, wie die Berliner „Tägliche Rundschau" in einem österreichischen Brief jüngst ausführte, die Aufgabe, die Juden am Deutschtum festzuhalten. Wenn man aber die erzählte Episode ins Deutsche übersetzt, so kommt dabei heraus : Die Deutsche Fortschrittspartei hat keine Aussicht, bei der bevorstehenden Parlamentarisierung des Kabinetts ein Portefeuille zu erwischen. Also wird sie radikal. Oder: Herr P., Mitglied der Deutschen Volkspartei, ist mit den Erklärungen des Kabinettschefs einverstanden, nur muss er sie noch einer genauen Prüfung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.