Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „Di* # wtitM Nr. 46 Wir wollen es versuchen, in dieser öffentlichen Trauerversammlung das schlafende öffentliche Qeiwissan aufzurütteln. Sie wissen, sehr geehrte Herren, dass wir heute nachmittags Trauergottesdienste in allen Bethäusern unserer Gemeinde angeordnet und veranstaltet haben, Wir wollen aber in dieser öffentlichen Trauer Versammlung auch eine Resolution fassen, welche alle diese Gefühle, alle die Wünsche, die uns Juden infolge dieser grässlichen Vorfälle erfüllen, zum Ausdrucke bringen. Ich bitte um die Verlesung der Resolution, von welcher ich hoffe, dass die gesamte Judenheit nicht zögern wird, sich derselben und den darin zum Ausdrucke gebrachten Empfindungen und Wünschen anzuschliessen. * * * Brünn. Die jüdisch-akademische Verbindung „Veritas" veranstaltete am 12. d. M. anlässlich der entsetzlichen Judenmassakers in Russland im städtischen Redoutensaale eine jüdischeVolksversammlung. DerSaal, der an 15000 Personen fasst, erwies sich als zu klein, um alle Erschienenen aufzunehmen. Nachdem der Präses namens der Verbindung die Versammlung eröffnet und die Erschienenen begrüsst hatte, wurde Herr Dr. Philipp Schreier zum Vorsitzenden gewählt. Hierauf sprach seitens der Verbindung JUC. Otto Abeles, der in seinen Ausführungen namentlich der heldenhaften jüdischen Jugend gedachte, die im Kampfe gegen den plündernden und mordenden Mob gefallen war. Die Versammlung ehrte das Andenken dej jungen Helden durch Erheben von den Sitzen. Als zweiter Redner sprach Dr. Margnlies (Teplitz). Er wies darauf hin, dass wohl momentan als rasche Hilfe eine organisierte Wohltätigkeitsaktion notwendig sei, den Kernpunkt seines glänzenden Referates bildete jedoch die Besprechung jener Mittel und Wege, weiche einzig und allein die Möglichkeit bieten, solchen Vorfällen für die Zukunft den Boden zu entziehen. Herr Friedrich Low, Präsident des mährisch-schlesischen Komitees (Prossnitz), legte der Versammlung eine Resolution vor, die samt dem Zusatzantrag des Dr. Margulies ohne Widerspruch angenommen wurde. Resolution (Friedrich Low): „Die am 12. November 1905 im städtischen Redoutensaale tagende Volksversammlung ersucht die löbliche Kultusvertretung, mit tunlichster Beschleunigung ein aus allen Parteien und Ständen der Brünn er Judenschaft zusammengesetztes Komitee zu ernennen, das Sammlungen zur Linderung der durch die Judengemetzel in Russland entstandenen Not in allen Kreisen der Bevölkerung vorzunehmen hat. Die hierdurch erzielten Beträge sind der Alliance- Israelite oder einer anderen Zentralstelle für den erwähnten Zweck zuzuführen. Gleichzeitig möge die Brünner Kultusgenieinde alle übrigen Kultusgemeinden des Landes für ein ähnliches Vorgehen interessieren/' Zusatzantrag (Margulies): „Die Versammlung spricht gleichzeitig die Erwartung aus, dass jeder Jude in jedem Teile der Welt es als seine Pilicht betrachtet, nicht nur die jedesmaligen Opfer der Judenverfolgungen \on Fall zu Fall mit Almosen zu unterstützen, sondern sein ganzes Können in den Dienst des Gedankens zu steilen, dass endlich einmal die Wunde geschlossen werde, aus der immer und immer wieder jüdisches Blut fliesst.*" Als letzter Redner sprach der Sozialdemokrat Herr Dr. Freund. Er zollte in einer kurzen Rede der tapferen Gegenwehr der jüdischen Studenten und Bürger vollste Anerkennung, führte jedoch die Ausschreitungen auf die sozialen russischen Verhältnisse zurück. Treffend und der Würde der Versammlung entsprechend, wurde ihm vom Präsidenten Herrn Friedrich Low erwidert. Kultusgemeinde Czernowitz* (Telegramm.) Die aus Russland kommenden Nachrichten über die furchtbaren Judenmassakers im Zarenreiche haben in der gesamten gesitteten Welt Entsetzen und Abscheu hervorgerufen, in uns Juden aber den tiefstenSchme-rz über die entsetzlichenGrausanikeiten, denen unsere unglücklichen Glaubens- und Stanrmesgenossen nach Tausenden und Abertausenden zum Opfer fallen. Die von der gesamten Presse aller Völker und von aus Russland eintreffenden Flüchtlingen mitgeteilten Schilderungen beweisen, dass wohlorganisierte Horden, mit Geld und Mordwerkzeaigen ausgerüstet, im grössteu Teile des Zarenreiches rauben, plündern und tausende von Juden sowie die diesen zu Hilfe eilenden russischen Studenten und Angehörigen der russischen Intelligenz erbarmungslos hinschlachten. Grauenerregende Greueltaten werden an Frauen. Kindern und Greisen verübt und selbst die hingemordeten unschuldigen Opfer geschändet. In unzähligen Orten Russlands sind so die Juden nahezu gänzlich vom entfesselten rohen Pöbel in bestialischer Weise ausgerottet. Die ganze gebildete Welt steht unter dem furchtbaren Eindrucke dieser entsetzlichen Greueltaten, die um so schrecklicher sind, da sie von den öffentlichen Organen der staatlichen Gewalt angestiftet, organisiert und angeführt werden. Die geschilderten, aller Welt bekanntem schrecklichen Greueltaten sind, ein Hohn und eine Schande auf die Gesittung, Kultur und Humanität des zwanzigsten Jahrhunderts und der Menschheit überhaupt. Im Namen der Bukowinaer Juden ruft der Kultusrat der Czernowitzer Judengemeinde die gesamte Judenschaft zu energischem .solidarischem Handeln auf und erhebt gleichzeitig seine Stimme zu flammender Entrüstung, wenn im russischen Reiche alle Bande der Rechtsordnung gelöst sind, Millionen von Staatsbürgern, und Bewohner dieses Reiches barbarischer Vernichtung preisgegeben werden, Massenmorde und M.assenabSchlachtungen von Mensehen nicht nur unter den Augen der staatlichen Zivil- und 'Militärbehörden verübt, vielmehr auch von deren Organen geschürt und bewerkstelligt werden. Dann stellt sich Russland ausserhalb jeder Rechtsordnung! Und gleichwie die europäischen Regierungen in China und in der Türkei deshalb intervenierten, weil Ausschreitungen und Morde gegen Christen verübt wurden, ebensoist es Pflicht der Regierungen aller zivilisierten Staaten, im Namen der Menschheit, der Kultur, Gesittung; und Humanität die angemessenen Schritte zu unter nehmen, damit Eigentum und Leben von Millionen Menschen geschützt werden. Insbesondere erachtet es die Bukowinaer Judenschaft für eine Pflicht der k. k. österreichischen Regierung im Hinblicke darauf, dass auch viele österreichische Staatsbürger dem Raube», Plündern und Morden in Russland schutzlos preisgegeben sind, sich dieser Unglücklichen anzunehmen. Der Kultusrat der Czernowitzer Judengemeinde hat schmerzlich bewegt in seiner Plenarve rsammlung vom 12. November einstimmig beschlossen, seiner tiefen Entrüstung und Empörung über die Massenmorde und Greueltaten, die an tausenden Juden in Russland verübt werden, Ausdruck zu verleihen und die Entrüstung und Protestkundgebung im telegraphischen Wege sowohl dem k. k. österreichischen auswärtigen Minister Grafen Goluchowski, sowie dem k. k. österreichischen Ministerpräsidenten Barons Gautscji, im schriftlichen Wege aber dem k. k. Bukowinaer Landespräsidenten von Bleyleben sofort mit der ergebenen Bitte mitzuteilen, den ihnen zustehenden Einfluss auf die unglücklichen Juden in Russland geltend zu machen. Für den Kultusrat: Der Präses Dr. Straucher. „Welt", Tiirkenstras.se 9, Wien. Bukowinaer Landtag verhandelte über Antrag Dr. Straucher, Nikolai Wassilko, Dr. Wolczynski, Dr. Lupu, Dr. Skedl und Genossen, betreffend Entrüstungskundigebung über dies russischen Judenmassakers. Nach glänzender 'Begründung und Schilderung der furchtbaren Greueltaten durch Dr. Straucher votierte Landtag einstimmig Dringlichkeit und wies Antrag an Verfassungsausschuss zur Berichterstattung während gegenwärtiger Tagung. Tiefe Erregung herrschte im Hause und Zuhörer räume und begleiteten Ausführungen Strauchers mit grossem Beifalle. * 5fC * Berlin. (Telegr.) Die Berliner Zionisten veranstalteten ein tausendköpfiges Massenmeeting als Protest gegen russische Judenmetzeleien, gegen die jüdischen, Financiers. die Russlands Kredit und Autokratie stützen, und gegen die Indifferenz Europas. Die Redner betonten die Solidarität aller Juden. Das Meeting gab stürmisch seiner Sympathie für die Selbstwehr Ausdruck. Die entsprechenden Resolutionen wurden enthusiastisch aufgenommen. Kahn. Hilfsaktion der Isr. Allianz zu Wien iür die russischen Juden. Das bisherige Ergebnis der der Israelitischen Allianz zu Wien zugegangenen Spenden; beträgt zirka 220 000 K. Am 14. d. M. fand im Bureau der Israelitischen Allianz eine gemeinschaftliche Konferenz des Präsidium der Allianz mit Delegationen der beiden hiesigen B'ne B'rith-Logen und der zionistischen Organisation sowie mit Vorstandsmitgliedern der