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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Wr* 46 „bi* # W^lt Seite 13 Verwundeten, Geplünderten und Bestohlenen auch fremde Untertanen sind? Hei wie schnell sind die Kriegsschiffe der Mächte zum Schutze der „Staatsangehörigen* da, wenn Osmanen oder Chinesen einige Christen massakrieren. Da läuft jeder Bedrohte auf das Schiff, ob er Fremder oder Einheimischer ist und ist gerettet. Wo waren die Schiffe in Odessa? — In Kronstadt, wo es nicht gegen die Juden, sondern gegen die Offiziere ging, waren sie da! — Ja, zieht die weise Lehre, für die Christen gilt die Stimme Europas, fü die Juden das Völkerrecht! Und die Juden? Schliessen sie sich zusammen? Benützen die jüdischen Millionäre ihren Einfluss auf die russischen Finanzen? Entziehen sie Russland ihre materielle Unterstützung? Und die Vermögenden? Werden sie angesichts dieser zum Himmel schreienden Unmenschlichkeiten, angesichts des längst bewiesenen Umstandes, dass jede Regierung eines judenreichen Landes die Juden als Ablenkungsmittel für ihr gefährliche Tendenzen benützt, werden sie der Lage der Juden bewusst, werden sie sich nicht klar, dass etwas für die Brüder im Osten geschehen muss? Da antworten wir mit einem grausamen Nein und nur eine Tatsache möge ein grelles Licht auf unsere reichen Juden werfen. Von hundert und einigen Subskribenten für die letzte russische Anleihe in Oesterreich waren nur einige Christen — keine zehn — alles andere Juden!Und Mendelssohn und F i s c h 1 in Berlin und der Pariser Rothschild, der Bankier Russlands. Unsere Vermögenden lesen mit Unbehagen die Zeitung, sie senden an die „Alliance" einen ihren Vermögensverhältnissen durchaus nicht entsprechenden Beitrag zur Unterstützung ein und die Sache ist erledigt; dann in einem Jahre kommt wieder eine Judenverfolgung, da senden sie wieder einen Beitrag und das Herz ist beruhigt — Nein, meine Herren, wenn Sie lieber eine Lehre aus der Sache ziehen wollten und darnach handelten, wäre es besser. Dem reichen B r o d s k y, einem vielfachen Millionär, dem wurde sein Sohn weggeschossen, seine Palais demoliert, sein Hab und Gut in alle Richtungen weggetragen. Was heute in Russland dem Brodsky geschehen ist, kann morgen dem X. in Oesterreich passieren. Nur wenn wir unseren Grund und Boden haben, wenn wir die hunderttausende von Bedrängten und Bedrückten hinüberschaffen auf sichere Scholle, dann haben wir unsere Pflicht getan. Und die heutigen Verhältnisse in Russland sollen uns wieder in ihrer Furchtbarkeit ein deutlicher Beweis dafür sein, dass wir Zionisten nicht aufhören dürfen zu arbeiten, zu agitieren, den Nationalfonds und die Bank zu stärken, um unser Ziel zu erreichen. Es ist unsere Pflicht als Menschen und Juden und Pflicht der jüdischen Menschlichkeit! B e n - H u g. Die Notrufe. Petersburg, 9. November. Wir erhalten stündlich aus vielen Orten jammervolle Hilferufe. Sammelt so viel als möglich, sendet raschestens Hilfsmittel. Reiche Unterstützung sofort dringend notwendig. Die Not ist fürchterlich. Eydtkuhnen, 7. November. Die allgemeine Lage der russischen Judenheit ist kritisch. Hundert Gemeinden sind zerstört, unzählige Menschenopfer sind gefallen. Die Gefahr ist nicht vorüber, sondern droht noch weiter der gesamten jüdischen Bevölkerung. Notwendig sind sofortige Vorstellungen bei den europäischen Mächten, besonders bei England und Amerika. Unternehmet energische Schritte. Ekaterinoslaw, 8. November. Hier war eine schreckliche Judenplünderung. Es gab Morden hier und überall. Elisabeihgrad, 10. November.. Die Stadt wurde durch Hoolygans zerstört. Viele Juden wurden getötet oder verwundet, jüdische Häuser und Geschäfte zerstört und ausgeraubt. Rasche Hilfe ist nötig. Kiew, 9. November. Die Lage ist verzweifelt, Mord, Raub und Brandstiftung wüteten in unzähligen Judenstädten, manche Flecken wurden eingeäschert. Die Kiewschen Juden sind total ruiniert. Die kleineren geplünderten Städte sind hilf- und schutzlos, für letztere ist rasche, ausgiebigste Hilfe diingend nötig. Hunderttausende gehen dem Hungertode entgegen, bitte sämtliche Hilfsvereine Europas, Amerikas aufzurütteln, ausführliche Berichte an Allianzen folgen. Minsk, 9. November. Hier gab es neue Pogroms. Das Unglück: ist noch grösser, empörender, als man wusste. Telegraphische Schilderung unmöglich. Moskau, 10. November. Hunderttausende in den heimgesuchten Städten sind vollständig ruiniert, Tausende getötet oder verwundet. Kolossale konzentrierte Anstrengung ist notwendig. Hier ist eine Zusammenkunft der Vorsteher aller demolierten Ortschaften und der Hilfskomitees Europas geplant. Eine sofortige Konferenz der Wohltätigkeitsverbände, Bildung von Zentralkomitees ist notwendig. Kundgebung des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien anlässlich der Vorgänge in Russland. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat in der am Mittwoch den 15. d. M. stattgehabten örfentlicnen Plenarsitzung -einhellig folgende Resolution gefasst: „Wir Vertreter der Wiener Judenschaft haben uns heute versammelt, um im Namen derselben öffentlich Ausdruck zu geben der aus tiefstem Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütterndien1 Vorgänge an Russlland, welche gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, welche in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurst und ihrer Raubsucht frönen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, weiche durch skrupellose Aufwühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greueltaten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber furchtbarer Schandtaten mit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schmerz um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Sorge um unsere unglücklichen Brüder iru Russland rufen wir die Mächte an, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechtes und der Gesittung sich zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdruck an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten. Ansprache des Vize-Präsidenten Dr. Gustav Kohn in der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 15. November 1905. Geehrte Kollegen! Die heutige öffentliche Sitzung, welche leider in Abwesenheit unseres erkrankten Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern abgehalten werden muss, ist der Trauer gewidmet. Wir woBen in dieser Trauer Versammlung zum Ausdrucke bringen die tiefe Entrüstung, den furchtbaren Abscheu, das schmerzliche Entsetzen, welche uns ob der grauenhaften Morde und Plünderungen, die au unseren russischen Glaubensbrüdern begangen wurden, erfüllen und die alle diejenigen erfüllen sollten, welche sich Menschen nennen, ohne Unterschied der Konfession. Wir wollen Ausdruck geben dem Befremden, dass von anderer Seite nur vereinzelt der Aufschrei des Schmerzes, d£r sittlichen Entrüstung und Empörung sich vernehmen Hess, dem Befremden Ausdruck geben, dass unsere Regierung und die Mächte, welche bei Greueln von geringerem Umfange einzugreifen stets für gut befanden und befinden, in diesem Falle in stillschweigender Passivität sich verhalten haben und noch weiter verhalten.

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